Samstag , 31. Oktober 2020
Immer häufigern bleiben die Tische leer; Lokale an der Schröderstraße klagen über weniger Gäste. Foto: t&w

Schröderstraße: Abends bleiben die Gäste weg

ca Lüneburg. Wenn man mit Wirten spricht, sagen sie, ihr Umsatz sei in Ordnung. Wenn man dann abends durch die Stadt geht, erinnern manche Kneipen eher an Möbelausstellungen: Nur wenige Gäste verlieren sich in den Läden. Auffällig ist das an der Schröderstraße, wo sich Lokal an Lokal reiht. Dort haben Gas­tronomen durchaus einen Trend ausgemacht, den sie umkehren wollen. Gemeinschaftlich möchten sie für das Image der Meile werben. Dabei werden Aktionen genannt, die vor Jahren lockten wie Modenschau und Weinfest. Auch an anderen „Zapfstellen“ der Stadt scheint die Szene vor einem Wandel zu stehen. Gästeschwund zwischen Bardowicker- und Wallstraße.

„Wir haben deutlich an Frequenz verloren“, sagt Matthias Ellinger, der das News betreibt. „Nicht nur hier an der Schröderstraße, sondern auch anderswo.“ Das hänge nicht nur mit der üblichen Januar-Februar-Schwäche der Branche zusammen: „Auch im Sommer bleiben Tische frei. Ich vermute bei manchem einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich.“ Begonnen habe das Minus vor zwei Jahren.

Kneipen reagieren. Ellinger nennt Beispiele: Mancher Lüneburger Wirt legt Ruhetage ein oder schließt gar für Betriebsferien, das habe es in der Vergangenheit kaum gegeben.

Die Familie Dovas zieht Konsequenzen. Im Comodo am Schrangenplatz schließt Christos Dovas sonntags und montags um 21.30 Uhr die Türen — Kosten und Ertrag stünden in keinem Verhältnis. Er sieht einen generellen Wandel bei den Gästen, die zöge es mehr in kleinere Läden. Deshalb plant er gemeinsam mit seinem Bruder Michael einen Schnitt im Wortsinne: Aus dem großen Comodo sollen zwei Läden werden, ein Restaurant auf der einen Seite und eine Mischung aus Bar und Café auf der anderen.

Der Lüneburger mit griechischen Wurzeln sagt, er handle trotz guter Zahlen rechtzeitig. Das veränderte Verhalten der Gäste sei eine von vielen He­rausforderungen, die es auch in den vergangenen Jahren gegeben habe, etwa bei Fleischskandalen oder Vorgaben durch die Nichtrauchergesetze. Er glaubt aber an den Standort und das Geschäft: „Wir haben unseren Mietvertrag um zehn Jahre verlängert.“

Für Dovas ziehen sich mehrere Veränderungen durch die Branche, eine spürbare: Viele Kneipen hatten in den vergangenen Jahren aufs Frühstücksgeschäft gesetzt. Mit diesem Segment sei an sich schon wenig zu verdienen, doch nun sei es noch schwieriger geworden. Immer mehr Bäckereien und Backshops drängen neu oder eben mit einem entsprechenden Angebot auf den Markt, das lasse den Umsatz der anderen bröckeln. Es gibt Läden, die ihr Frühstück unter der Woche stark zusammengestrichen haben.

So sieht es auch Heiko Meyer, der den Coffee Shop an der Schröderstraße betreibt und zudem Vorsitzender der Handelsvereinigung LCM ist. „Das Angebot ist größer geworden, es sind neue Läden etwa an der Heiligengeiststraße dazugekommen.“ Aber nicht nur der Morgen ist ein Thema: „Die Lüneburger sind müde geworden, abends loszugehen.“ Da müsse mancher Kollege etwas tun, um attraktiver zu werden, etwa mit einer frischeren Karte. Aber auch eine Imagekampagne, die auch Ellinger empfiehlt, hält Meyer für richtig.

Annette Wabnitz vom gleichnamigen Lokal an der Schröderstraße stimmt zu und setzt selber auf Wein- und Whisky-Proben sowie Livemusik, um Kunden mit besonderen Angeboten zu locken: „Veranstaltungen sind wichtig.“

Matthis Webersinn ist Betriebsleiter im Zwick. Um die Musikkneipe wabern immer wieder Gerüchte, dass ein Nachfolger gesucht wird. Dem widerspricht er und sagt, dass es seit eineinhalb Jahren einen Aufwärtstrend gebe: „Wir brauchten Zeit, um Fuß zu fassen.“ Die Mischung aus Musik und unkonventionellem Personal ziehe Gäste. Aber auch er sagt: „An der Straße müssen wir etwas tun.“

Was keiner erzählt, erzählen andere unter der Hand. Nicht nur an der Schröderstraße, auch in anderen Lokalen fahren Lieferanten von Bier und Brause seltener vor. Einige Kneipiers bekämen Ware nur gegen Barzahlung, sonst werde gar nicht erst abgeladen. Getroffen hätten manchen auch die Ermittlungen der Steuerfahndung, die sich in den vergangenen Jahren die Branche intensiv angeschaut hat und zur Kasse bat. Überdies sind die Mieten hoch, Hausbesitzer sollen trotz manch angespannter Situation nicht zu Nachlässen bereit sein. Im Gegenteil.

An der Schröderstraße wollen sich Wirte in den nächsten Tagen zusammensetzen, um zu sehen, wie sie für ihre Straße werben können. Das täte auch anderen Ecken gut.

Zankapfel Bellys

Eine Schlüsselrolle für die Schröderstraße spielt nach Einschätzung von Wirten das Bellys, ehemals Mäxx. Der aktuelle Betreiber, gegen den eine Räumungsklage läuft, musste bekanntlich Insolvenz anmelden, am Freitag, 12. Februar, wurde das Verfahren eröffnet. Insolvenzverwalter Rembert Kübel-Heising sagt: „Die Bellys Gastro GmbH führt zwei Betriebe. In Bad Bevensen und an der Schröderstraße. Beide Betriebe werden fortgeführt. In der Schröderstraße, dort sind mit Aushilfen 30 Mitarbeiter beschäftigt, läuft der Betrieb entsprechend der Jahreszeit ruhig, aber noch zufriedenstellend.“

Der Rechtsstreit zwischen dem Vermieter und der Bellys Gastro GmbH sei noch nicht beendet. „Durch die Eröffnung des Insolvenz-verfahrens ist er unterbrochen. Der Vermieter hat aber bereits mit einer anderen Gesellschaft Kontakt gehabt, die das Objekt mieten will.“ Mieten und Nebenkosten würden beglichen: „Die Verhandlung mit dem Vermieter ist noch nicht abgeschlossen, weshalb hier auch noch keine Prognose abgegeben werden kann.“