Montag , 26. Oktober 2020
Vom Wendland über die Lausitz bis nach Afrika. Die Filmemacher sind viel unterwegs. Jonathan Happ (hinten, v. l.), Jan Hargus und Susanne Neubronner sowie Katja Becker (vorn, l.) und Marco Kühne gehören zum harten Kern von graswurzel.tv. Foto: t&w

graswurzel.tv feiert zehnjähriges Bestehen

Lüneburg/Bardowick. Sie waren jahrelang mit der Filmkamera dabei, als sich Aktivisten dem Castor entgegenstellten. Zuletzt dokumentierten sie den anhaltenden Landraub in der Lausitz durch den Braunkohlebau oder die Bedrohung durch die Hinterlassenschaften durch Uran- und Goldabbau in Südafrika. Das ehrenamtlich organisierte, linke Medienprojekt „graswurzel.tv“, dessen Bildbeiträge auch hin und wieder von Nachrichtenagenturen und -sendern nachgefragt werden, feiert dieser Tage sein zehnjähriges Bestehen. Was einst als Studentenprojekt an der Leuphana begonnen hat, versteht sich heute als „alternativer Videojournalismus“, der längst über das Wendland hinausgeht.

Videoclips bei youtube

Die Bardowickerin Katja Becker (34) ist eigentlich ausgebildete Krankenschwester. Mittlerweile bestimmt aber, neben ehrenamtlichen Hilfseinsätzen, eher ihre Tätigkeit als freie Medienschaffende ihren Alltag. Es ist ein sonniger Herbsttag. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer in einem Holzhaus bei Bardowick und könnte durch die großen Fenster den Blick in den Wald genießen. Doch die Computerbildschirme auf dem Schreibtisch erfordern ihre ganze Aufmerksamkeit. Becker schneidet gerade ein Best-of der digitalen Videoclips zusammen aus zehn Jahren „graswurzel.tv“, die allesamt noch bei Youtube im Internet zu finden sind.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung lieferte die ersten Themen für das linke Medienprojekt. Kulturwissenschaftler Jonathan Happ (35) sagt: „Wir haben den Eindruck, dass die großen Medienhäuser in der Berichterstattung zu bestimmten politischen Themen eine Lücke lassen, die wir mit selbstproduzierten, aktuellen Videos schließen wollten.“ Das Videoportal Youtube steckte damals zwar noch in den Kinderschuhen, bot den idealistischen Filmemachern aber einen geeigneten Verbreitungsweg für ihre Filme.

„Wir wollen keinen Sensationsjournalismus abliefern, der den Protest pauschalisiert und vereinfacht, sondern ihn aus der Sicht der Bewegung wiedergeben“, heißt es in der Selbstdarstellung der Gruppe. Unter den sonst nur stets wenige Minuten langen Clips gibt es auch vollwertige Dokumentarfilme. Auf Umweltfilmfestivals preisgekrönt ist beispielsweise „Auf der Kippe“, den unter anderem Marco Kühne und Jan Hargus auf den Weg gebracht haben, und der eindrucksvoll den Widerstand gegen den Braunkohletagebau in der Lausitz nachzeichnet.

Am Freitag, 4. November, ab 18 Uhr veranstalten die Macher von „graswurzel.tv“ eine sogenannte Screeningtour durch die Stadt Lüneburg mit den besten Filmen aus zehn Jahren. Dabei werden an verschiedenen Stationen mit einem Projektor die Bewegtbilder an Hauswände geworfen. Start ist am Lüneburger Bahnhof. Im Anschluss ist eine Soliparty mit Livemusik und DJs geplant im Info-Café „Anna und Arthur“ (Katzenstraße 2).

Am Sonntag, 6. November, um 11 Uhr werden zudem die beiden Dokumentarfilme „Legacy Warnings!“ und „Auf der Kippe“ im Scalakino Lüneburg gezeigt, die Filmemacher werden auch anwesend sein.

Von Dennis Thomas