Dienstag , 29. September 2020
Unterricht ganz klassisch - in der neuen Schule soll es anders laufen. Foto: A/be

„Demokratische Schule“ in Lüneburg als Ziel

ap Lüneburg. Der Schüler bestimmt selbst, was er wann lernen will, ob er zum Wochenstart lieber rechnen, experimentieren oder in den Wald gehen möchte — so sieht das Rezept für eine neue Schule aus. Bettina Küntzel, Alina Zilien und Carsten Jungblut wollen sie in Lüneburg gründen. Vorbilder für das Lernen unter dem Titel „Demokratische Schule“ gebe es in Bargteheide, Hamburg und im Wendland.

Viele Grundsätze der staatlichen Schule will die Gründungsinitiative über Bord werfen, fortan auf Lernen ohne festen Lehrplan setzen, auf jahrgangsübergreifenden Unterricht, flexible Anwesenheitszeiten, Freiarbeit und anderes pädagogisches Personal als Lehrer. „Kinder sollten frei entscheiden können, was sie lernen und ihre Lernwege selbst gestalten“, findet Bettina Küntzel, die nach dem Prinzip schon seit vielen Jahren als Musiklehrerin in der Hanseschule Oedeme arbeite. „Viele sind verwundert, wenn sie von der Idee hören. Auch ohne Lehrplan ist es möglich, einen Abschluss zu machen.“ Dass die Schüler von sich aus lernen wollen, dass sie neugierig sind und wissenshungrig, „darauf vertrauen wir“.

Bettina Küntzel (v.l.), Alina Zilien und Carsten Jungblut mit Sohn Tjark wollen die Schulwelt in Lüneburg revolutionieren: Eine neue Schule ohne Lehrpläne, ohne Anwesenheitspflicht und ohne Benotung. Foto: ap
Bettina Küntzel (v.l.), Alina Zilien und Carsten Jungblut mit Sohn Tjark wollen die Schulwelt in Lüneburg revolutionieren: Eine neue Schule ohne Lehrpläne, ohne Anwesenheitspflicht und ohne Benotung. Foto: ap

Ein Grundproblem regulären Unterrichts sei aus ihrer Sicht der sogenannte mittlere Weg. „Manche Schüler wollen und können mehr als die anderen. Daher stehen die Lehrer immer vor der Aufgabe, ein Mittelmaß zu finden“, erklärt die Pädagogin. „Das bedeutet, dass einige sich da hineinzwängen, sich einem Niveau anpassen müssen.“ Das sei vor allem für die Lehrer eine Mammut-Aufgabe, viel hilfreicher sei eine Begegnung auf Augenhöhe. „Nicht die Erwachsenen entscheiden, was das Kind lernen soll und was nicht.“ Zu diesem hohen Maß an Eigenständigkeit gehörten Spaß, viel Zeit und eben auch Fehler. „Und dieses Selbstbewusstsein wächst nicht durch Leistungsbewertung, Noten und Sanktionen“, macht die Pädagogin deutlich.

Den Risiken dieser freien Schulform ist sich das Trio bewusst: „Es setzt voraus, dass Schüler sich immer wieder für einen Lerninhalt entscheiden müssen“, verdeutlicht Jungblut, der ebenfalls Lehrer ist. Denn einen klaren Stundenplan mit unterschiedlichen Fächern soll es an ihrer Schule nicht geben. Ein Schulgeld sei zunächst unumgänglich. „Es soll Angebote geben wie Workshops, Projekte, Werkstattarbeit, Rollenspiele und Exkursionen.“ Schüler könnten zudem auch selbst Angebote machen oder Bedürfnisse äußern. Dafür sei die wöchentliche Schulversammlung geeignet, an der jedes Schulmitglied gleichermaßen beteiligt sei. „So soll Schule als gestaltbar erlebt werden, den Kindern wird nicht von oben etwas aufgedrückt“, erklärt Carsten Jungblut. Bei Entscheidungen habe jeder die gleiche Stimme, über Anträge werde demokratisch abgestimmt.

Nun will das Team erstmal den Bedarf in Lüneburg abklopfen, eine Grundlage für weitere Arbeitstreffen schaffen. Nach einer Vereinsgründung sollen Konzepte erstellt, Genehmigungsverfahren eingeleitet, Räume gesucht, ein Finanzierungsplan ausgearbeitet und Schüler angeworben werden. „Lüneburg hat eine vielfältige Bürgerschaft, wir sehen ein großes Interesse für das Thema“, sagt Jungblut, der schon viele Freunde und Bekannte für die Pläne gewinnen konnte.

Zwei Genehmigungsverfahren sollen parallel laufen — für die Grundschule und für eine Sekundarstufe bis zum 10. Jahrgang. Der Abschluss würde extern abgelegt. „Wir möchten keine Einteilung nach Klassen, ein Achtjähriger sollte sich auch für etwas interessieren dürfen, was eigentlich für einen 14-Jährigen interessant ist und andersrum“, sagt Bettina Küntzel. Jungblut würde selbst gern an einer solchen Schule unterrichten, in seinem jetzigen Unterricht stoße er an Grenzen. „Man hat als Lehrer keine Möglichkeit, sich intensiv um jeden einzelnen Schüler zu kümmern.“

Der Info-Abend findet am Mittwoch, 22. Juni, ab 19 Uhr im Freiraum, Salzstraße 1, statt. Die Organisatoren zeigen den Film „Schools of Trust“.