Bei der von Wolfsfreunden ausgerichteten Infoveranstaltung blieben Referenten und Organisatoren weitgehend unter sich (v.l.): Christine Pätzold, Uwe Martens, Nicole Benning und Jens Matzen. Foto: t&w

Einsatz für Wolf und Tierhalter

dth Lüneburg. Das Thema Wolf polarisiert: Doch sich in sozialen Medien wie Facebook wortgewaltig für seine Rückkehr auszusprechen, ist das eine. Dem auch Taten folgen zu lassen, ist das andere. Das stellte jetzt Wolfsberater Uwe Martens enttäuscht fest. Über die Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements, das sowohl Isegrim als auch Tierhaltern nützen soll, informierte jetzt bei einer Veranstaltung am Lüneburger Uni-Standort Volgershall der Verein "Freundeskreis Freilebender Wölfe" sowie die Initiative "WikiWolves". Doch zum Bedauern der Organisatoren fand die Veranstaltung nur wenig Resonanz. Gerade einmal vier Zuhörer fanden den Weg in den Hörsaal eine Zuhörerin aus Lüneburg, einer aus Schneverdingen und ein Ehepaar aus Husum bei Nienburg. Dabei behandelten die Vorträge, insbesondere über Herdenschutz und die Freiwilligen-Initiative WikiWolves, Aspekte, die für die Wolfsdebatte durchaus fruchtbar sein könnten.

Speiseplan des Wolfes

Zunächst gab Jens Matzen, Koordinator der Wolfsbetreuung in Schleswig-Holstein, einen Überblick über "Biologie und Verhalten des Wolfes". Seinen Vortrag begann er mit einer Auflistung nationaler und internationaler Tierschutzparagraphen, vom Washingtoner Artenschutzabkommen bis zur Berner Konvention: "Es gibt, glaube ich, keine Tierart, die strenger geschützt ist."

Auch präsentierte Matzen die Auswertungen von 1552 Wolfslosungen (2001 bis 2009) aus der Lausitz, aus denen sich das Nahrungsverhalten der dortigen Wölfen herleiten ließe. Demnach stehen zu 52,2 Prozent Rehe auf Isegrims Speiseplan, 25 Prozent Rothirsch und 16,6 Prozent Wildschwein. Damhirsch kommt auf einen Anteil von 0,6 Prozent. Haustiere wurden zu 0,5 Prozent in den Verdauungsresten gefunden. "Das passiert, wenn Haustiere nicht richtig geschützt werden", sagt Matzen. Eine schlecht geschützte Schafherde sei für den Wolf so, "als wenn wir zu Aldi gehen und nur einpacken müssen".

Zäune und Schutzhunde

Einen geeigneten Weg, ihre Schafs- und Rinderherden zu schützen, hat Nicole Benning von der Schäferei Wümmeniederung in Scheeßel-Westerholz gefunden. Zugleich ist sie Mitbegründerin des Vereins für arbeitende Herdenschutzhunde in Deutschland. Sie referierte über "Herdenschutz und Schafhaltung". Seit Ausrottung der großen Beutegreifer in Deutschland seien Zäune für Weidetiere aller Art so gebaut worden, dass die Tiere nicht herauskommen können. Jetzt müssten Zäune aber so konzipiert sein, dass ein Wolf nicht hineinkomme.

Dazu sei ein Wildzaun aus Knotengittern oder Maschendraht mit einer Mindesthöhe von 180 Zentimetern erforderlich. Neben einem Untergrabeschutz gegen Wölfe müsse der Zaun auch Strom führen. Alternativ sei auch ein Elektrozaunnetz sinnvoll. Dass der Zaun aber seine notwendige Strom-Spannung halte, sei oft mit viel Aufwand verbunden und von der Witterung abhängig. "Zum einen müssen die Zäune regelmäßig von Bewuchs freigeschnitten werden." Auch führe "lange Trockenheit zu schlechter Erdung und damit zu Spannungsverlusten". Nicole Benning: "Das Gleiche gilt für lange Regenphasen." Und erst recht bei Schnee. Ihr Fazit: Zäune alleine reichen nicht für einen umfassenden Herdenschutz vor Wölfen.

Benning erzählt: "Als 2012 die ersten freigeborenen Wolfswelpen auf dem Truppenübungsplatz bei Munster zur Welt kamen, wussten wir, es ist fünf vor zwölf." Sie informierte sich über den möglichen Ankauf von Herdenschutzhunden, fand seinerzeit kaum geeignete Ansprechpartner. Gegen manchen Rat kaufte sie sich Kangal-Welpen, obwohl die Rasse den Ruf habe, auch gegen Menschen aggressiv zu sein. Benning habe diese Erfahrung nicht gemacht, sie ließ die Welpen mit einer Übungsherde in ihrem Garten aufwachsen. Heute züchtet sie neben Rindern und Schafen auch Herdenschutzhunde verschiedener Rassen. "Keine meiner Herden steht heute ohne Hunde auf der Weide, teilweise ganzjährig."

Die Hunde würden auch im Harz zum Schutz von Pferden eingesetzt, wenn auch nicht gegen Wölfe, sondern gegen Pferderipper. In Touristen-Gebieten würden die Hunde mit der Herde hinter einem Zaun gehalten. Die jährlichen Herdenschutzkosten für ihren Betrieb bezifferte sie auf rund 14000 Euro, Tendenz steigend.

Freiwillige Helfer

Zumindest beim Zaunbau will die Freiwilligen-Initiative "WikiWolves" den Nutztierhaltern helfen. Inspiriert von der Plattform "WikiWoods" bei der sich Freiwillige zu Pflanz- und Aufforstungsmaßnahmen verabreden, soll auch der Zaunbau ehrenamtlich unterstützt werden. Die regionale WikiWolves-Koordinatorin Christine Pätzold berichtete von den ersten Einsätzen in Niedersachsen bei einer Mutterkuh-Halterin im Heidekreis. Der Arbeitseinsatz zog sich schließlich über drei Tage hin, länger als gedacht. Jedoch: "Bei uns kann man Taten auf Worte folgen lassen, damit die Akzeptanz für den Wolf steigt", sagt Pätzold. Dafür werden nicht nur viele helfende Hände gesucht, sondern auch Nutztierhalter, die die Hilfe annehmen wollen. Weitere Infos unter www.wikiwolves.org.

„Wir brauchen ein aktives Monitoring“

Am Rande der Veranstaltung nahm Wolfsberater Uwe Martens zur Diskussion über das Munsteraner Rudel Stellung, das in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hatte. Zuletzt die Frage eines Amelinghausener Familienvaters, der wissen wollte, wie er seine Kinder vor Wölfen schützen soll.

Aus dem Ministerium hatte er den Ratschlag erhalten, seine Kinder mit Schrillalarmen auszustatten und dass sie sich gegebenenfalls mit Knüppeln wehren sollten. Dazu Martens: „Eltern auf dem Lande sollten sich bewusst machen, dass sich ein neues Wildtier verbreitet.“ Und: „Als die ersten Welpen auf dem Truppenübungsplatz zur Welt kamen, wurde die Chance verpasst, rechtzeitig Vergrämungsmaßnahmen zu ergreifen“, so hätten vielleicht ungewöhnliche Annäherungen des Wolfes an menschliche Siedlungen vermieden werden können. Martens sagt: „Wir brauchen ein aktives Wolfsmonitoring, das auch Aufgaben des Wolfsmanagements übernimmt.“

Zuhörer Wolfgang Schubert aus Schneverdingen warf zudem noch eine andere Frage in den Raum: „Wenn die Wölfe schon Sender tragen, warum kann man dann nicht in den Siedlungen Empfänger aufstellen, um zweifelsfrei festzustellen, dass die Wölfe die Ortschaften tatsächlich besuchen?“