Montag , 26. Oktober 2020
In Lüneburg wird reichlich gebaut wie hier im Speicherquartier. Daniel Fuhrhop hält das für den falschen Weg. Foto: t&w

Daniel Fuhrhop: „Verbietet das Bauen!“

Von Carlo Eggeling
Lüneburg. Die Einwohnerzahl der Stadt steigt stetig, überall wird gebaut. Politik und Verwaltung schauen, wo sie neue Bauplätze ausweisen können. Mit Sozialquote, denn für manchen wird das Wohnen angesichts steigender Mieten zur Existenzfrage. Da wirkt es fast ketzerisch, wenn Daniel Fuhrhop fordert: „Verbietet das Bauen!“ Der Autor war auf Einladung der Grünen in die Gasthaus-Brauerei Nolte gekommen und verkündete seine Thesen vor rund 40 Zuhörern.

„Neubauten lösen die Probleme nicht“, sagt der Betriebswirt, der 15 Jahre lang einen Architekturverlag leitete. „Es werden keine günstigen Wohnungen gebaut, dazu steigt der Flächenverbrauch. Das ist weder sozial noch ökologisch sinnvoll.“ Nutze man den Bestand, um ihn entsprechend umzubauen, hätten Handwerker genug zu tun, auch Architekten seien gefordert, gute und ansehnliche Ansätze zu entwickeln.

Daniel Fuhrhop findet, es gibt genug Häuser in Deutschland. Neubauten sind nicht nötig, man kann den Raum besser nutzen. Foto: ca
Daniel Fuhrhop findet, es gibt genug Häuser in Deutschland. Neubauten sind nicht nötig, man kann den Raum besser nutzen. Foto: ca

Der Einzelne sei gefragt, sich auf andere Formen des Wohnens einzulassen. Etwa indem er sein Einfamilienhaus mit sechs Zimmern mit einer Einliegerwohnung ausstatte. Auch Formen der Untermiete seien denkbar. Dass es zu wenig Wohnungen gebe, hält Fuhrhop für ein Gerücht: In den vergangenen 20 Jahren sei der Bestand in Deutschland um sechs Millionen Einheiten auf 41 Millionen geklettert: „Bei einer nahezu gleichgebliebenen Einwohnerzahl.“

Dass Regionen wie Hamburg, Berlin oder München aufgrund ihrer wirtschaftlichen Kraft wie Magneten wirken, und es daneben Landstriche wie den Harz oder Vorpommern gibt, aus denen Menschen mangels Arbeit fortziehen, ficht Fuhrhop nicht an. „Wir müssen uns fragen, welche Art von Wirtschafts- und Stadtmarketing wir betreiben“, sagt der 48-Jährige. „Die regionale Ungleichheit besteht seit zehn, zwanzig Jahren.“ Hätten Menschen bis dahin gern auch vor der Stadt gelebt, habe sich der Trend damals umgekehrt. Also sollte man aus seiner Sicht nicht noch die ohnehin prosperierenden Bereiche fördern, sondern jene, die sich leeren.

Betrieben fehlt der Nachwuchs

Er nennt als Beispiel Görlitz. Die Stadt an der polnischen Grenze locke mit einem kostenlosen Probewohnen, um Menschen von der eigenen Attraktivität zu überzeugen. Der Ort in der Oberlausitz gilt vor allem als Seniorenresidenz. Fuhrhop sagt, Rentner könnten dort charmant leben, junge Leute aber auch. Denn längst sei es in manchen Regionen wie etwa auf Usedom und Rügen, aber auch in der Eifel und dem Sauerland so, dass Betrieben der Nachwuchs fehle. Es könne durchaus attraktiv sein, Arbeiten und Wohnen in schönen Landstrichen miteinander zu verbinden.

Angesichts des Zuzugs von Hunderttausenden Flüchtlingen und Asylbewerbern versteht Fuhrhop Vorgaben, die zu regulieren versuchen, wo jemand sein Zuhause nehmen soll. Als in den 80er- und 90er-Jahren viele Aussiedler in die Bundesrepublik kamen, galt für sie — mit Ausnahmen — eine Residenzpflicht. Das Modell sei erfolgreich gewesen, findet Fuhrhop, der mit seiner vierköpfigen Familie in Oldenburg in einem Einfamilienhaus zur Miete wohnt: „Zwei Drittel der Menschen haben nach zehn Jahren immer noch dort gelebt, wo sie hingeschickt wurden. Da haben sich Gemeinschaften gebildet.“