Freitag , 23. Oktober 2020
Bis 1977 fuhr der Dieseltriebwagen im Personennahverkehr zwischen Lüneburg und Amelinghausen. Jetzt pendelte die Museumsbahn zwischen AVL-Lokschuppen und Kurpark. Foto: t&w

Hat die alte Bahn eine Zukunft? + + + Mit Videos

Zukunft und Vergangenheit lagen auf der Schiene selten so nah beieinander wie an diesem Wochenende. Die einen schwelgten mit ihrem Museumszug in Nostalgie und zeigten, wie wichtig es ist, Historisches zu bewahren, während die anderen versuchten, mit ihrem Zug ein politisches Ausrufezeichen für ein neues Projekt zu setzen. Beides darf — trotz Kritik — als Erfolg bezeichnet werden.

dth Lüneburg/Soltau. Die Sonderfahrten mit dem Erixx-Triebwagen am Sonntag zwischen Lüneburg und Soltau waren so stark nachgefragt, dass einige Fahrgäste stehen mussten, darunter auch Amelinghausens Heidekönigin Victoria Glaser. Der guten Stimmung an Bord tat das keinen Abbruch. So warb der Regionalverband Elbe-Heide des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) mit dem modernen Zug dafür, die Strecke Lüneburg-Soltau mit neuem Leben zu erfüllen. Tags zuvor erfreute sich auch die Museumsbahn der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL) großer Beliebtheit: Der Betreiber von Heide-Express und Bleckeder Kleinbahn hatte mit dem Triebwagen, der noch bis 1977 auf der Strecke Lüneburg-Soltau unterwegs war, einen Pendelverkehr zum Lüneburger Kurpark eingerichtet.

Bei der ersten Sonderfahrt des Erixx von Lüneburg nach Soltau blieb gestern kein Sitzplatz frei. Für den VCD ein Beleg dafür, dass die Strecke wieder Potenzial hat. Foto: t&w
Bei der ersten Sonderfahrt des Erixx von Lüneburg nach Soltau blieb gestern kein Sitzplatz frei. Für den VCD ein Beleg dafür, dass die Strecke wieder Potenzial hat. Foto: t&w

Den Vorstoß vom VCD, unter anderem unterstützt von der Gemeinde Bispingen, die alte Heidestrecke wieder fit für die Zukunft zu machen, stößt auch auf Kritik, brachte Christel John auf die Zinne: Gemeinsam mit der LZ stieg die Ortsbürgermeisterin des Lüneburger Stadtteils Oedeme bei der Haltestelle Rettmer zu und konfrontierte im Zug Leo Demuth vom VCD mit ihren Sorgen. Allerdings macht sie sich weniger Gedanken über Lärm, sondern „für mich ist die Sicherheit das Wichtigste. Wir haben an der Strecke in der Stadt drei unbeschrankte Bahnübergänge. Da passieren die meisten und schwersten Unfälle!“

„Dafür lässt sich eine Lösung finden, wenn man gemeinschaftlich will“, entgegnete Demuth. Die gewachsene Bevölkerung im Stadtteil Oedeme sieht der VCD-Vorstand sogar als Argument für eine Wiederbelebung der Bahn, so könnten noch mehr Menschen aufs Auto verzichten. Demuth: „Ende 2016 läuft die Bestandsgarantie für die Bahnstrecke aus. Wir müssen sie in Erinnerung halten.“ Sonst könnte sie komplett aufgegeben werden.

Ein ähnliches Schicksal drohte 2010 der Bahnstrecke Lüneburg-Bleckede. Hans Dierken von der AVL, die Sonnabend ihr 35-jähriges Bestehen feierte, sagte: „Wenn man eine Bahnstrecke stilllegen will, muss man sie vorher noch einmal zur Übernahme ausschreiben.“ So erhielt seinerzeit die AVL den Zuschlag für einen symbolischen Euro und betreibt auf dem Teilstück Lüneburg-Bleckede den touristischen Museumszug unter dem Titel Kleinbahn Bleckede.

Angedenk des Personnahverkehrs auf der Heidestrecke vergangener Jahrzehnte ließ die AVL den Original-Triebwagen von damals vom Bahnhofsgelände bis zum Kurpark pendeln und zog so zahlreiche große und kleine Eisenbahnfreunde an, die auch lustvoll beim Teilemarkt stöberten und alte Waggons und Loks besichtigten.

Offizielle Grüße vom Landkreis Lüneburg zum 35-jährigen AVL-Bestehen überbrachte die stellvertretende Landrätin Stefi Brockmann-Wittich. Zur Museumsbahn sagte sie: „Ich bin eine begeisterte Anhängerin dieser Idee.“ Man könne in dem ruhigen Tempo auf der Schiene viel mehr Natur genießen als mit dem Auto. Zur Sonderfahrt mit dem Erixx wäre sie wohl auch gerne gegangen, hat aber „vom Landrat kein grünes Licht bekommen“.

AVL-Vorsitzender Hans Dierken begrüßte indes die ­Initiative des VCD, für den Erhalt der Strecke zu kämpfen — auch wenn die Lüneburger Museumsbahnfreunde bei dem Vorhaben nur indirekt eingebunden wurden. Trotz teils persönlicher Animositäten zwischen den Vorständen hatte der VCD auf den AVL-Lokführer Andreas Schütte zurückgreifen müssen. Der lotste den ortsunkundigen Erixx-Lokführer bei der Sonderfahrt über die Strecke. Eigentlich zeigt es, wie fruchtbar eine Kooperation zwischen VCD und AVL sein könnte. Dierken: „Es ist auf jeden Fall wichtig, dass die Strecke erhalten wird und in Gänze benutzbar bleibt.“