Mittwoch , 28. Oktober 2020
Der Libeskind-Bau auf dem Uni-Campus besticht durch aufsehenerregende, aber auch teure Architektur. Foto: t&w

Libeskind-Bau: für ein paar Millionen Euro mehr

Lüneburg. Die Kosten fürs Zen­tralgebäude der Uni Lüneburg übersteigen das zuletzt genehmigte Budget von gut 72 Millionen Euro um viele Millionen. Das ist seit Monaten eigentlich bekannt. Aber in einem aktuellen wie vertraulichen Statusbericht ist jetzt von einem Plus von 24,5 Prozent oder 17,7 Millionen Euro die Rede. Das wieder ist deutlich mehr als bisher gedacht, und mehr als zurzeit auf Basis eines neuen Uni-Papiers vom Wissenschaftsministerium geprüft wird.

Prognosen und Risiken kennen nur eine Richtung

Laut Statusbericht aus der Steuerungsgruppe für den Libeskind-Bau liegen die Ist-Kosten jetzt bei rund 90 Millionen Euro. Dazu kommen prognostizierte Mehrkosten und Risiken. Summa summarum 97,8 Millionen, die womöglich finanziert werden müssen. Denn bisher kennen Prognosen und Risiken zum Zentralgebäude nur eine Richtung, sie verschieben sich zu den Ist-Kosten hin. Bei 57,7 Millionen Baukosten hat es angefangen. 40 Millionen Euro mehr könnten es nun werden. Und wer schultert die Mehrkosten?
Uni-Sprecher Henning Zühlsdorff sagt: Die Uni habe beim genehmigten Budget von 72,3 Millionen Euro schon früh auf die Kostenrisiken hingewiesen. „Das Land hat angekündigt, es wolle sicherstellen, dass die Finanzierung des Baus nicht zu Lasten von Forschung und Lehre gehe.“

Das steht im Statusbericht

  • Genehmigtes Budget: bisher: 72,3 Mio.€
  • Mehrkosten: 17,74 Mio.
  • Kostenstand Ist: 90 Mio.
  • Prognose: 96,3 Mio.
  • Ist/Prognose/Risiken: 97,8 Mio.

Im Wissenschaftsministerium sagt Sprecher Jan Haude: Die zweite Nachtragsplanung betrage rund 87,2 Millionen Euro Prognosen und Risiken nicht eingerechnet. Im Anschluss an die Prüfung der Unterlage durch die Oberfinanzdirektion sei der Landesrechnungshof an der Reihe. Haude: „Das Ministerium hat das Ziel, dem Haushaltsausschuss noch in diesem Jahr eine Beratungsunterlage vorzulegen.“ Gleichwohl räumt Haude ein: „Die nach Vorlage der zweiten Nachtragsplanung entstandenen weiteren Mehrkosten bilden einen Zwischenstand ab. Diese Kosten sind nicht Inhalt der zweiten Nachtragsplanung, da sie zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sind. Folglich sind diese bislang nicht vom Ministerium geprüft worden.“ Kurzum: Die Bauunterlage, die jetzt geprüft wird, ist im Grunde schon veraltet, die Kosten sind höher.

Kritischer Eröffnungstermin

Die Lüneburger sind längst neugierig, wie es im Libeskind-Bau aussieht, dessen Zink-Außenhaut schon in der Sonne leuchtet. Regelmäßig empfängt die Uni Besuchergruppen im Rohbau des neuen Zen­tralgebäudes. Die staunen allerdings nicht nur über die Größe und architektonische Verwegenheit, sondern auch über den ehrgeizigen Termin, Ende Januar in Betrieb zu gehen. Angesichts der Kabelage an der Decke und des Gewusels, glaubt das nicht jeder Gast. Uni-Sprecher Zühlsdorff versichert: „Wir liegen im Zeitplan. Ende Januar 2017 soll das Gebäude in Betrieb genommen werden.“

„Das Ministerium hat das Ziel, dem Haushalts-ausschuss noch in diesem Jahr eine Beratungs-unterlage vorzulegen.“
Jan Haude, Wissenschaftsministerium

Anhaltspunkte, dass es anders kommen könnte, bietet der Statusbericht. In der Ablaufplanung findet sich hinter dem Übergabetermin in Klammern das Wort „Prognose“ und eine rote Raute. In der Legende des Plans als „kritischer Meilenstein“ bezeichnet.
Berichte über Mehrkosten, Klagen über Verzögerungen, Kritik an Vergaben, ja, die Betrugsbekämpfer der EU im Haus. Mit der schrillen Begleitmusik lebt die Leuphana, seit mit dem Libeskind-Bau begonnen wurde. Mal klagt der Landesrechnungshof (2011), der Bau sei für reine Uni-Zwecke viel zu teuer, dann schlussfolgern die Betrugsbekämpfer der EU (2012), an der Uni habe man eine Ausschreibung bewusst umgangen, um die Libeskind-Ideen zu verwirklichen.

Den Aufwand massiv unterschätzt

Die Oberfinanzdirektion prophezeit in einem nicht-öffentlichen Bericht 2014: Träten alle Risiken ein, könnten es 125 Millionen Euro Baukosten werden. „Die Kosten für die Aufwendungen im Rohbau infolge der komplizierten Gebäudegeometrie sowie die Kosten für die hohe technische Ausstattung des Gebäudes wurden massiv unterschätzt.“ Mal ist es das Land selber, das im Sommer 2015 vertraulich klagt, Finanzierungsmodelle, die die Uni vorlege, um Mehrkosten zu decken, seien „ausnahmslos bloße Hoffnungspositionen“ ohne belastbare Grundlage.
Die Kosten führen derweil ein Eigenleben. Immer wenn das Ministerium sie fixieren will, sind sie schon wieder entwischt nach oben.

Auch sie zahlen für Libeskind-Bau

  • Land: bisher 21 Mio. €
  • EU: rund 14 Mio.
  • Stadt: 5 Mio.
  • Kreis: 2 Mio.
  • Bund/Wirtschaft: 3,4 Mio.
  • Kirchen/Klosterkammer/Sponsoren: rd. 1 Mio.