Montag , 28. September 2020
Der neue Kuhstall sollte ihr Lebenswerk werden, Jens Timmermann und seiner Lebensgefährtin Marika Reichel die Zukunft sichern. Glauben kann das Paar daran aber nicht mehr, sie quält nur noch eine Frage: ­Wie lange halten sie bei den Milchpreisen noch durch? Foto: t&w

Ein Bauer, der nicht mehr weiterweiß

off Ahndorf. Nachts ist es am schlimmsten, wenn alles still ist im Haus, und nichts ihn mehr ablenkt. Dann liegt Jens Timmermann nach 14 Stunden Arbeit im Dunkeln und spürt, wie die Panik in ihm aufsteigt. Die Gedanken rasen durch den Kopf, alles dreht sich nur noch um die eine Frage: „Wie lange noch?“ Wie lange machen die Banken mit? Wie lange kann er Strom und Diesel bezahlen? Wie lange schafft er es noch, als Milchbauer zu überleben? Ein Jahr nach dem Fall der Milchquote ist aus seiner Hoffnung auf eine große Zukunft ein Albtraum geworden. Der millionenteure Stall, die 184 Kühe, „ein riesengroßer Fehler“, sagt Timmermann.

Mindestens 30 Cent pro Liter Milch braucht der 42-Jährige, um nur die laufenden Kosten decken zu können. 23 Cent hat die Berliner Milcheinfuhrgesellschaft (B.M.G.) ihm im letzten Monat für den Liter Milch bezahlt, glaubt man den Gerüchten, soll der Preis demnächst auf unter 20 Cent fallen. Andere Molkereien wie das Lüneburger Hochwald-Werk zahlen ihren Bauern noch ein paar Cent mehr. Zum Überleben reichen auch die nicht. Der Milchpreis ist im ganzen Land am Boden, ein Ende der Krise nicht absehbar. Schuld daran, sagen die Experten, sind der niedrige Ölpreis, der eingebrochene Export, die Überproduktion. Die Politik diskutiert über Lösungen. Für ihn, fürchtet Timmermann, kommen sie zu spät.

Mehr als eine Million Euro hat der Landwirt aus Ahndorf 2013 in den neuen Stall investiert, ein Vorzeigebau mit automatischem Melksystem, Ausläufen nach draußen, viel Licht und Luft, hohem Komfort für die Kühe. Stolz und voller Energie standen Jens Timmermann und seine Lebensgefährtin Marika Reichel damals im Futtergang und präsentierten ihr Lebenswerk. „Gut, dass wir uns getraut haben“, sagten sie, „mit diesem Stall haben wir eine Zukunft.“

Als es kurz darauf bergab ging mit den Preisen, dachten sich die Ahndorfer nicht viel dabei. Nach dem Wegfall der staatlichen Mengenbegrenzung war damit zu rechnen, doch Timmermann glaubte fest daran: „Der Markt wird das richten.“ Als Milchbauer hat er gelernt, mit schlechten Zeiten umzugehen, Tiefpreisphasen irgendwie zu überstehen. „Doch irgendwann muss das auch mal enden“, sagt er. Und genau das ist das Problem: Diese Krise will einfach nicht enden, statt mehr gibt es jeden Monat nur noch weniger Geld für die Milch.

Ahndorf, kurz nach 13 Uhr, Jens Timmermann sitzt mit drei Kollegen zum Krisengespräch am Küchentisch. Christoph (29) und Hans-Hermann (65) Behrens melken im Nachbarort 130 Kühe und haben 2014 neu gebaut, Rainer Hagemann (53) hat den Kuhstall, Baujahr 1994, abbezahlt und muss demnächst mit seinem Sohn entscheiden: neu bauen oder hinschmeißen? Alle drei Betriebe beliefern die B.M.G., alle drei können seit Monaten die laufenden Kosten nicht mehr decken.

Um trotzdem weitermachen zu können, haben diejenigen, die Rücklagen hatten, zuerst die aufgebraucht. „Dann musste man die Bank um Nachschlag bitten“, sagen sie. Wer neu gebaut hat, wird als nächstes die Tilgung stunden lassen müssen. Wie lange das gut geht? „Kommt auf die individuelle Situation des Betriebs an“, sagt Rainer Hagemann, „wer noch Ackerbau hat, eine Biogasanlage oder Kartoffelanbau hält länger durch. Auf Dauer geht aber jeder Betrieb dabei drauf“. Gefangen im System fühlen sich die drei Landwirte schon jetzt — und: allein gelassen von der Politik.

Jens Timmermann ist nicht mehr weit davon entfernt, alles hinzuschmeißen. Die Hand zu heben und zu gestehen: „Es geht nicht mehr.“ In den ersten Monaten der Krise hat er mit seiner Lebensgefährtin noch nach Auswegen gesucht, „Bio wollten wir machen“, sagt er, „dafür haben wir aber nicht genug Flächen.“ Außerdem hätten sie jemanden einstellen müssen, um die im Ökolandbau erforderliche Mehrarbeit auf dem Feld zu schaffen. „Doch dafür reicht auch das Bio-Milchgeld nicht.“ Schon jetzt arbeitet das Paar von morgens, viertel nach sechs, bis abends, viertel vor neun. „Früher hat es uns nichts ausgemacht, Stunde um Stunde im Stall zu sein“, sagt Marika Reichel, „aber wenn man beim Arbeiten immer ärmer wird, findet man irgendwann keine Kraft mehr dafür.“

Was passiert, wenn sie wirklich pleitegehen? Jens Timmermann schlägt mit der Hand auf den Tisch, springt vom Küchentisch auf. „Ja, was dann?“, ruft er, „weg damit!“ Die ersten Ackerbauern hätten ihn schon nach Land gefragt, „wie die Aasgeier warten die darauf, dass wir endlich aufgeben.“ Und tatsächlich: Wenn er könnte, sagt er, würde er sofort aufhören, Stall und Kühe verkaufen, sein Geld irgendwo als Angestellter verdienen. „Doch wer kauft heutzutage einen Milchviehbetrieb?“ Und…Timmermann sagt es nicht, aber man spürt es. Hinter all dem Frust und den Sorgen lässt ihn ein anderes Gefühl nicht einfach so hinschmeißen: die tiefe Verbundenheit zu den Kühen und seinem Familienerbe.

Der Landwirt und seine Lebensgefährtin machen also weiter. Arbeiten von früh bis spät, kümmern sich um die Kühe, versuchen zu regeln, was sich noch regeln lässt. An Karfreitag hat eine ihrer Schwarzbunten ein gesundes Kalb zur Welt gebracht, ein Kuhkalb. Normalerweise ein Grund für Timmermann sich zu freuen. Doch auch dafür fehlt dem Bauern inzwischen die Kraft, die Existenzangst liegt wie ein Schatten auf der Seele. Selbst zu den Treffen mit den Kameraden von der Feuerwehr kann er sich nicht mehr aufraffen. Ostersonntag wird er mit Marika ihre Schwester besuchen. Ein paar Stunden Auszeit. Doch spätestens auf dem Rückweg wird sie ihn wieder quälen, die Frage: „Wie lange noch?“

Das tut die Politik

Thema ist die Situation auf dem Milchmarkt auch in den Agrarministerien in Berlin und Hannover, auch auf europäischer Ebene wird diskutiert. Offen ist allerdings, wann konkrete Maßnahmen umgesetzt werden und mit einer Erholung der Milchpreise zu rechnen ist. Zudem plädieren CSU-Bundesminister Christian Schmidt und sein grüner Amtskollege in Niedersachsen, Christian Meyer, bei der Lösung der Krise für unterschiedliche Maßnahmen.

Der Bundeslandwirtschaftsminister ist überzeugt, die Milchkrise muss am Markt gelöst werden. „Weder die EU noch ein einzelner Mitgliedstaat können einen globalen Markt durch europäische oder nationale Eingriffe lenken“, erklärt er in einer Pressemitteilung. Die „Wirtschaftsbeteiligten“ seien in der Verantwortung, ein besseres Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu finden. Ein Prozess, den die Politik „im Rahmen ihrer Möglichkeiten begleiten“ werde. Konkret fordere er zur Unterstützung der Betriebe weitere „EU-Liquiditätshilfen“. Außerdem setzt sich neuerdings auch Schmidt dafür ein, dass den Erzeugern und Molkereien befristet die Möglichkeit gegeben werden soll, „Vereinbarungen über Angebotsmenge und deren Reduzierungen“ zu treffen. Das Ziel: Wenn weniger Milch auf dem Markt ist, erholen sich die Preise.

Niedersachsens Agrarminister will ebenfalls das Milchangebot reduzieren, denn allein in Niedersachsen sei die Menge zwischen 2010 und 2014 um fast 15 Prozent gestiegen. Meyer plädiert für das Modell des Drosselbonus. Soll heißen: Milchviehbetriebe, die ihre Produktion begrenzen, sollen einen Zuschlag erhalten. Umsetzen will Meyer das so schnell wie möglich als Notprogramm. Vor einem Jahr forderte er bereits, dafür die 309 Millionen Euro zu nutzen, die Milchbauern als Strafe wegen Überlieferung der mittlerweile abgeschafften Quote zahlen mussten.