Sonntag , 25. Oktober 2020
Gert von Harling aus Lüneburg ist Jäger, Schriftsteller und ehrenamtlicher Wolfsberater in Niedersachsen. Foto: t&w

Wolfsbüro im Visier

Von Dennis Thomas

Lüneburg. Haben es niedersächsische Behörden im Zusammenhang mit der Auswilderung eines Wolfswelpen mit der Wahrheit nicht so genau genommen? Diese Frage treibt seit Wochen den Jäger, Schriftsteller und ehrenamtlichen Wolfsberater Gert von Harling (71) aus Lüneburg um. Wie berichtet, wurde im Sommer ein abgemagerter Wolfswelpe zwischen Soltau und Schneverdingen von einer Familie aufgelesen und in der Wildtierauffangstation Soltau versorgt — mit möglichst wenig menschlichem Kontakt, um eine Prägung zu vermeiden.

Anstatt das Tier jedoch anschließend in ein Wildtiergehege zu geben, entschied sich das Wolfsbüro beim Niedersächsischen Umweltministerium für eine Auswilderung. „In anderen Ländern wurde dies bereits erfolgreich praktiziert“, hieß es von der zuständigen Behörde. Von Harling fragte wiederholt nach konkreten Beispielen. Vergeblich.

Berater hält Landesmitarbeiter für überfordert

Von Harling bezeichnet sich selbst als „bodenständigen Wolfsberater“ und glaubt, das Wolfsbüro sei angesichts von „Canis lupus“ und seiner Welpen überfordert: „Wie anders lassen sich Pressemeldungen erklären, die so falsch sind wie die Potemkinschen Dörfer und in der Substanz so grau in grau wie der Grauwolf.“ Und: „Wissenschaft verlangt Reliabilität, Validität und Kompatibilität. Ich mache weder Zuverlässigkeit, Gültigkeit noch Vergleichbarkeit aus im Fall jenes hilflosen Wolfswelpen, der im Juni 2016 zum Rudel zurückgeführt sein soll.“

Konkret geht es von Harling um folgende Formulierung, die auch zu Nachfragen bei ihm in seiner Funktion als Wolfsberater geführt hätten: „Für Deutschland ist dies der erste Fall, in dem ein junger Wolfswelpe wieder freigelassen wurde, in anderen Ländern wurde dies bereits erfolgreich praktiziert“, so hatte es der zuständige Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLKWN) im Sommer noch erklärt. Auf Nachfrage sei von Harling schließlich vom Wolfsbüro mitgeteilt worden, dass erfolgreiche Freilassungen von aufgepäppelten Welpen beispielsweise aus Polen bekannt seien. Ein späteres Nachfragen nach nachvollziehbaren Beispielen sei aber unbeantwortet geblieben, erklärte der Wolfsberater.

Anfrage zum Wolf beim NLWKN

Jetzt fragte die LZ noch einmal beim NLWKN nach. Die Antwort fiel ähnlich allgemein aus: „Freilassungen von Wolfswelpen hat es beispielsweise in Polen und den USA gegeben. Die Welpen wurden Berichten zufolge vom Rudel angenommen. Das Bundesnaturschutzgesetz sieht vor, dass streng geschützte Tiere, zu denen der Wolf zählt, nach dem Gesundpflegen freigelassen werden.“
Auf weiteres Nachfragen nach konkreteren Angaben hieß es telefonisch beim NLWKN: „Wir haben nur gesagt, dass es Beispiele gibt und wir von Berichten darüber wissen.“ Detaillierte Informationen könnte aber das Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“ liefern.

Die genannte Ansprechpartnerin, Biologin Gesa Kluth, wusste allerdings auch nur von einem Fall aus dem polnischen Beskiden-Gebirge — aus einem Vortrag. Auf den Fall war auch der Lüneburger von Harling gestoßen: „Nach meinen Erkenntnissen ist das knapp 20 Jahre her und war keineswegs ein Erfolg.“ Die LZ hat dazu eine Anfrage bei der zuständigen Organisation „The Association for Nature Wolf“ in Polen gestellt. Eine Antwort steht noch aus.

Expertenrat aus der Lausitz angefordert

Die Behörde weist unterdessen Kritik an der Auswilderung des Schneverdinger Wolfswelpen zurück. Schließlich hätte schnell gehandelt werden müssen, und die Niedersachsen hatten sich dazu Expertenrat auch aus der Lausitz geholt. Auf die Frage, inwiefern rückblickend die Auswilderungsaktion in der Lüneburger Heide ein Erfolg war und der Welpe sich wieder seinem Schneverdinger Rudel angeschlossen habe, schreibt das NLWKN: „Es gibt bislang keine gesicherten Erkenntnisse, ob der Welpe im Rudel wieder aufgenommen wurde. Um die Störung besonders gering zu halten, wurde bislang kein intensives Monitoring durchgeführt.“

Canis lupus breitet sich aus

In Deutschland leben immer mehr Wölfe. Inzwischen gibt es Nachweise für 46 Rudel, 15 Paare und vier sesshafte Einzeltiere, teilte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) gestern in Berlin mit. Das entspricht 120 bis 130 erwachsenen Wölfen. „Wir haben es mit einer deutlichen Steigerung zu tun“, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. Im vergangenen Beobachtungsjahr waren die Experten von etwa 110 erwachsenen Wölfen und nur 31 Rudeln ausgegangen. Jungtiere spielen in den Daten keine Rolle. Insgesamt sprach Jessel von einer „Erfolgsgeschichte des Naturschutzes“.

Der Wolf war in Deutschland vor 150 Jahren ausgerottet worden. Im Jahr 2000 wanderte dann erstmals ein Wolfspaar aus Polen zu. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: „Potenziell ist ganz Deutschland Wolfserwartungsland“, sagte Jessel. Rein rechnerisch könnten maximal 440 Wolfsrudel Platz finden. „Ich glaube aber nicht, dass wir das jemals erreichen werden“, so Jessel. Größter Feind sei weiter der Mensch. Nur 14 der 147 Wölfe, die seit 2000 in Deutschland tot aufgefunden wurden, seien eines natürlichen Todes gestorben. Der Großteil wurde überfahren, andere abgeschossen. dpa