Sonntag , 25. Oktober 2020
Kaufhaus-Direktorin Andrea Exner (r.) und Teilnehmerin Roswitha Grabow freuen sich immer über Spenden. Diese können montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr in der Katzenstraße 3 abgegeben werden. Foto: be

Zeughaus bietet Langzeitarbeitslosen Perspektive

Lüneburg. Roswitha Grabow strahlt, wenn sie von ihrem Job erzählt. „Das ist so eine Bereicherung, hier arbeiten zu dürfen“, sagt die 62-Jährige, die im Lüneburger Zeughaus Waren auszeichnet und Kunden berät. Klassische Tätigkeiten einer Verkäuferin, die sie früher gelernt hat, aber die sie auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren nicht mehr ausüben durfte. „Wenn ich eine Bewerbung schreibe, sehen die Leute sofort mein Alter.“ Doch Roswitha Grabow möchte sich darüber nicht mehr ärgern. Sie ist glücklich über die Chance, die sie im Zeughaus bekommen hat.

Enorm große Spendenbereitschaft

Genau wie 20 andere Teilnehmer, allesamt Langzeitarbeitslose, die jedes Jahr an der von job.sozial angebotenen Maßnahme teilnehmen können. Mehrere Hundert Menschen haben so in den vergangenen zehn Jahren im einzigen Sozialkaufhaus in Lüneburg eine neue Beschäftigung gefunden. „Wir gucken nicht auf negative Dinge, die andere Arbeitgeber vielleicht schon festgestellt haben“, erzählt Projektleiterin Andrea Exner, „Wir gucken hier auf das, was die Leute mitbringen, und versuchen genau das zu stärken.“ Einige von ihnen hätten dort den entscheidenden Anstoß bekommen, den Weg ins Berufsleben zurückzufinden.

Andrea Exner wird von den anderen auch gerne als „Kaufhaus-Direktorin“ bezeichnet. Sie ist eine von vier Festangestellten, die die sogenannten Teilnehmer anleiten, ihnen zeigen, worauf es ankommt: Spenden annehmen, aussortieren, eventuell einen Knopf wieder annähen und für den Verkauf fertigmachen.
Die Spendenbereitschaft der Lüneburger sei enorm. Es seien schon pro Quartal mehrere Tonnen, da ist sich die Leiterin des Zeughauses sicher. „Wir könnten ganz Lüneburg einmal komplett mit Textilien vollstapeln, so viele Sachen sind hier in den letzten zehn Jahren durchgegangen.“ Vieles davon werde weitervermittelt an andere soziale Organisationen oder an einen Textilverwerter, „der zur Not Putzlappen daraus macht“.

Auch Porzellan, DVDs und Bücher im Angebot

In den Verkauf dagegen gehen nur qualitativ hochwertige Dinge, darunter auch Porzellan, Bücher und DVDs, zum großen Teil aber Textilien. Dafür werden in der hauseigenen Nähwerkstatt einige Sachen wieder „geflickt“. Auch hier haben einige Frauen eine Beschäftigung gefunden und ein neues Zuhause. Die vielen ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter, die sich am Freitag zu einer Feierstunde versammelten, schwärmten vor allem von der familiären Atmosphäre. „Hier treffen sich auch Nationen. Es ist ein buntes und vielfältiges Miteinander“, sagt Exner.
Über die vielen neuen Kontakte ist auch Roswitha Grabow froh. „Die anderen haben mir so geholfen, mich hier einzuarbeiten.“ Sollte die Arbeitsagentur ihre Maßnahme bald nicht mehr fördern, möchte sie auf jeden Fall weiterhin hierher kommen. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin.

Von Manuela Gaedicke