Samstag , 31. Oktober 2020
Ein Radweg nach ihrem Geschmack: Lina Bernhardt (l.) und Julia Graßhoff haben zusammen mit 18 Kommilitonen der Leuphana einen Radfahrklimabericht für Lüneburg entworfen. Die neue Asphaltierung des Wilschenbrucher Wegs ist für sie ein Positiv-Beispiel. Foto: t&w

Leuphana: Studenten geben 3- für Lüneburgs Radfahrklima

ap Lüneburg. Die Studenten der Leuphana setzen im Alltag überwiegend aufs Fahrrad. Deshalb kennen sich die meisten von ihnen gut aus, wo das Radeln besonders Spaß macht und sicher ist und wo holprige Wege und unübersichtliche Situationen zum Problem werden. In einer Studie haben sie jetzt die Fahrradfreundlichkeit in Lüneburgs untersucht. Herausgekommen ist gemessen an Schulnoten gerade mal eine schwache Drei.

98 Prozent der Studenten in Lüneburg nutzen ein Fahrrad, 66 Prozent sogar mehrmals täglich. Das besagt die Studie zum Radfahrklima in Lüneburg unter Federführung des Diplom-Psychologen Michael Oehl, der zusammen mit 20 Studenten Daten und Stimmen ausgewertet hat. Ein Ergebnis dabei: Etwa jeder fünfte Student sei auch schon Opfer von Fahrraddieben geworden.

Mittelfeld beim ADFC-Test

Ausschlaggebend ist wie auch bei der ersten Erhebung vor einem Jahr der „Fahrradklima-Test“ des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, kurz ADFC. Dabei hatte Lüneburg nur einen Mittelfeldplatz errungen (LZ berichtete). Die Vergleichsstichproben förderten vor allem das Ergebnis zutage, dass die Lüneburger Studenten das Fahrradklima etwas positiver wahrnehmen, aber in vielen Kritikpunkten mit dem ADFC übereinstimmen.

Lina Bernhardt und Julia Graßhoff studieren im vierten Semester Wirtschaftspsychologie an der Leuphana, sie haben die Studie im verkehrspsychologischen Seminar von Michael Oehl mitentworfen, zusammen mit ihren Kommilitonen auch 113 Studenten befragt.
Julia Graßhoff verdeutlicht: „In dem Seminar haben wir anwendungsbasiert gearbeitet, empirische Daten ausgewertet und so die Möglichkeit erhalten, wirklich etwas zu verändern.“ Die Ergebnisse der Studie seien zum größten Teil erschreckend, auch wenn sie etwas positiver ausfallen als im Vorjahr, findet sie. Das Fahrradklima in Lüneburg wurde mit einer „schlechten Drei“ bewertet. Besonders negativ sind den Studenten der immense Diebstahl von Fahrrädern und die mangelhaften Transportmöglichkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgestoßen. Dafür haben die Studenten jeweils eine Durchschnittsnote von 4,7 vergeben.

Zu viele Brennpunkte

Lina Bernhardt ist aus ihrer Heimat das Querfeldeinfahren gewohnt. In einer selbsternannten Fahrrad-Stadt wie Lüneburg habe sie daher Besseres erwartet. „Es gibt viele gefährliche Situationen, in denen der Fahrradfahrer das Gefühl hat, von einem Autofahrer nicht gesehen zu werden“, findet die Studentin und nennt als Beispiel den Kreisel am Krankenhaus. „Die Vorfahrtsregeln sind da vielen völlig unklar, ich habe da schon diverse Fast-Unfälle erlebt.“ Sie habe gelernt, dass der einfahrende Verkehr Vorfahrt habe, der ausfahrende die Radfahrer vorbeilassen müsse. „Aber das macht da keiner.“

Ein weiteres Negativ-Beispiel, das auch die befragten Studenten geäußert haben, ist die Uelzener Straße. Dort ist der Radweg durch eine dünne gestrichelte Linie vom Autoverkehr abgegrenzt. „Sie nennen es Sicherheitsstreifen“, sagt Julia Graßhoff mit einem deutlichen Unterton in der Stimme. „Der ist viel zu schmal, wenn man von einem Bus überholt wird, fühlt man sich ganz und gar nicht sicher.“ Auch der Zebrastreifen an der Ecke zum Munstermannskamp, der täglich von Hunderten Studenten überquert werde, werde stets ­ignoriert. „Die Autos sind da teilweise viel zu schnell unterwegs, außerdem ist die Situation dort schlecht einsehbar“, sagt Graßhoff. Als fahrradfreundlich würde sie Lüneburg daher nicht bezeichnen, fügt sie hinzu. Eher als „fahrradbelebt“.
Doch die beiden jungen Frauen kennen auch Positiv-Beispiele. „Der Wilschenbrucher Weg“, heißt es aus beiden Mündern. Die Straße sei neu asphaltiert worden. „Vorher war der Straßenbelag überall aufgerissen, das war mit dem Fahrrad wirklich unangenehm“, sagt Julia Graßhoff.