Freitag , 30. Oktober 2020
Renate Peters vom Arbeitgeberverband gibt im Interview Tipps für ein erfolgreiches Praktikum. Foto: t&w

Praktika eher Chance oder Bürde?

Lüneburg. Praktika gehören heute zum Schulalltag – und sind somit längst zu einem Teil der Arbeitswelt geworden. „Mehr als 15 000 Jugendliche aus den 8. bis 10. Klassen im Verbandsgebiet des Arbeitgeberverbandes werden allein in diesem Schuljahr erste berufliche Erfahrungen mit Hilfe von Betriebspraktika sammeln“, weiß Renate Peters vom Arbeitgeberverband Lüneburg Nordostniedersachsen. Eine gewaltige logistische Herausforderung – für die Schulen wie für die Betriebe. In der Veranstaltung „Praxis und Recht“ informierten sich erst kürzlich mehr als 80 Personal- und Betriebsleiter über die Möglichkeiten, aber auch die Herausforderungen von Praktikanten in Unternehmen. Worauf Personalchefs und Lehrer achten sollten, damit Praktikanten nicht nur zur lästigen Bürde werden, erklärt Renate Peters im Gespräch mit LZ-Redakteur Klaus Reschke.

Interview

Was kann man beim Praktikum falsch machen?
Renate Peters: Der häufigste Fehler ist unzureichende Vorbereitung und Organisation – auf Seiten der Betriebe und der Schüler. Einige Schüler kümmern sich erst sehr spät um einen Platz oder übergeben die Suche gleich ihren Eltern. Da ist die Eigenmotivation, ein bestimmtes Unternehmen oder ein besonderes Berufsbild kennenzulernen, nicht besonders ausgeprägt. Entsprechend fallen der Verlauf des Praktikums und der Nutzen aus. Aber auch einige Betriebe sollten ihr Praktikumskonzept überarbeiten. Gibt es einen Ablaufplan? Hat der Praktikant Aufgaben oder schaut er nur zu? Hat er einen Ansprechpartner? Haben die Mitarbeiter Zeit, sich um den Praktikanten adäquat zu kümmern? Manchmal kann es sinnvoll sein, die Betreuung den Azubis zu übertragen. Wir empfehlen unseren Betrieben, sich von den Praktikanten ein Feedback geben zu lassen. So können die Unternehmen die Qualität ihrer Praktika verbessern.

Sie raten den Betrieben auch, ein Praktikumskonzept und eine „Praktikums-Checkliste“ zu erstellen. Ist das nicht etwas viel der Mühe?
Nein, es ist gut investierte Zeit. Denn Schüler, deren Eltern und Freunde fungieren als Multiplikatoren. Was ich damit sagen will: Wenn sich der Praktikant gut informiert, betreut aber auch gefordert fühlt, erzählt er es weiter. Das ist unbezahlbare Werbung für die Betriebe. Unternehmen, die sich vorbereiten, finden leichter Auszubildende.

Praktika sind also die Visitenkarte eines Unternehmens?
Genau. Die Betriebe geben viel Geld für Azubi-Werbung aus. Dabei können sie mit einem spannenden Konzept und einer entsprechenden Betreuung des Nachwuchses oft viel mehr erreichen und so schon gezielt Jugendliche für den Betrieb begeistern. Wir haben erfolgreiche Beispiele aus vielen Unternehmen: Bei einem Kreditinstitut in unserem Verbandsgebiet kümmern sich die Auszubildenden oder die Nachwuchsführungskräfte um die Praktikanten. Es gibt feste Aufgaben und Projektarbeiten, so dass die Schüler gefordert, aber auch gefördert werden. Da kommt keine Langeweile auf. Das Konzept kommt so gut an, dass beinahe 90 Prozent der Praktikanten sich auch um einen Ausbildungsplatz bewerben. Bei einem Unternehmen für Lasertechnik erhält jeder Praktikant seinen persönlichen Ablaufplan mit den jeweiligen Ansprechpartnern für die einzelnen Module. Innerhalb von zwei Wochen hat der Schüler das gesamte Unternehmen kennengelernt. Er war in der Entwicklung, im Lager, in der Produktion und nimmt am Ende nicht nur ein umfassendes Bild von den Berufen und dem Betrieb mit nach Hause, sondern auch ein selbstgefertigtes Werkstück, das er stolz zeigen kann. Und er erhält ein qualifiziertes Feedback aus der Personalabteilung mit hilfreichen Tipps für seine weitere Bewerbungsphase.

Das klingt zunächst einmal nach viel Arbeit und Aufwand.
Aber es lohnt sich. Denn wenn ein Ablaufplan erst mal erstellt ist, haben alle Mitarbeiter im Unternehmen, die mit Praktikanten zu tun haben, einen verbindlichen Leitfaden in der Hand. Auch an betriebliche Belehrungen, zum Beispiel über Arbeitssicherheit und Verhaltensregeln im Betrieb, wird erinnert. Wer hat die Aufsichtspflicht? Wer führt das Gespräch mit Lehrern und Schülern im Betrieb? Auch das sind Punkte, die wichtig sind. Entsprechende Hilfen und Checklisten können bei uns im Verband angefordert werden.

Worauf sollten Unternehmen tunlichst noch achten?
Ist der Praktikantenvertrag unterschrieben? Ist ein Gesundheitszeugnis erforderlich? Ist der Arbeitsplatz soweit vorbereitet, dass der Jugendliche dort auch arbeiten kann? Sind die Ansprechpartner informiert? Daneben gibt es einige arbeitsrechtliche Besonderheiten, die beachtet werden müssen, unter anderen im Zusammenhang mit dem Mindestlohngesetz.

Das sind alles Hinweise für Unternehmen. Gibt es auch Punkte, die Jugendliche beachten sollten?
Selbstverständlich sollte sich der Jugendliche vorab über das Unternehmen und den Beruf, den er sich anschaut, informieren. Nur zu sagen, „Hallo, hier bin ich, nun bespaßt mich mal…“, das funktioniert nicht. Eigeninitiative, Motivation, aber auch gutes Benehmen sind Tugenden, die in der Schule, vor allem später aber auch in den Unternehmen gefordert und erwartet werden.