Freitag , 2. Oktober 2020
Abgemahnt wegen eines Artikels: Ein Streit in Frankfurt hat nun auch den AStA der Leuphana Universität Lüneburg erreicht. Foto: t&w

Leuphana: Bündnis kämpft gegen Sexismus

ap Lüneburg. Sie nennen sich Verführungskünstler oder Pick-Up-Artists, lernen in Seminaren und Workshops Methoden der sexuellen Verführung. Hauptsächlich Männer gehören der Szene an, in der es darum geht, Frauen gezielt zu umgarnen, um sie anschließend zum Sex zu überreden. „Dabei wird kein Widerstand, kein ‚Nein‘, kein Desinteresse von Frauen akzeptiert, sondern ignoriert“, erklärt der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) Lüneburg die Gruppierung. Das gehe sogar so weit, dass Angehörige der Szene die Legalisierung von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt fordern.

Der AStA Frankfurt sorgte nun durch einen Artikel über die sogenannte Pick-Up-Artist-Szene für viel Aufregung. In seiner Zeitung veröffentlichte er einen Artikel einer studentischen Gruppe der Uni Frankfurt, die Pick-Up-Artists für Übergriffe auf dem Campus mitverantwortlich machten. Darin wurde der Name und das Bild eines Studenten abgedruckt, der immer wieder öffentlich als Pick-Up-Artist auftritt und Dating-Seminare gibt. Der Student, der sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlte, trieb eine Klage bis vor das Oberlandesgericht Frankfurt und forderte Anonymisierung. Dem Kläger wurde Recht gegeben, der AStA Frankfurt musste den Artikel aus dem Netz nehmen.

Bundesweit haben sich nun schon 54 Studentenvertretungen und -verbände zusammengeschlossen, um sich mit dem AStA in Frankfurt zu solidarisieren. Die beteiligten Organisationen haben den Artikel wieder veröffentlicht, um zu zeigen, dass allgemeinpolitische Themen auch hochschulpolitisch aufzugreifen seien. Denn im Urteil des Gerichts hieß es, der AStA Frankfurt habe sein „hochschulpolitisches Mandat“ überschritten. „Es ist wichtig, dass sich Studierendenschaften gegen Sexismus und Gewalt einsetzen, auch wenn diese Phänomene nicht auf die Hochschule begrenzt bleiben“, sagt AStA-Sprecher Jasper Kahrs aus Lüneburg dazu.

Auf die Solidaritätsbekundungen der einzelnen Bündnispartner folgten nun Abmahnungen einer Medienkanzlei. „Wir mussten den Artikel rausnehmen mit der Anweisung, nicht mehr darüber zu berichten oder nicht personifiziert zu schreiben“, sagt Kahrs, der es trotzdem für wichtig hält, öffentlich über die aus seiner Sicht manipulativen und gewaltvollen Vorgehensweisen von Pick-Up-Artists aufzuklären.

Ausschlaggebend war an der Uni Frankfurt die Arbeit einiger Studenten, die eine E-Mail-Adresse eingerichtet haben, unter der sich Betroffene melden können. „Seit 2015 haben sich dort über 50 Personen gemeldet und über Belästigungen auf dem Campus berichtet“, sagt der Frankfurter AStA-Vorstand Valentin Fuchs auf LZ-Nachfrage. Und die Praktiken seien denen, die Pick-Up-Artists in Seminaren und Workshops propagieren, „sehr ähnlich“.

Der AStA Frankfurt hat das Urteil des Oberlandesgerichts nicht akzeptiert und Einspruch eingelegt. Er forderte die Klägerseite auf, erneut Klage zur Hauptsache zu erheben. „Sonst verfällt das Urteil, ich gehe also davon aus, dass die Gegenseite dem nachkommen wird“, sagt Fuchs selbstbewusst. Er rechne mit einem erneuten Verhandlungsbeginn im Sommer. Der AStA Lüneburg steht – wie alle anderen Bündnispartner – hinter diesem Vorgehen.