Freitag , 30. Oktober 2020
Das wars: Pickenpack-Mitarbeiter haben Transparente aufgehängt, darauf bringen sie ihre Trauer über das Aus des Unternehmens zum Ausdruck. Foto: us

Der Tiefkühlfisch-Produzent Pickenpack schließt

ca Lüneburg. Es war ein langsamer Tod. Gestern kam das Ende: Im Pickenpack-Werk an der Lüner Rennbahn stellten die Arbeiter die Maschinen ab. Es gab keinen Aufschrei aus Politik und Wirtschaft, dass ein Stück Lüneburger Wirtschaftsgeschichte endet. Vor 41 Jahren war der Betrieb von Hamburg an die Ilmenau gekommen mit vielen Stellen im produzierenden Gewerbe. Arbeit, die auch bei geringer Qualifikation mit Fleiß erledigt werden kann.

Es sei ein eigenartiges Gefühl, neben Anlagen zu stehen, die auf Hochtouren laufen, und zu wissen, es sei die letzte Nachtschicht, die man erlebe, sagt Wolfgang Ries. Der Betriebsratschef hat lange mit Silke Kettner von der Gewerkschaft NGG (Nahrung Genuss Gaststätten) für seine zuletzt 400 Kollegen gekämpft, es waren mal 650. Der Fischstäbchen-Produzent hatte vor Monaten Insolvenz angemeldet, der Verwalter hatte vollmundig erklärt, es gebe eine Zukunft. Doch er fand keinen Investor, der die Zukunft gestalten wollte.

Nein, hieß es am Telefon von der Rezeptionistin, Geschäftsführer Finnbogi Baldvinsson wolle nicht mit dem Reporter sprechen. Er verlasse gerade das Haus. Zumindest für ihn scheint es eine Zukunft zu geben. Der Branchendienst tk-report berichtet, dass die amerikanische Trident-Gruppe, die das Schwesterwerk im ostfriesischen Riepe übernommen hat, dem Isländer einen neuen Job angeboten habe. Er solle „eine Rolle bei der Expansion von Trident in Europa spielen“, meldete „Undercurrent News“ unter Berufung auf Aussagen von Trident-CEO Joe Bundrant. Baldvinsson sei ein Visionär.

Dabei glauben Arbeitnehmervertreter und die NGG, dass Baldvinsson der Mann sei, der Pickenpack in die Problemzone führte: Er habe das Werk in Riepe aufgebaut, das schließlich zur Konkurrenz für Lüneburg wurde und nun unter neuer Flagge weitersegelt. Arbeitnehmervertreter glauben, dass das Werk an der Lüner Rennbahn bessere Zahlen als der Standort Riepe schreibe und mehr Erfahrung besitze.

Aus für 400 Beschäftigte

Es hatte kurze Initiativen aus dem Rathaus gegeben, Gespräche im Wirtschaftsministerium. Der Betriebsrat hatte einem Sanierungskonzept zugestimmt, das 90 Stellen kostete. Vergebens. Der alte Eigentümer Pacific Andes in China habe sich nicht so recht gekümmert, hatte der Insolvenzverwalter später als einen Grund der Pleite genannt. Auch sein Bemühen hatte am Ende keinen Erfolg.

Es gab keine Trost-Resolution von Rat und Kreistag, wo man sonst so gerne zum Weltgeschehen Stellung bezieht, obwohl man nicht zuständig ist. Vielleicht auch, weil es längst Pläne gab, dass auf dem Gelände eine Halle für die Bundesliga-Volleyballer und Konzerte entstehen soll.

Betriebsrat Ries bleibt noch einen Monat: „Ich kümmere mich mit Kollegen um die Rest­abwicklung, es muss einiges aufgeräumt werden.“ Die meisten der Betroffenen würden heute in einer bis November laufenden Transfergesellschaft beginnen, um neue Perspektiven zu entwickeln. Doch für einige dürfte es schwierig werden, einen neuen Job zu bekommen: Wer Mitte 50 und ungelernt ist, habe wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und wenn es was gebe, dann müsse er Abstriche beim Gehalt hinnehmen.

Die Lebensmittelzeitung hat jüngst geschrieben, die Lüneburger Pleite habe durchaus Gutes: 60000 Tonnen Fischprodukte verschwänden so von einem übervollen Markt.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge zum Aus von Pickenpack in Lüneburg

sp Lüneburg. Mit Verwunderung hat Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Berichterstattung in der Landeszeitung zur Kenntnis genommen:

„Pickenpack ist ein traditionsreiches Unternehmen. Das Aus ist für Lüneburg, vor allem aber für die rund 400 Mitarbeiter, die es einmal waren, ein gewaltiger Einschnitt. Vor allem handelte es sich hier auch um Produktionsarbeitsplätze, an denen also auch Ungelernte ihren Lohn verdienen konnten.

Kein anderes Unternehmen haben wir von Seiten der Stadtverwaltung gemeinsam mit der Lüneburger Wirtschaftsförderungs-GmbH (WLG), mit dem Wirtschaftsministerium, mit dem Betriebsratsvorsitzenden, mit dem Geschäftsführer und dem Insolvenzverwalter deshalb zuvor so intensiv und lange begleitet wie Pickenpack. Um kein anderes Unternehmen haben wir uns mehr gekümmert. In zig Runden haben wir uns mit dem Wirtschaftsministerium getroffen. Wir haben unter anderem mit möglichen Investoren aus den USA verhandelt. Und wir haben überlegt, selbst das Firmengelände zu erwerben, wenn es finanziell darstellbar gewesen wäre, um Pickenpack notwendige Liquidität zu verschaffen. Leider alles vergebens.

Maßgeblich zwei Dinge sind am Ende für die wirtschaftlich desolate Lage von Pickenpack verantwortlich:

1. Der Markt an Fischprodukten, wie Pickenpack sie hergestellt hat, ist übersättigt.

2. Der alte chinesische Eigentümer war nicht bereit, mindestens so in das Werk zu investieren, wie dies am Standort Riepe der Fall gewesen ist, wo der Betrieb übrigens mit Leiharbeit aufrechterhalten wird.

Es ist nicht selbstverständlich, dass unter diesen Bedingungen eine Transfergesellschaft zustande kam. Und es ist auch nicht selbstverständlich, dass der Firmenstandort auch weiterhin für die gewerbliche Nutzung zur Verfügung steht. Hieran hat die Hansestadt Lüneburg gemeinsam mit der WLG und dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium einen wesentlichen Anteil. Immerhin gibt das einem Teil der Mitarbeiter und dem Standort eine Zukunftsperspektive.

Nicht zu akzeptieren ist der Unterton in der Berichterstattung, die Hansestadt Lüneburg hätte die Pleite von Pickenpack sehenden Auges hingenommen, um jetzt dort eine Mehrzweckhalle bauen lassen zu können. Pickenpack und die Mehrzweckhalle stehen in keinem Zusammenhang, denn auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes, auf dem jetzt die ,Arena Lüneburger Land‘ gebaut werden soll,  hat Pickenpack niemals produziert. Pickenpack hatte das Gelände als mögliche Erweiterungsfläche erworben. Das Unternehmen selbst wollte die Fläche bereits vor zwei Jahren verkaufen. Dabei haben wir das Unternehmen damals unterstützt in der Hoffnung, mit dem Verkaufserlös könne in das Werk und damit in die Produktion investiert werden, um den Standort Lüneburg für Pickenpack zu sichern.“