Freitag , 30. Oktober 2020
Der schnelle Kaffee auf die Hand sorgt für eine gewaltige Umwelt-Belastung. Deshalb propagiert die GfA in der Woche der Abfallvermeidung die Nutzung von Mehrwegbechern. Foto: dpa

Mit „Coffee-to-go“ in die Umweltkrise

Von Klaus Reschke

Bardowick. Es ist der sprichwörtlich schnelle Genuss: Der Kaffee im Becher zum Mitnehmen neudeutsch: „Coffee-to-go“. Fix beim Bäcker um die Ecke oder an der Tankstelle bestellt, rasch auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder zum Bahnhof getrunken. Ist der Becher leer, wird er achtlos weggeworfen. Bestenfalls in den Abfalleimer, nicht selten in die Natur. „Die Kaffeebecher sind ein massives Umweltproblem,“ stellt Diplom-Ingenieurin Katja Richter vom kommunalen Entsorger GfA mit Sitz in Bardowick fest. Denn: Der Kaffeegenuss dauert nur Minuten, „das vollständige Verrotten der Becher aber mehr als 50 Jahre“.

Europäische Woche der Abfallvermeidung

Katja Richter und ihr Kollege Gerhard Schreyer setzen daher auf das Umdenken bei Verbrauchern und Verkäufern: Statt auf Einweg- auf wiederverwendbare Becher. Bei der Europäischen Woche der Abfallvermeidung Ende November, an der sich auch die GfA wieder beteiligen wird, werden Richter und Schreyer in der Stadt Kaffee-Spezialitäten ausschenken. Freilich nicht in Einweg- sondern in wiederverwendbaren Bechern. Das Motto ihrer Aktion: „Coffee to go gut für den Kreislauf.“

Zur Zeit sind die beiden GfA-Experten dabei, möglichst viele Bäckereien und Coffeeshops als Kooperationspartner für ihre Umwelt-Idee zu gewinnen: „Die Bäckereien Kruse und Harms haben schon zugesagt“, freut sich Richter, mit anderen Unternehmen stehe man noch in Gesprächen.

Jedes Jahr 6,4 Milliarden Becher

Bereits in der Vergangenheit hatte sich die GfA an der Europäischen Woche der Abfallvermeidung beteiligt: 2014 tauschte der Entsorger Plastikeinkaufstüten gegen langlebige und umweltfreundliche Einkaufsbeutel. „Mit dieser Aktion sollte auf den allgemeinen Wegwerftrend und die Menge an Plastiktüten, die wir in unserem täglichen Leben nutzen, aufmerksam gemacht werden. 2500 orangefarbene Stofftaschen wurden in knapp sechs Stunden an die Passanten verteilt. Im vergangenen Jahr lief die Kompost-Aktion, jetzt sind es die Einweg-Kaffeebecher, denen Katja Richter und ihr Kollege Gerhard Schreyer den Kampf angesagt haben.

Aus vielen Gründen: Allein in Deutschland kommen nämlich laut Verbraucherzentrale Hamburg jedes Jahr 6,4 Milliarden Becher zusammen. „Weltweit landen so viele Becher auf dem Müll, dass sie ineinandergeschoben bis zum Mond reichen würden“, zitiert Schreyer aus entsprechenden Studien. Zu etwas geringeren Zahlen kommt die Deutsche Umwelthilfe: Sie geht von 2,8 Milliarden verbrauchten „Coffee-to-go“-Becher jährlich aus. „Stellt man die Becher mit dazugehörigen Plastikdecken aufeinander, entsteht ein 300000 Kilometer hoher Turm“, schreibt die Deutsche Umwelthilfe: In Form einer Kette ließe sich die Erde damit mehr als sieben Mal umrunden.

Vermeintliche Zeitersparnis

Recyceln lassen sich die meisten Becher auch nur bedingt. Der Grund: Die meisten Pappbecher sind innen mit Plastik beschichtet. Ein Einwegbecher besteht zu etwa fünf Prozent aus Polyethylen. Für die in Deutschland jährlich verbrauchte Menge an Einwegbechern sind laut Umwelthilfe 1500 Tonnen Polyethylen notwendig, die Deckel verschlingen 9400 Tonnen Polystyrol. Um beide Kunststoffe in erforderlicher Menge herzustellen, benötigt die Industrie jährlich 22000 Tonnen Rohöl.

„Eine gigantische Ressourcen-Verschwendung“, findet Gerhard Schreyer „nur, um ein Getränk auf die Schnelle zu konsumieren, das man eigentlich in Ruhe genießen sollte.“ Der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh hat dieses Phänomen untersucht und festgestellt: Der wichtigste Grund für die Pappbecher-Trinker sei wohl die vermeintliche Zeitersparnis. Mit dem „Coffee-to-go“ wolle man doch eigentlich „Zeit-to-go“ kaufen.“ Viele wissen nicht, dass das auf Kosten der Umwelt passiert.