Montag , 26. Oktober 2020
Auf dem Dach eines Güterzuges quer durch Mexiko. Viele Jugendliche aus Mittelamerika nehmen diese Reise auf sich, weil sie in den USA auf ein besseres Leben hoffen. Foto: kathrin zeiske

Flucht auf Güterzügen

Lüneburg. Sie reisen auf Güterzügen, verbringen Nächte auf Friedhöfen und begegnen Banditen. Wenn Dirk Reinhardt von den Erlebnissen junger Flüchtlinge aus Mittelamerika erzählt, die er in seinem Jugendroman „Train Kids“ auf eindrucksvolle Weise niedergeschrieben hat, klingt das zunächst nach großem Abenteuer. Ein Abenteuer, das der 53-Jährige bei einer Reise nach Mexiko selbst auf sich nahm und damals nicht ahnte, welche Brisanz das Thema „Flucht“ kurz nach Erscheinen des Buches in Europa haben würde.

3000 Kilometer quer durch Mexiko

Im Lüneburger Johanneum las Dirk Reinhardt vor Neuntklässlern aus seinem Jugendroman „Train Kids“. Foto: t&w
Im Lüneburger Johanneum las Dirk Reinhardt vor Neuntklässlern aus seinem Jugendroman „Train Kids“. Foto: t&w

Seitdem hat der Autor aus Münster an mehreren hundert Schulen in ganz Deutschland aus seinem Roman gelesen. Jetzt war er zu Gast an der Schule am Katzenberg in Adendorf und am Lüneburger Johanneum. „Die Thematik in Mexiko scheint für uns weit weg. Aber wir erleben das hier an der Schule auch in anderer Form. Weil wir Schüler haben, die Ähnliches auf sich genommen haben“, sagt der Direktor des Johanneums, Friedrich Suhr, bei der Lesung vor den Schülern der 9. Klassen.

Die meisten von ihnen hatten das Buch noch nicht gelesen. Hilfreich also die Einführung von Dirk Reinhardt, der den Schülern Fotos von seiner Reise zeigte und ihnen vom Schicksal der jungen Flüchtlinge aus Ländern wie Guatemala oder Honduras erzählte: von ihren Versuchen, aus der Armut zu fliehen und dabei eine 3000 Kilometer lange Reise durch Mexiko auf sich zu nehmen. Durch die Wüste und durchs Hochgebirge mit dem Ziel, Monate oder vielleicht erst Jahre später in ihrem Land der Träume, den USA, anzukommen.
„Mir war es wichtig zu zeigen, wie die Jugendlichen ihr Schicksal selbst erleben und genau das zu schildern. Denn das kriegen wir im Fernsehen nicht mit“, erzählt Dirk Reinhardt, der mit einigen Flüchtlingen mehrere Tage verbrachte und ihre Schicksale im Buch nacherzählte.

Die Parallelen zur aktuellen Flüchtlingssituation in Europa werden darin erst auf den zweiten Blick sichtbar. Denn Reinhardts Geschichten haben wenig zu tun mit den bekannten Fernsehbildern von Menschen auf dem Mittelmeer. Die zwar Fakten schildern, durch ihre Eindringlichkeit Emotionen schüren, aber meistens an der Oberfläche bleiben.

Jugendliche sollen 29 selbst die Parallelen ziehen

Reinhardts Geschichte ist positiv besetzt, nicht dramatisch. Er beschreibt das persönliche Abenteuer von Jugendlichen, die manchmal ganz ähnliche Ängste und Probleme haben wie die Zuhörer seiner Lesung. „Ich fand es wichtig, von unserer Situation wegzugehen. Man hat immer gleich die ganzen ideologischen Auseinandersetzungen im Kopf, denkt an die AfD oder Pegida“, so Reinhardt. Sein Wunsch: Die Jugendlichen sollen selbst die Parallelen zu unserer Situation in Europa ziehen. Und zwar erst, nachdem sie das Buch gelesen haben.
29 „Train Kids“ von Dirk Reinhardt ist erschienen im Verlag Gerstenberg. 320 Seiten. 14,95 Euro. ISBN 978-3-8369-5800-4.