Mittwoch , 21. Oktober 2020
Die Lüneburgerinnen (v.l.) Ronja (12), Hanna (13) und Lily (13) sind Akteure im Fernseh-Spot für die Deutsche Fernsehlotterie, der in Lüneburg produziert wurde. Foto: t&w

Cybermobbing: Lüneburger Stiftung entwickelt App

Lüneburg. Anna ist dreizehn, sie hat Liebeskummer, ihr Freund hat mit ihr Schluss gemacht. Plötzlich steht er wieder vor ihr, bittet sie um ein Nacktfoto, weil er sie und ihren Körper vermisse, wie er sagt. Er verspricht, wieder mit ihr zu gehen. Anna schickt ihm das Foto und erfährt am nächsten Tag, dass alle ihre Mitschüler das Bild auf ihren Smartphones haben. Diese fiktive Geschichte ist Grundlage für eine „Cyberhelp-App“, die von der Lüneburger Stiftung Medien- und Online-Sucht mit Unterstützung der Deutschen Fernsehlotterie entwickelt wurde. Anfang 2017 soll sie im Fernsehen präsentiert werden, jüngst fanden in Lüneburg die Dreharbeiten statt.

Den Betroffenen die Scham nehmen

„Geschichten wie diese gehören zu unserem Beratungsalltag“, sagt Bernd Werner. Gemeinsam mit seiner Frau Arnhild Zorr-Werner leitet er die 2007 von ihnen gegründete gemeinnützige Stiftung. Beide beschäftigen sich seit langem mit den Auswirkungen von Medienabhängigkeit und exzessivem Medienkonsum von Jugendlichen und bieten dazu Programme zur Stärkung der Medienkompetenz an.

Jetzt haben sie gemeinsam mit der Lüneburger Web-Agentur Marktplatz GmbH eine Online-App entwickelt, die Jugendlichen einen „niedrigschwelligen“ Zugang zu schneller und professioneller Hilfe anbieten will. Wer sich die App aufs Smartphone geladen hat, kann per Chat mit der Stiftung in Kontakt treten und sich Rat holen. „Ziel ist es, den Betroffenen die Scham zu nehmen und ihnen deutlich zu machen: Du hast nichts Falsches gemacht“, sagt Arnhild Zorr-Werner. Der Vorteil: Per App erreiche man die Jugendlichen mit dem Medium, das sie am meisten nutzen. Außerdem stehe ihnen Hilfe zeitnah zur Verfügung: „Wir reagieren umgehend, spätestens in 24 Stunden.“

Ausgrenzung durch Spott, Häme und Schikane ist unter Jugendlichen kein neues Phänomen. Schon immer gab es Mobbing in der Schule und im Alltag. Doch während der „Tatort“ früher zumeist der Schulhof war, gelangen Mobbing-Aktivitäten heute per E-Mail oder Chatroom bis ins Kinderzimmer.

„Die Opfer haben keine Chance, zu entkommen. Sie finden keinen Schutzraum mehr“, sagt Bernd Werner. Besonders schlimm: Beim Cybermobbing können die Täter anonym bleiben und das Opfer immer und überall erreichen. Einer Studie der Techniker Krankenkasse zufolge ist ein Drittel der Jugendlichen schon mal Opfer solcher Verunglimpfungen geworden.
Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützt das Projekt mit 119000 Euro für den Einsatz von zwei Mitarbeitern in der Beratung. Anfang 2017 wird ein in Lüneburg produzierter Spot in der Fernsehlotterie-Sendung vor der „Lindenstraße“ und vor der „Tagesschau“ gezeigt, der genaue Sendetermin steht noch nicht fest. „Damit erreichen wir acht bis zehn Millionen Zuschauer“, freut sich Werner. Wie die Stiftung einen möglichen Beratungs-Ansturm auffangen will, „darüber müssen wir uns noch Gedanken machen“.

Die App wird bereits bei einer Multiplikatoren-Veranstaltung am 21. November von 10.30 bis 14 Uhr im Glockenhaus vorgestellt. Interessierte aus dem Bereich Jugendsozialarbeit, Elternarbeit und Schule können sich bis 17. November unter sekretariat@stiftung-medien­undonlinesucht.de anmelden.