Donnerstag , 29. Oktober 2020
Eine Kutschfahrt durch Lüneburg steht bei Touristen hoch im Kurs. Im Gebäude hinter dem Gerüst sollen Lüneburg-Besucher künftig wohnen können. Das aber findet nicht nur Beifall. Foto: be

Wohnungen nur für Touristen

Lüneburg. Das Gebäude Neue Sülze 3 ist ein Einzelbaudenkmal und in bedauerlichem Zustand. Seit mehreren Jahren steht es leer und ist zunehmend dem Verfall ausgesetzt. Der Lüneburger Investor Jürgen Sallier hat das Gebäude gekauft und möchte dort elf Ferienwohnungen einrichten nebst einer Carport-Anlage. Der Bauantrag liegt der Verwaltung vor. Im Bauausschuss wurde darüber kontrovers diskutiert.

Der Hinweis auf Ferienwohnungen in der Lüneburger Altstadt freut Touristen, ärgert aber manchen Lüneburger, denn die Herbergen für Urlauber gehen zu Lasten regulärer Mietwohnungen, an denen es in der Hansestadt bekanntlich mangelt. Foto: t&w
Der Hinweis auf Ferienwohnungen in der Lüneburger Altstadt freut Touristen, ärgert aber manchen Lüneburger, denn die Herbergen für Urlauber gehen zu Lasten regulärer Mietwohnungen, an denen es in der Hansestadt bekanntlich mangelt. Foto: t&w

Laut Stadtbaurätin Heike Gundermann wurde dem Bauherrn bereits im vergangenen Jahr eine Baugenehmigung zur statischen Ertüchtigung des Gebäudes mit einer Stahlbetonsohle erteilt. Außerdem habe er eine Teilbaugenehmigung zur Sicherung der Dacheindeckung und -konstruktion erhalten. Hinter dem Gebäude, in dem die elf Ferienwohnungen entstehen sollen, erstreckt sich ein rund 3000 Quadratmeter großes Grundstück, das stark abfällt. Dadurch könnte eine Carport-Anlage an der südlichen Seite enstehen, die praktisch im Gelände verschwinden würde, erläuterte Heike Gundermann die Planungen. Außerdem wolle Sallier auf dem Grundstück gerne ein weiteres Haus errichten, für das allerdings noch kein Bauantrag vorliege.

Zusätzliche Lärmbelästigungen? 

Inzwischen wurden zu der geplanten Baumaßnahme Nachbarn beteiligt. Einer habe bemängelt, dass durch das Anfahren des Carports eine zusätzliche Lärmbelästigung entstehen könnte, verdeutlicht Heike Gundermann. Ein in Auftrag gegebenes Schallgutachten besage jedoch, dass die Immissionsrichtwerte eingehalten würden. Auch der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA) habe zwei Stellungnahmen abgegeben, dabei unter anderem deutlich gemacht, dass sich die Gauben im Dach nicht verändern dürften. ALA-Vorsitzender Christian Burgdorff zeigte im Ausschuss „Unbehagen darüber, dass Ferienwohnungen statt dauerhafter Wohnraum entstehen sollen“. Außerdem geht es bei aller Sympathie für Verdichtung für den ALA nicht an, dass das Grundstück mit einem weiteren Gebäude bebaut wird.

Auch Ulrich Löb (Grüne) sieht es kritisch, dass Ferienwohnungen geplant sind. Bereits im Mai 2015 hatte der ehemalige Fraktionschef der Grünen, Andreas Meihsies, darauf hingewiesen, dass immer mehr Ferienwohnungen im historischen Stadtkern entstehen auf Kosten des regulären Wohnraums für Lüneburger auf einem eh schon angespannten Wohnungsmarkt. In einigen Städten anderer Bundesländer gebe es bereits Verbote und Beschränkungen. Das Thema verschwand in der Versenkung. Löb stellte zudem die Überlegung an, ob die weitere Bebauung nicht auf dem Carport entstehen könne. Die Grünen sprechen sich bekanntlich für eine erhebliche Nachverdichtung aus. Heike Gundermann hielt dagegen: „Eine Lösung zu finden für ein mögliches Haus im Garten, dafür brauchen wir Zeit.“

VON ANTJE SCHÄFER

Gesetzliche Regelung fehlt

Ein breites Angebot an Ferienwohnungen ist gut für Touristen, doch die Domizile für Urlauber gehen auf Kosten regulärer Dauerwohnungen für Lüneburger. Die Marketing GmbH erklärte im Juni auf LZ-Anfrage, dass sie von mehr als 150 Ferienwohnungen in Stadt und Kreis ausgehe. Im Stadtgebiet wisse man offiziell von 65 Angeboten. Doch die Zahlen scheinen zu niedrig gegriffen. Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck hatte in dem Zusammenhang erklärt: „Aus Gesprächen mit Bürgern, die sich mit ihren Sorgen an die Bauaufsicht wenden, weil in ihrer Nachbarschaft statt Nachbarn Feriengäste eingezogen sind, wissen wir, dass nicht jeder, der solch eine Nutzungsänderung anstrebt, diese auch offiziell vorher anmeldet.“ Damit nicht immer mehr Ferienwohnungen entstehen, müsste allerdings in Niedersachsen die Zweckentfremdungsverordnung wieder eingeführt werden. Diese verhinderte bis 2003 unter anderem die Umwandlung von Wohnungen in Ferienwohnungen. In Hamburg gibt es seit Jahrzehnten eine Zweckentfremdungssatzung. Die besagt: Wer originären Wohnraum in eine Ferienwohnung umwandeln will, braucht dazu eine Genehmigung. Dr. Magnus-Sebastian Kutz, Pressesprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, sagt: „Aufgrund der angespannten Lage am Wohnungsmarkt werden solche Zweckentfremdungen seit langem nicht mehr genehmigt.“