Samstag , 19. September 2020
Klaus-Peter Teichmann (Mitte) und das Ehepaar Renate und Eckhard Raschke blicken auf die Ausgleichsfläche, die von der Stadt aufgeforstet wurde. Doch woher kommen die vielen Birken, die wenige Meter von ihren Grundstücken entfernt in die Höhe sprießen? Foto: ahe

Anwohnern ist städtische Ausgleichsfläche ein Dorn im Auge

ahe Lüneburg. Beim Blick über den Gartenzaun am Klosterkamp werden sich Anwohner und Stadt wohl nicht mehr grün. Wo einst ein Landwirt sein Feld bestellte, hat die Stadt vor fünf Jahren eine Ausgleichs- und Ersatzfläche für die Baugebiete Volgershall und Bilmer Berg geschaffen. Machten Klaus-Peter Teichmann und einigen seiner Nachbarn anfangs vor allem die Disteln zu schaffen, deren Blüten stets zu ihnen herüber wehten und wie Schnee auf ihre Grundstücke fielen, sind es nun Birken, die für Ärger sorgen.

Teichmanns Garten ist akkurat gepflegt, ebenso der von Renate und Eckhard Raschke direkt nebenan. Gemeinsam stehen sie an der Grundstücksgrenze und blicken gen Wendisch Evern. „Früher konnten wir von hier richtig weit gucken, das Klostergut Willerding sehen und all die Felder. Was meinen Sie, wie schön das war, als das alles geblüht hat“, sagt Teichmann wehmütig. So paradox es klingt: Heute verdeckt ihnen die Natur den Blick auf die Natur. Denn hinter dem Drahtzaun, den die Stadt gut zwei Meter hinter ihrer Grundstücksgrenze gezogen hat, sprießen inzwischen jede Menge Bäume in die Höhe.

Etwa 25.000 kleine Bäume, vor allem Traubeneichen, aber auch Laubbaum-Mischarten wie Spitz- und Bergahorn, Lärchen, Feld- und Bergulmen hatte die Stadt auf dem etwa sechs Hektar großen Areal gepflanzt. Sarah Cramer von Clausbruch aus dem Pressereferat erklärt: „Die Aufforstung stützt sich auf offizielle Bebauungspläne. So wurde das Thema beispielsweise im Grünflächen- und Forstausschuss vom 22. Juni 2011 diskutiert und von den Mitgliedern einvernehmlich zustimmend zur Kenntnis genommen. Alle Bäume befinden sich in ausreichendem Abstand zu den Grundstücken. Das Niedersächsische Nachbarschaftsgesetz besagt, dass die Bäume, die eine Höhe von etwa zwei Metern haben, einen Abstand von einem Meter zu den Grundstücken haben müssen.“

Das Distelproblem, über das die LZ bereits vor drei Jahren berichtet hatte, sei tatsächlich geringer geworden, gestehen die Anwohner ein, für Ärger sorgen aber jetzt vor allem die vielen Birken, sie stehen auch besonders nah an der Grenze, vielleicht drei Meter vom Zaun entfernt.

Teichmann verweist auf eine E-Mail, die er von der Stadt im Jahr 2011 bekommen hatte. Darin heißt es: „Im Übergang zu den Privatgrundstücken verbleibt ein Abstand von 30 Metern, der nicht mit Bäumen aufgeforstet wird.“ Die Stadt versichert: Sie habe die Birken nicht gepflanzt, sie hätten sich im Laufe der Jahre selbst ausgesät. Die Anwohner bezweifeln das. Renate Raschke moniert: „Wir können häufig nicht mal auf unserer Terrasse Kaffee trinken, weil das ganze Zeug von den Birken rüberfliegt. Die Blüten sehen aus wie kleine Plättchen, sie verstopfen auch die Dachrinne. Und wir sind schließlich nicht mehr die Jüngsten, um ständig da raufzuklettern und sauber zu machen.“

Die Stadt dagegen will die Natur auch Natur sein lassen. Sie bewertet das Dasein von Birken und Wildkraut als positiv: „Wir sollten es vermeiden, in die ganz natürlichen Prozesse, die am Klosterkamp stattfinden, einzugreifen. Das Wildkraut und die Birken spenden den gepflanzten Bäumchen Schatten im Sommer und Schutz vor Frost im Winter, so dass sie gut wachsen können. Das sollte auch das Ziel sein, denn mit Größerwerden der Bäume wird der angesprochene Wildwuchs zurückgehen. Je weniger Sonne sie bekommen, desto stärker wird er zurückgedrängt. Deshalb haben wir uns entschieden, Bäume und Kraut vorerst stehen zu lassen. Wie alle städtischen Flächen behalten wir auch diese genauestens im Blick. Sollten dort ungewöhnlich viele Birken oder Disteln wachsen oder sie den Grundstücken zu nah kommen, werden wir natürlich tätig.“

Die Anwohner dürfte das kaum zufriedenstellen. Teichmann sagt lapidar: „Wer die Stadt als Nachbar hat, braucht keine Feinde.“