Samstag , 24. Oktober 2020
Kaufmannspräsident Michael Zeinert (l.) und Gast Dr. Willms Buhse, der über die digitale Revolution sprach, machen passend zum Thema ein Selfie. Foto: t&w

Herrenessen der Kaufleute: Amerikaner ziehen uns die Hosen runter

Lüneburg. Eigentlich wollten sie nur gut essen und plaudern. Doch vorher verblüffte und erschreckte sie Dr. Willms Buhse mit seinen Einschätzungen zur digitalen Revolution. Die ist in vollem Gang. Am Ende nahmen die Lüneburger Wirtschaftslenker beim Herrenessen am Freitagabend im Seminaris mit: Wer jetzt zu spät kommt, lernt nur noch die Risiken, aber nicht mehr die Chancen der digitalen Transformation kennen. Der rotiert ins digitale Abseits. Es war, kurz gesagt, das Herrenessen 2.0.

Internet-Experte Dr. Buhse hatte Nachrichten aus dem Silicon Valley für die Bosse. Er empfiehlt ein grundlegendes Umdenken, aber kein einfaches Kopieren der US-Modelle. „Wir haben es in der Hand, wir müssen ausprobieren, offener werden für Technologie und unseren Weg finden. Was in Amerika läuft, kann man nicht einfach auf deutsche Unternehmen übertragen.“ Der Druck des Wandels nehme zu, denn in vielen Firmen herrschten auf dem Weg in die Wissensgesellschaft immer noch die Strukturen der indus­triellen Revolution vor. Die Folge: „Amerikanische Firmen ziehen uns in einer Branche nach der anderen die Hosen runter.“

„18 der fast 31 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland sind von der Digitalisierung bedroht.“, Dr. Willms Buhse

Dr. Buhse fragte in einem Quiz unter anderem: Wie viele Firmen sind in den letzten zehn Jahren im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung aus den Top 500 der Forbes-Liste geflogen? Atemraubende 70 Prozent. Die meisten Gäste lagen daneben. Nicht anders war es bei der Frage zu Gefahren: Wie viel Hackerangriffen gab es täglich auf die IT bei den Winterspielen in Sotschi? Fünf Millionen am Tag. Und warum sind Smartphones in Japan längst wasserdicht? Die Japanerin nutzt es auch beim Duschen.

Internetriesen verändern die Welt

Dr. Buhse hatte aber auch harte Zahlen: Google könne heute mit seinem Wissen Risiken von Kunden besser und billiger einschätzen als Banken oder Versicherungen. Google habe Kosten von fünf Dollar pro Kunde, eine Bank liege bei 95 Euro. Ob man es mag oder nicht: Es sind Facebook, Twitter oder Google, die Internetriesen verändern unsere Welt. Und es sind Start-ups mit hervorragenden Ideen, die Millionen im Internet von Menschen aus aller Welt einsammeln und nicht bei der ängstlichen Hausbank. Und wer glaubt in gnadenloser Selbstüberschätzung, dass er die Speerspitze der digitalen Revolution ist, tatsächlich aber nur der Hemmschuh? Leider oft deutsche Manager.

Eine Studie in Deutschland, so Buhse, habe gezeigt, dass die „Paper Natives“ Sicherheit, Datenschutz und persönliche Kontakte großschreiben, die „Digital Natives“ Geschwindigkeit, Offenheit und globale Kontakte. Dazwischen läuft für Buhse die Konfliktlinie, die in Unternehmen über Wissensfluss und am Ende Transformation entscheidet. Die Zeit rennt, denn 18 Millionen der fast 31 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland seien von der Digitalisierung bedroht.

„Wir müssen die Kurve kriegen“

Buhse ist ein gefragter Gast, ob in Harvard oder am Massachusetts Institute of Technology, an deutschen Eliteuniversitäten, bei Daimler oder Lufthansa. Seine Thesen lauten: Ohne neue Führungskultur ist die digitale Transformation nicht denkbar. Maximale Transparenz, Führen unter Unsicherheit, Offenheit für neue Produkte und Wege, das unter anderem zähle künftig.
Der neue Präsident der Kaufleute, Michael Zeinert, lenkte bei seiner Begrüßung gleich den Blick auf das Zukunftsprojekt Lüneburgs, den Libeskind-Bau der Uni, „ein architektonisches Juwel, ein neues Wahrzeichen“, alle würden von der Strahlkraft profitieren. Zeinert, Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer, ist ganz sicher: „Der Bau wird dafür sorgen, dass wir, Region und Uni, international besser wahrgenommen werden. Ich bin überzeugt, jeder Euro, der in dieses Vorhaben investiert wird, zahlt sich am Ende aus.“ Negativschlagzeilen hat er genug gelesen: „Wir müssen jetzt mal die Kurve kriegen.“ Der Meinung sind lange nicht alle. Für genug Diskussionsstoff bei Pfeife und Bier war also gesorgt.

Von Hans-Herbert Jenckel

Dr. Willms Buhse

  • Studierte Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften
  • Dissertation über Wettbewerbsstrategien im digitalen Zeitalter
  • Technologie-Scout im Silicon Valley
  • Start-up-Gründung für den Bertelsmann-Konzern in New York
  • Geschäftsführer „CoreMedia“, Investment der Telekom
  • 2009 Start-up „doubleYUU“
  • Autor, Moderator, Coach und Berater in internationalen Konzernen
  • Bestseller: Management by Internet