Mittwoch , 21. Oktober 2020
Die Schülerinnen und Schüler auf dem Podium hatten viele Fragen an Dr. Gregor Gysi. Foto: t&w

Gregor Gysi im Gespräch mit Schülern – und zu Gast bei der LZ

Von Werner Kolbe

Lüneburg. Er kam, sah –und machte seinem Ruf als Chef-Rhetoriker der Polit-Szene alle Ehre: Gregor Gysi nahm sich am Abend in der Ritterakademie viel Zeit, um die Fragen der „Zeitgenossen von morgen“ zu beantworten. Charlotte Sophie Baschwitz, Felix-Bekir Christensen, Sophia Kristin Warnemünde, Julian David Münster, Janet Truong und Jacob Seebeck, Schüler des Gymnasiums Lüneburger Heide, wollten einiges von ihm wissen –und hörten viel. Über den Zustand der Politik, des Bildungssystems und vor allem immer wieder über Europa. Gysis Liste der Kritikpunkte an der EU ist lang. Sie reicht von Intransparenz bis zum Verlust der Solidarität. Und dennoch bekommen die Schüler ein flammendes Plädoyer für den Erhalt zu hören. Denn dieses Bündnis, in dem es „noch nie einen Krieg zwischen zwei Mitgliedsstaaten gegeben hat, ist wichtig für Euch, für Eure Zukunft“, schärft er den Schülern ein.

Verständnis für die Bundeskanzlerin

Fragen, gerne gepaart mit Kritik am Bildungssystem, nimmt Gysi gerne auf. 16 Bundesländer mit unterschiedlicher Bildungspolitik sind für ihn nicht nachvollziehbar, „Chancengleichheit für alle Kinder und ein einheitliches Bildungssystem von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern“ aber unabdingbar. Genauso wie Gemeinschaftsschulen. In mehreren Fragen wird moniert, dass die Schule zu wenig auf die Zukunft vorbereite oder nur oberflächliche Entscheidungshilfen gebe. Gysi rät Unentschlossenen dazu, das Freiwillige soziale Jahr zu nutzen, um „am besten im Ausland“ eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen.

Das Studium? „Viel zu verschult. Es gibt kein echtes Studentenleben mehr.“ Würde er dazu raten, Politiker zu werden? „Nein, würde ich nicht“. Er sei froh, dass seine drei Kinder sich anders entschieden hätten. Sind Politiker zu inhuman, zu inte­ressengeleitet? Gysi anwortet mit einem „Sowohl-als-auch“: Er schießt scharf gegen seinen Berufsstand, gegen Lobbyisten. Prangert eine verheerende Entwickungspolitik in Afrika an. Und doch erklärt er Politik ohne zu verklären. Und wirbt um Verständnis –auch für die Kanzlerin. Die Flüchtlingskrise? Europa sei überfordert, müsse aber dennoch helfen. Gysi skizziert Lösungswege, die beschritten werden müssen, denn: „Eure Zukunft ist mir zu unsicher.“

Sicher ist, dass Gysi Eindruck hinterlassen hat in der ausverkauften Ritterakademie. Dass er auf Honorar verzichtet hat, kann als Geschenk zum 30-jährigen Jubiläum des GLH verbucht werden.

 

Gregor Gysi zu Gast im LZ-Studio

Vor dem Gespräch war Gregor Gysi auch zu Gast bei der LZ – und stellte sich den Fragen von Redakteur Werner Kolbe.