Freitag , 30. Oktober 2020
Andreas Schultz muss täglich umdenken. Die Kehrmaschine ist ein Rechtslenker, der eigene VW-Bus wird vom linken Vordersitz aus gesteuert. Fotos: phs

Rinnsteinkosmetiker mit Leib und Seele: ein Tag bei der Stadtreinigung

Lüneburg. Der Fahrer im Rückspiegel hat es eilig. Immer wieder taucht sein silberfarbener Mercedes in der Fahrbahnmitte auf. Er drängelt, versucht offenbar, den Gegenverkehr einzusehen. Der Mann ist ungeduldig, will nicht länger nur hinterher fahren. Auf dem Ochtmisser Kirchsteig zieht er an der Kehrmaschine von Andreas Schultz vorbei, schenkt ihm einen verächtlichen Blick. „Das ist mein Alltag“, sagt Schultz. Mit seiner Kehrmaschine durchstreift er morgens von 7 Uhr an die Stadt. Den Lärm können nicht viele Passanten ertragen. Auch nicht die zwölf Kilometer pro Stunde, die sein Fahrzeug zurücklegt. „Ich muss mich oft rechtfertigen, vor allem immer die Dummheit einiger mit einberechnen.“

 

Andreas Schultz, 49 Jahre alt, klein und „gut gefüttert“, wie er selbst sagt, ist einer von 21 Stadtreinigern der Abwasser, Grün & Lüneburger Servicegesellschaft, kurz AGL. Mit der 2,50 Meter breiten und 8,60 Meter langen Großkehrmaschine fährt er das größte Geschütz im Fuhrpark – Fassungsvolumen: 6000 Liter. Alle zwei Wochen durchkämmt er damit das gleiche Gebiet: 193 Kilometer Ortsstraße, 12 Kilometer Fußgängerzone und 49 800 Quadratmeter Parkfläche. „Meine Aufgabe ist es, die Außenkanten maschinell zu reinigen.“ Das Prinzip ist das gleiche wie bei einem Staubsauger: Ein Tellerbesen transportiert den Schmutz vom Rinnstein zum Saugschacht. Durch einen Unterdruck wird er aufgesogen und landet im Innenraum der Maschine. Gleichzeitig spritzt Wasser heraus, etwa 2500 Liter am Tag. „Sonst könnte das Saugrohr verkleben.“ So hinterlasse er auch weniger Staub.

Kampf gegen die unbesiegbaren Laubmassen

Mit der auffälligen Kehrmaschine, die sechs Kubikmeter fassen kann, fährt Andreas Schultz während des Reinigungsprozesses nie schneller als zwölf Kilometer pro Stunde.
Mit der auffälligen Kehrmaschine, die sechs Kubikmeter fassen kann, fährt Andreas Schultz während des Reinigungsprozesses nie schneller als zwölf Kilometer pro Stunde.

Einige Zeit zuvor, Arbeitsbeginn um 6.30 Uhr auf dem Betriebshof der AGL. Schultz bringt den Motor auf Hochtouren. Mit einer Lautstärke von 103 Dezibel dröhnt er durch die Halle. Das ist in etwa so laut wie die Musik in einer Discothek oder der Lärm, den ein Presslufthammer erzeugt. Der Boden vibriert. Schultz hat sich längst daran gewöhnt. „Ich bin schon fast taub.“ Die Hitze macht ihm mehr zu schaffen. Die Anstrengung steht ihm ins Gesicht geschrieben, Schweißperlen tropfen auf seinen blauen Overall. „Im Sommer ist es hier unerträglich“, sagt der stellvertretende Vorarbeiter und deutet auf das Armaturenbrett. Etwas fehlt. Die Klimaanlage. Der Motor erreiche eine Temperatur von 90 Grad, sei direkt an das Fahrerhaus angelagert. An solchen Tagen sei die Sehnsucht nach der Idylle in Hittbergen groß. Seiner Heimat. Dort lebt er gemeinsam mit Frau, Kind und Schwiegereltern auf einem Hof. „Ich werde sofort ruhiger, wenn ich an dem durchgestrichenen Lüneburg-Schild vorbei fahre.“ Vor allem im Herbst. Da fechte er einen Kampf gegen die unbesiegbaren Laubmassen. Mindestens sechs Mal am Tag muss er dann zum Betriebshof zurückkehren, die Maschine ausleeren. Aber auch im friedlichen Hittbergen kommt Schultz nicht zur Ruhe. Sein Grundstück erstreckt sich über 2150 Quadratmeter. Der Hof braucht jede Menge Zuneigung. Beete müssen gepflegt, Tiere gefüttert werden. Dafür kann sich die Familie aber zu großen Teilen selbst versorgen. Alles landet im Kochtopf. Seine Augen leuchten, als er von der Hausmannskost seiner Frau erzählt. „Essen ist meine Leidenschaft.“ Der gebürtige Lüneburger ist vom Typ „geradeheraus“. Er sagt, was er denkt. Dabei spricht er etwas lauter, als es manche Ohren gewohnt sind. Der Lärm, dem er seit Jahren ausgesetzt ist, hat seine Spuren hinterlassen.

Schultz hat Humor, erzählt eine Geschichte nach der anderen, wenn man ihn nicht unterbricht. Er ist viel herumgekommen. Denn vor seiner Anstellung in Lüneburg ist er Fernfahrer gewesen. „Nicht unbedingt beziehungsverträglich“, sagt er.

1996 landete er bei seinem heutigen Arbeitgeber, kümmerte sich zunächst um das Grün in der Stadt. „Dort habe ich meine Frau kennengelernt.“ Er gründete eine Familie. Dass er nun seit 16 Jahren die große, orangefarbene Maschine durch Lüneburg manövriert, hat sein Leben um einiges leichter gemacht, kann Andreas Schultz heute sagen. Er hatte Zeit für seinen Sohn, der heute 14 Jahre alt ist. Geregelte Arbeitszeiten, freie Wochenenden – davon habe er als Berufskraftfahrer geträumt. Seinen jetzigen Job würde er am liebsten bis zur Rente ausüben. „Ich bin Rinnsteinkosmetiker mit Leib und Seele“, sagt er ganz selbstbewusst. Die Straßen ein Stück sauberer zu hinterlassen, ist seine Mission. „Dass es am nächsten Tag wieder dreckig ist, darüber darf man nicht nachdenken.“

Pflastersteine bleiben in einem tadellosen Zustand zurück

Mithilfe der roten Knöpfe kann Andreas Schultz die Wassermengen für die einzelnen Düsen einstellen.
Mithilfe der roten Knöpfe kann Andreas Schultz die Wassermengen für die einzelnen Düsen einstellen.

Nicht jeder hat Lob für Andreas Schultz und seine Kehrmaschine übrig. „Gefühlt stört man.“ Ihm sei bewusst, dass er während seiner Arbeit große Teile der Fahrbahn blockiere, einen ungeheuren Krach erzeuge und der Kehrbesen auch mal mit Steinen schmeiße. Schultz hat aber auch Fans. Menschen, die seine Arbeit schätzen. Für sie dreht er auch gern nochmal eine Extra-Runde. Da ist zum Beispiel der Magnolien-Liebhaber. Die blütenbehangenen Äste erstrecken sich weit über den kleinen Wendehammer in Ochtmissen. „Der Herr, der hier wohnt, fegt selbst“, weiß Schultz, der die Magnolie mit seinem mächtigen Fahrzeug nicht verletzten möchte. Für einen anderen „freundlichen Nachbarn“ legt Schultz auch gern nochmal den Rückwärtsgang ein und erhöht den Druck auf den Kehrbesen. Es bleiben Pflastersteine in tadellosem Zustand zurück. Auch zu spontanen Höflichkeitsdiensten ist der Familienvater gern bereit. Dann parkt er seine Maschine, klettert vom Fahrersitz und greift zum „richtigen Besen“. Nicht selten findet er zerbrochene Glasflaschen auf dem Bürgersteig vor. „Da kann ich nicht dran vorbeifahren.“

Schultz lässt sich für seinen Job nicht abwerten. Er steht dazu. „Denn langweilig ist er auf keinen Fall“, sagt er. „Es wird nie zur Routine, mich erwarten ständig neue Situationen.“ Während der Fahrt müsse er viele Dinge gleichzeitig beachten, auch mal kurzfristig reagieren. Andreas Schultz ist das Beispiel dafür, dass auch Männer Multi-Multitasking beherrschen. Er muss stets Verkehr, Straße und Arbeitsgerät im Blick behalten. Er muss den Druck, die Wasserzufuhr regulieren, Saugschlauch und Abluftsieb kontrollieren. Hat sich ein Ast verhakt, arbeitet die Maschine nicht mehr richtig. Um die Fahrbahnseiten vernünftig von Laub und Dreck zu befreien, darf Schultz dem Kantstein mit dem Kehrbesen nicht zu nah gekommen, aber auch nicht fern bleiben. Die Verantwortung wiegt auch im materiellen Sinne schwer. Schultz sitzt auf 240 000 Euro. „Eine enorme Verantwortung.“

Rücksicht ist das oberste Gebot in seinem Job

Der Rückweg führt Schultz wieder über den Ochtmisser Kirchsteig. Die Straße ist nun beidseitig von Autos zugeparkt. Geduld ist gefragt. Minutenlanger Stillstand. Ein Auto nach dem nächsten fährt an der Kehrmaschine vorbei. Niemand lässt den Fahrer vorbei. „Wer mich sieht, hat es immer eilig.“ Von Männern werde er selten vorbeigelassen. „Sie sind meist unentspannt.“ Rücksicht sei das oberste Gebot in seinem Job. Warten ist An­dreas Schultz gewohnt. Endlich wird er vorbeigewinkt. Von einer jungen Frau. Sie sitzt am Steuer eines blauen Golfs. Der Kehrmaschinenfahrer winkt zum Dank. Dafür erhält er das erste echte Lächeln des Tages.

von Anna Paarmann

Foto: t&w Landeszeitung Volontärin Anna Paarmann
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