Donnerstag , 1. Oktober 2020
Mats macht der Besuch beim Zahnarzt nichts aus, ohne Widerwillen lässt er sich von Dr. Rainer Köpsell und Zahnarzthelferin Natalja Beyerle in den Mund schauen. Foto: t&w

Die große Angst vor dem Zahnarzt

ap Lüneburg. Mats Stöver ist ein Patient, wie Mediziner ihn sich wünschen. Der Achtjährige geht gern zum Zahnarzt. Doch damit gehört er zu einer Minderheit. Rund 70 Prozent der Deutschen geben an, Angst vorm Zahnarzt zu haben, jeder Zehnte leidet Studien zufolge sogar unter einer sogenannten Dentalphobie. Die LZ sprach stellvertretend mit drei Lüneburger Fachleuten über Ursachen, Mittel gegen die Angst und Erfahrungsberichte. Anlass war der Tag der Zahnschmerzen (9. Februar).

Mats ist seit 2009 Patient bei Dr. Rainer Köpsell, ihm vertraut er. Auch jetzt, wo er gerade ein Loch hat. „Das passiert, wenn man seine Zähne nicht gut putzt“, weiß Mats. Ausschlaggebend für die Gelassenheit des Jungen ist die Kindersprechstunde, die Köpsell seit 2008 stets an einem Sonnabend im Monat anbietet. Mats war zwei, als er seinen ersten Kontakt mit der Zahnmedizin auf spielerischem Wege hatte. Sauger lernte er in verkleideter Form kennen: als blauen Frosch und rosa Elefanten. „Das ist die Überforderung, die die Angst schürt. Gerüche, Geräte, das grelle Licht, alle sind in Weiß gekleidet. Die Kinder werden reizüberflutet“, weiß Köpsell. „Wenn die Kinder älter, mutiger und neugieriger werden, kennen sie das Umfeld dann schon.“ Für sie bedeute der Besuch beim Zahnarzt also nicht Schmerz durch Bohren und Spritze, sondern Spaß.

Der Patient sollte entscheiden, wie viel er vertragen kann. Bei Köpsell ist auch der kleine Gast „Herr der Behandlung“. Zum Abbrechen muss er nur die Hand heben. „Das Schlimmste ist das Ausgeliefertsein“, weiß der Mediziner, der sich an einen konkreten Fall erinnern kann. Er behandelte einen jungen Angstpatienten, dem die Spritze mit der Lokalanästhesie viel abverlangte. „Danach war die Luft raus, der Junge hatte einfach keine Kraft mehr.“ Köpsell brach die Behandlung ab. „Wenn ich das Vertrauen einmal verloren habe, dann ist es ganz, ganz schwer, es wiederzugewinnen.“

Dr. Beate Reida setzt bei Angstpatienten auf Hypnose und Lachgas. „Oft erzählen Patienten mir von übergriffigen Behandlungen in der Kindheit“, erzählt die Zahnärztin und wird deutlich: „Demütigende Aussagen wie Stell dich nicht so an gehen gar nicht!“ Der Zahnarztbereich sei eh schon ein Sonderfall, denn dort werde der normale Intimabstand zwischen zwei Unbekannten durchbrochen. Das sei sonst nur in der Gynäkologie der Fall. „Das ist wie eine Entmachtung, alle Sinne werden gereizt.“

Jemanden in Trance zu versetzen, gelingt der 49-Jährigen nicht immer. „Es kommt darauf an, ob jemand ausreichend suggestibel, also leicht beeinflussbar ist“, klärt sie auf. Bei der Hypnose gehe es darum, das Außen nach innen zu fokussieren. Gerüche, Geräusche und Licht müsse der Patient ausblenden, an etwas Schönes denken. „Bei Kindern ist es manchmal problematisch, sie müssen fokussierbar sein, Augenkontakt muss möglich sein.“ Die Ärztin sagt: „Der Patient entscheidet zwar, aber es muss sich für mich auch gut anfühlen.“

Seit 2009 bietet sie auch eine Behandlung unter Lachgas an, die Nachfrage werde immer größer: „Das ist eine gute Alternative zur Vollnarkose, die Patienten können normal essen, es ist gut verträglich und man ist danach sofort straßenfähig.“ Über eine Nasenmaske wird dem Patienten Distickstoffmonoxid vermengt mit Sauerstoff verabreicht. „Das ist vergleichbar mit einem alkoholischen Rausch, man fühlt sich angetrunken.“ Selbst wenn die Behandlung schmerzhaft war, der Patient weiß es anschließend nicht mehr — obwohl er die ganze Zeit wach ist. Sie nennt zwei Beispiele: Ein Mann kam nach langer Überredung eines Freundes mit zehn Wurzelresten und großer Angst. „Am Tag danach bei der Kontrolle war er total erleichtert.“ Ähnlich sei die Behandlung bei einem kleinen Kind mit einem „riesigen Abszess am Milchzahn“ verlaufen. Reida musste ihn ziehen — unter Lachgas-Einwirkung. „Hätte ich dem Kind dort eine Betäubungsspritze geben müssen, hätte es ein lebenslanges Trauma erlitten“, glaubt die Expertin. Denn Kinder seien von Natur aus keine Angstpatienten, „aber sie können es werden“.

Dr. Nico Häusler hatte ebenfalls schon viele Angstpatienten auf dem Behandlungsstuhl. „Der Erstkontakt läuft telefonisch über das Praxispersonal, nicht über die Ärzte. Es ist also wichtig, dass auch das Personal entsprechend geschult ist“, sagt der 35-Jährige. Für Angstpatienten würden daher direkt längere Termine angesetzt, damit derjenige das Gefühl bekomme, er sei nicht „Patient Nummer 500“ an dem Tag. Die Praxis pflege zudem enge Kontakte zu Psychologen, die vor allem Patienten mit ernsthaften Phobien unterstützen. Häusler hatte vor kurzem einen Patienten, der 30 Jahre nicht beim Zahnarzt war. „Er kam mit ex­tremer Angst auf Anraten seiner Frau“, erzählt der 35-Jährige. Der Patient brachte seine Frau mit zu dem Termin ­– „ratsam“, wie Häusler findet. Denn in einem fremden Umfeld seien vertraute Personen wichtig. „Der Patient hatte Schmerzen aufgrund von stark entzündetem Zahnfleisch, bedingt durch sehr viel Zahnstein.“ Nach der Entfernung sei auch Häusler überrascht gewesen, denn die Zähne waren intakt. „Als ich dem Patienten sagte, dass alles gut sei, ich nicht bohren müsse, fiel von ihm eine enorme Last ab.“ Solche Patienten motiviere es, wenn sie merken, dass ihnen die Behandlung gut tat.

Neben der klassischen Vollnarkose, die stets von einer ausgebildeten Anästhesistin und Narkoseassistentin begleitet wird, arbeitet die Praxis mit sogenannten „Scheißegal-Tabletten“ auf Grundlage von Valium oder Tavor. „Die Patienten berichten, sie fühlen sich wie in einer Hängematte, sind tiefenentspannt, aber ansprechbar.“ Bei den meisten sei selbst diese Tablette nach zwei Sitzungen überflüssig, hat Häusler festgestellt, „denn sie wissen dann, dass die Spritze und der Bohrer nicht weh tun.“