Samstag , 31. Oktober 2020
Qualifizierte Mitarbeiter finden und an sich binden, das wird für Unternehmen immer schwieriger. Foto: A/be

Mitarbeiter als Mangelware

Lüneburg. Die Zahlen sind alarmierend: Bis zum Jahr 2031 wird die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter drastisch sinken, laut Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg allein in ihrem Bezirk um mehr als 17 Prozent oder 131000 Personen. Zwar stellt sich die Entwicklung für den Landkreis Lüneburg mit der Hansestadt als Oberzentrum und seiner Nähe zur Metropolregion Hamburg weniger dramatisch dar, doch selbst hier wird ein Rückgang um mehr als 7 Prozent erwartet. Die Folge des demographischen Wandels: Unternehmen und Betrieben gehen die Fachkräfte aus. Die IHK warnt deshalb: Nur attraktive Arbeitgeber hätten eine Chance, dieser Entwicklung frühzeitig entgegenzuwirken.

Werte des eigenen Unternehmens herausarbeiten

„Der Wettbewerb um die besten Köpfe nimmt rasant zu“, sagt Stefanie Huber. Als IHK-Beraterin für Fachkräftesicherung kennt sie die Nöte und Sorgen vieler Unternehmer, die sich zwar über volle Auftragsbücher freuen, zugleich aber mehr und mehr Probleme haben, geeignete Mitarbeiter zu finden. War das Verhältnis zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot im Jahr 2013 noch ausgeglichen, geht die Schere seitdem immer weiter auseinander. Bis zum Jahr 2031 wird sich im IHK-Bezirk Lüneburg-Wolfsburg eine Fachkräftelücke von mehr als 50000 Personen auftun, wie die IHK mit Bezug auf Daten des Landesbetriebs für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen darlegt.

„Der Wettbewerb um die besten Köpfe nimmt rasant zu.“ Stefanie Huber, Beraterin für Fachkräftesicherung

„Deshalb ist es wichtig, sich zu positionieren und sichtbar zu werden“, sagt Soziologin Huber. Dabei komme es vor allem darauf an, die Werte des eigenen Unternehmens herauszuarbeiten und darzustellen, „was mich attraktiv macht“. Gehalt oder Statussymbole wie ein eigener Dienstwagen sei für viele der „Generation Y“ Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren nicht mehr allein ausschlaggebend, wenn es um die Wahl des passenden Arbeitgebers gehe. Beim „Work-Life-Blending“, der zunehmenden Verschmelzung von Job und Privatleben, komme es immer stärker darauf an, Faktoren wie Kinderbetreuung, die Pflege eigener Hobbys und das Wahrnehmen von Ehrenämtern, berufsbegleitende Weiterbildung oder die Pflege von Angehörigen berücksichtigt zu ­wissen.

Bewerbungen fast nur noch via Internet

Auf den Internetseiten der meisten Unternehmen aber finde sich davon nichts: „Die Seiten sind zu wenig Bewerber-orientiert.“ Ein Fehler, kritisiert Huber, denn Bewerbungen jüngerer Jobsuchender liefen in der Regel nur noch übers Internet. Auch der Kontakt zu früheren oder zeitweise ausgeschiedenen Mitarbeitern sollte nicht abbrechen, etwa für Mütter, die nach ihrer Erziehungszeit wieder arbeiten wollen. „Hilfe bei der Kitaplatz-Suche kann da viel bewirken.“ Auch Flüchtlinge könnten zur Verringerung der Fachkräftelücke beitragen, in welchem Umfang, sei derzeit aber schwer zu beantworten. „Man kann noch gar nicht genau sagen, mit wem man es zu tun hat“, sagt Huber. Von nicht bis sehr gut ausgebildet sei alles dabei.
Kritik, wonach Unternehmen sich zwar um Fachkräfte, nicht aber um weniger Qualifizierte wie Kassiererinnen in einem Supermarkt oder angelernte Lagerarbeiter bemühten, will Stefanie Huber sich nicht anschließen: „Da wird kein Unterschied gemacht.“ Attraktive Arbeitsbedingungen seien für alle wichtig, das wüssten auch die Unternehmen. Gleichwohl richte sich deren Blick vornehmlich auf die Fachkräfte, „weil die besonders fehlen“.

Dass Mitarbeitergewinnung schon heute ein Problem ist, spüren viele Unternehmen bereits. Laut IHK dauert es durchschnittlich 153 Tage, bis eine vakante Stelle wieder besetzt werden kann. Besonders arg sieht es im Gastronomiebereich aus: Dort sind es nochmals 20 Tage mehr, in Pflegeberufen sogar 50 Tage.

Von Ulf Stüwe

Daten zum Arbeitsmarkt

Entwicklung Erwerbspersonen bis 2030:

  • Niedersachsen: -15,1 Prozent
  • IHK-Bezirk: -17,3 Prozent
  • Kreis Lüneburg: -7,2 Prozent

    Frauenerwerbsquote 2011:
  • Niedersachsen: 70 Prozent
  • IHK-Bezirk: 70 Prozent
  • Kreis Lüneburg: 69 Prozent

    Teilzeitquote weiblich 2013:
  • Niedersachsen: 49 Prozent
  • IHK-Bezirk: 48 Prozent
  • Kreis Lüneburg: 51 Prozent

    Unbesetzte Ausbildungsstellen 2012/13:
  • Niedersachsen: 4,4 Prozent
  • IHK-Bezirk: 5,9 Prozent
  • Kreis Lüneburg: 6,9 Prozent