Sonntag , 25. Oktober 2020
Die Große Bäckerstraße ist Lüneburgs Flaniermeile. Aber müssen die Geschäfte auch noch an weiteren Sonntagen öffnen? Die Meinungen darüber gehen auseinander, in der Politik aber überwiegen die Stimmen, die sich gegen eine Ausweitung der Ladenöffnungszeit aussprechen. Foto. A/t&w

Ladenöffnungszeit: Vier Sonntage sind genug

Lüneburg. Hotels und Restaurants, Krankenhäuser und Pflegedienste, Polizei und Verkehrsbetriebe in vielen Bereichen ist Sonntagsarbeit eine Selbstverständlichkeit. Laut Statistischem Bundesamt hat der Anteil der Erwerbstätigen, die sonntags arbeiten, von 10 Prozent im Jahr 1992 auf 14 Prozent im Jahr 2015 zugenommen, an Sonnabenden stieg der Arbeiteranteil von 21 auf 24 Prozent. Nun müssen die Ladenöffnungszeiten in Niedersachsen neu gestaltet werden. Das Bundesverfassungsgericht und das hannoversche Verwaltungsgericht hatten bemängelt, dass häufig die geforderte „Anlassbezogenheit“ für die verkaufsoffenen Sonntage fehle. In Lüneburg stieße eine Ausweitung der verkaufsoffenen Sonntage aber auf breite Ablehnung.

Die „Allianz für den freien Sonntag“ Niedersachsen, ein Bündnis kirchlicher und gesellschaftlicher Verbände, stellt sich gegen eine Ausweitung der Sonntagsöffnung von Geschäften, die oft gefordert werde und stößt damit sogar beim Lüneburger Handel auf Zustimmung. „Vier offene Sonntage sind ausreichend, mehr wollen wir gar nicht“, sagt Heiko Meyer. Als Vorsitzender des Vereins Lüneburger Citymanagement (LCM) vertritt er lokale Händler und Geschäftsleute, weiß aber auch, dass diese auf die vier zusätzlichen Verkaufstage pro Jahr nicht verzichten wollen. „Sie sind nicht nur für den Handel wichtig, auch für die Attraktivität der Stadt“, ist Meyer überzeugt, schließlich kämen viele Touristen auch zum Shoppen in die Stadt. „Und im Internet ist jeden Tag 24 Stunden lang geöffnet.“

Politiker sprechen sich gegen Ausweitung aus

„Eine Ausweitung darf es auf keinen Fall geben“, erklärt Klaus-Dieter Salewski. Der SPD-Fraktionsvorsitzende fragt sich, ob dieser Tag dem Handel tatsächlich nützt: „Schließlich kann man den Euro nur einmal ausgeben.“ Als Gewerkschafter lehne er die verkaufsoffenen Sonntage ohnehin ab. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Ulrich Blanck, Fraktionsvorsitzender der Grünen: „Ich halte eine Ausweitung für überflüssig.“ Statt mehr Zeit bräuchten die Menschen eher mehr Geld zum Einkaufen. Eine Ausweitung würde vor allem die kleineren inhabergeführten Geschäfte benachteiligen.

Das sieht auch der Fraktionschef der Linken, Michèl Pauly, so. Unterm Strich ergäben die verkaufsoffenen Sonntage ein „Nullsummenspiel, wenn alle geöffnet haben“. Einen generellen Verzicht halte er für sinnvoll, der aber müsste landesweit gelten. Zwar spricht sich auch die CDU gegen eine Ausweitung aus, sie zeigt aber auch Verständnis für den Handel. „Wir sind gut beraten, das Votum des Einzelhandels zu akzeptieren“, sagt Fraktionschef Niels Webersinn. Die Grenze sei aber erreicht, wenn die ohnehin schon angetastete Sonntagsruhe weiter strapaziert werde.

Abends länger öffnen

Gegen eine weitere Öffnung spricht sich auch die AfD aus. Sonntagsarbeit sei „familienfeindlich, besonders für Frauen“, erklärt der Fraktionsvorsitzende Prof. Dr. Gunter Runkel. Mit der jetzigen Lösung könne seine Fraktion leben. Sein Vorschlag: „Statt zusätzlicher offener Sonntage lieber abends länger öffnen.“

„Ich bin gegen eine Ausweitung“, sagt Birte Schellmann, Fraktionsvorsitzende der FDP, „ich weiß aber auch, dass ich damit nicht den überwiegenden Rückhalt in meiner Partei finde.“ An der Sonntagsruhe möchte sie festhalten, dieser freie Tag sei vor allem für Familien wichtig. Wenn sonntags mehr gearbeitet würde, bekämen das auch die Sportvereine zu spüren. „Wir sollten uns nicht nur für Sporthallen und Sportplätze einsetzen, es muss auch für den Sport selbst noch Zeit bleiben“, sagt Christian Röhling, Vorsitzender der Kreissportbundes. Zwar lägen ihm dazu keine belastbaren Zahlen vor, die zunehmende Sonntagsarbeit könnte aber auch mit ein Grund für den Mitgliederschwund sein.

Sport und Kirche sind mit aktueller Regelung zufrieden

„Ich bin sehr froh, dass wir in Lüneburg eine Vereinbarung für vier Sonntage gefunden haben“, sagt Superintendentin Christine Schmid. Der Sonntag sei wichtig für „alles, was Zeit braucht“, allen voran Familien, Kinder und Ältere. Der „Absprachemodus“ mit den Beteiligten in der Stadt klappe gut, damit werde Rücksicht genommen auf kirchliche Belange.

„Verkaufsoffene Sonntage bringen nicht mehr Umsatz, nur eine Verschiebung“, sagt Matthias Hoffmann, Geschäftsführer für den ver.di-Bezirk Lüneburger Heide. Im Handel gebe es ohnehin schon eine Sechs-Tage-Woche, ein weiterer Tag zum Arbeiten statt zur Erholung sei „familienfeindlich und eine enorme Zusatzbelastung für die Beschäftigten“.
Den Absprachemodus mit den Kirchen begrüßt auch Heiko Meyer. Zur gerichtlich geforderten Themenbezogenheit erklärt der LCM-Chef: „Wir achten sehr auf passende Aktionen.“ Lüneburg sei da „Vorreiter“.

Von Ulf Stüwe

Wochenendarbeit

Einer Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamts zufolge arbeiten Selbstständige mit Beschäftigten an Wochenenden deutlich häufiger als Arbeitnehmer:

  • Arbeit an Sonnabenden: Selbstständige 52,5 Prozent; Arbeitnehmer 23,7 Prozent
  • Arbeit an Sonntagen: Selbstständige 24,8 Prozent; Arbeitnehmer 13,3 Prozent
  • Arbeit an beiden Tagen: Selbstständige 23,9 Prozent, Arbeitnehmer 12,4 Prozent(Zahlen aus dem Jahr 2015)
Allianz für den freien Sonntag

„Der Sonntag ist das letzte Bollwerk, er darf für kommerzielle Zwecke nicht weiter ausgehöhlt werden“, mahnt Frederick Heidenreich. Er ist Sprecher der Landesallianz für den freien Sonntag, die sich für den Erhalt des Sonntags als „Grundlage für eine humane Gesellschaft“ einsetzt.

Mitglieder sind unter anderem die Arbeitsgemeinschaft der Familienverbände, evangelische und katholische Verbände, der Sozialverband, ver.di und der Landessportbund.