Sonntag , 27. September 2020
Sude Tamer (l.) war selbst mal LEGO-Schülerin, jetzt unterrichtet sie ebenso wie Robert Werner und Katja Kämpfer ihre Mitschüler am Gymnasium Oedeme. Foto: t&w

Gymnasium Oedeme: Wenn der Schüler der Pauker ist

us Lüneburg. „Die erste Stunde war schon spannend.“ Robert Werner erinnert sich noch genau daran, als er das erste Mal vor seinen Schülern stand. Etwas aufgeregt war er schon, aber das verging schnell: „Ich fühlte mich gut vorbereitet.“ Inzwischen hat er Routine darin, vor einer „Klasse“ zu stehen und Unterrichtsstoff zu vermitteln. Der 18-jährige Schüler ist einer von derzeit 35 LEGO-Lehrern, die am Gymnasium Oedeme anderen Schülern helfen, ihre Schulnoten zu verbessern.

„LEGO steht für Lernclub Gymnasium Oedeme“, erläutert Schulleiter Dieter Stephan den Begriff, den seine Schule sich für ein System gewählt hat, das es mittlerweile seit gut zehn Jahren an dem Gymnasium gibt – mit beachtenswertem Erfolg. „Wir haben weniger Sitzenbleiber als früher“, weiß der Schulleiter zu berichten. Das gehe aus der Anzahl der Schüler hervor, die bis zum Abitur durchhalten, aber auch aus den Noten, die sich bei vielen Teilnehmern des LEGO-Unterrichts verbessern.

Diese Erfahrung hat auch Robert gemacht: „Man spürt es oft schon im Unterricht, spätestens aber im Ergebnis der Klassenarbeiten, ob der Unterricht etwas gebracht hat.“ Einmal pro Woche unterrichtet er eine Gruppe von drei bis fünf Schülern im Fach Englisch, sie kommen – wie alle anderen 35 Gruppen auch – jeweils für eine Doppelstunde nach der Mittagspause in einem der dafür bereitgestellten Klassenräume zusammen.

Unterrichtet werden in der Regel Schüler der Klassen 7 bis 9, die sich auf eigenen Wunsch oder auf Anregung von Eltern oder Lehrern anmelden können. Den Zeitpunkt, wann sie einsteigen wollen, können die Schüler dann selbst bestimmen und auch erstmal reinschnuppern, „danach aber ist der Unterricht dann verbindlich“, wie Dieter Stephan erklärt.

Als LEGO-Lehrer können sich Schüler bewerben, die in ihren Fächern durch gute Noten glänzen. Das „pädagogische Rüstzeug“ für ihren Unterricht erhalten sie zuvor im Rahmen einer eintägigen Grundschulung. „Hier lernen sie, wie man eine Unterrichtsstunde aufbaut“, erläutert Lehrerin Anja Hoff. Als Oberstudienrätin hat sie die pädagogische und organisatorische Verantwortung für LEGO und übernimmt mit ihren Kollegen auch die Supervision, indem sie einzelne Unterrichtseinheiten besuchen.
Sude Tamer, Zehntklässlerin und LEGO-Lehrerin im Fach Mathematik, sieht diese Betreuung durchaus positiv: „Die Lehrer geben uns Tipps und erklären, wie wir unsere Schüler motivieren können“, sagt die 15-Jährige. Etwa, dass es mehr bringt, konstant an einem Fach dran zu bleiben, auch wenn es nur fünf Minuten pro Tag sind, als nur gelegentlich zu büffeln. Sie weiß, wovon sie spricht, denn in der siebten Klasse war sie selbst einmal LEGO-Schülerin. „Ich hab‘ das damals als Absicherung gemacht, denn ich wollte in Mathe nicht auf eine Drei abrutschen.“

Für ihren Einsatz erhalten die LEGO-Lehrer 15 Euro pro Doppelstunde, wenn sie ein bis zwei Schüler unterrichten, bei drei bis fünf Schülern gibt es 20 Euro. Die Schüler zahlen für jede Unterrichtseinheit 7 Euro, „das Geld kommt in einen großen Topf, daraus wird alles bezahlt“, erläutert Stephan. Er ist merklich stolz auf das System, das, wie er sagt, „bei den Eltern rundherum gut ankommt“. Aber auch die Lehrer unterstützen es, „denn es entlastet uns“, wie Anja Hoff berichtet.

Dass viele Schüler nicht nur des Geldes wegen den Job als LEGO-Lehrer antreten, macht Katja Kämpfer deutlich. Die 18-Jährige steht kurz vor dem Abitur, doch ihren Latein-Unterricht will sie auch während der anstehenden, stressigen Prüfungsphase nicht aufgeben. „Nach Abschluss der Schule werde ich die Arbeit mit den Schülern definitiv vermissen“, ist sich Katja sicher. Weil sie von dem System überzeugt ist und weiß, wie sehr es ihren Mitschülern hilft, will sie am Schulende 250 Euro in den Topf legen, ein Preisgeld, das sie als Gewinnerin bei einem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten erhalten hat. Damit soll Lernmaterial für die LEGO-Schüler angeschafft werden, „denn Latein-Übungstexte sind bei uns zurzeit noch ein Problem.“