Samstag , 26. September 2020
Oberbürgermeister Ulrich Mädge fühlt sich beim Thema Zuwanderung von Berlin alleingelassen: Die Kommunen müssten Flüchtlinge in so großer Zahl unterbringen, dass sie an ihre Grenzen stoßen. Er freut sich aber über die große Hilfsbereitschaft von Bürgern, die sich in den Unterkünften engagieren. Foto: t&w

Mädge sieht Stadt und Bürger bei der Zuwanderung an Grenze der Belastbarkeit

ca Lüneburg. Als Deutschland vor ein paar Monaten noch im Sommermärchen lebte, klatschten Bürger, als Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof ankamen. Das ist vorbei, die Realität verändert das Land. Wenn Oberbürgermeister Ulrich Mädge und seine Sozialdezernentin Pia Steinrücke in die Stadtteile gehen, um wie Anfang der Woche über eine neue Asylbewerberunterkunft zu informieren, schlägt ihnen auch Ablehnung und Aggression entgegen. Der Verwaltungschef kann verstehen, dass ihm wie bei der Versammlung in Ochtmissen ein Vater sagt, er habe Angst, wenn seine Kinder an einem Camp vorbei zur Schule radeln müssen. Spätestens nach den Ausschreitungen in Köln seien Sorgen verständlich. Doch Mädge sagt auch: Seit Monaten fahren Mädchen und Jungen an Unterkünften entlang, noch nie sei etwas passiert.

Mädge muss eine Menge einstecken. Er ist nicht nur Chef im Rathaus, er ist auch Politiker. Und so steht er stellvertretend für die Bundeskanzlerin und deren Losung „Wir schaffen das“. Deshalb sagt er in jeder Versammlung: „Sehen Sie hier Bundes- und Landespolitiker?“ Die Gemeinden würden alleingelassen. In Berlin und Hannover vermisst er den Sinn für die Wirklichkeit. Rund eine Million Menschen reisten 2015 ein, noch eine soll in diesem Jahr folgen. Sie kommen vor allem in die belasteten Metropolregionen, die schon vorher zu wenige billige Wohnungen hatten. Konkurrenz für die, die keine hoch dotierten Jobs besitzen und die eine hohe Miete in der Existenz trifft.

Als der Sozialdemokrat Mitte Oktober dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) beisprang, der Grenzen der Zuwanderung und Auffanglager an den Grenzen forderte, kassierte er eine Menge Prügel. Doch den Sozi beeindruckt das ebensowenig, wie Ärger in Hannover. Fast stolz erzählt er, dass er mit Parteifreund und Innenminister Boris Pistorius in dieser Frage über Kreuz liegt. Auch an der Leine sieht er eine gewisse Blauäugigkeit. Ihm werde dort vorgeschlagen, er solle Bürgern schlicht die Lage schildern. Darum gehe es schon lange nicht mehr, sondern um das Gefühl: „Die Menschen sind erschöpft.“ Das Land brauche eine Atempause, um angekommene Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Doch die sei nicht in Sicht.

Aus dem Stand nennt er Probleme: Die Arbeitsverwaltung reagiere zu spät darauf, dass immer mehr anerkannte Asylbewerber einen Anspruch auf Hilfe und Wohnung haben. Allein in Lüneburg habe sich die Zahl der sogenannten SGBII-Fälle binnen sechs Wochen von 351 auf 519 gesteigert. Schön, dass die Handwerkskammer für ihren Bereich 80 Fortbildungsplätze anbiete, doch allein in Lüneburg brauche man 400 bis 500. Und: „Wo bleiben die Betriebe?“ Viele Syrer seien auch längst nicht so gut ausgebildet wie oft behauptet wird: „Wir haben drei syrische Ärzte hier. Zehn Prozent derer, die kommen, sind gut ausgebildet. Aber viele sind Handwerker, deren Ausbildung mit unserer nicht zu vergleichen ist, und 40 Prozent sind Analphabeten.“ Es bedürfe vieler Anstrengungen, um die Leute zu integrieren. Das sei notwendig, „damit sie nicht ohne Beschäftigung auf ihrem Bett sitzen“. Und unzufrieden werden.
Die Lage schildert er unermüdlich auf jeder Bürgerversammlung. Ebenso, dass Tag für Tag 4000 Flüchtlinge in Deutschland ankommen, seine Sozialdezernentin Pia Steinrücke und ihre Mitarbeiter jede Woche 25 Ankömmlinge unterbringen müssen. Reaktion vieler Bürger: Das ist uns egal, es reicht. Als Stadtoberhaupt solle er endlich für einen Stopp sorgen.

Kann er nicht: „Ich würde meine Dienstpflicht verletzen. Selbst wenn ich das täte, würde uns das Land einen Staatskommissar schicken, der die Leute unterbringt. Wir wollen uns das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen.“ Die Lüneburger Linie ist klar: dezentrale Standorte mit maximal 190 Menschen pro Unterkunft. Pro 50 Flüchtlinge ein Sozialarbeiter, dazu ein Wachdienst. Die Polizei lobt das, denn in Massenunterkünften wie im Wendland oder im Heidekreis komme es eher zu Auseinandersetzungen — zu viele auf zu wenig Raum.

Den 65-Jährigen, seit einem Vierteljahrhundert Oberbürgermeister, können Kritiker nicht so schnell in eine rechte Ecke stellen. Er hat sich alleine und ohne Polizeischutz Neonazis entgegengestellt, die durch die Stadt zogen und ihnen gesagt: „Wir wollen Euch in Lüneburg nicht haben.“ Trotzdem wehrt er sich dagegen, selbst grenzwertige Kommentare sofort ins braune Lager zu schieben. Er könne Kritik und Ängste verstehen, die müsse man ernst nehmen. Aber er bleibt auch bei seiner klaren Kante: Menschen in Not muss man helfen. Egal, woher sie kommen.

Der Verwaltungschef lebt in Kaltenmoor, dem Stadtteil, in dem die meisten Lüneburger mit ausländischen Wurzeln zu Hause sind. Für ihn ebenso so selbstverständlich wie sonntags den Gottesdienst zu besuchen. Der gläubige Katholik plädiert für Abschiebungen und hatte im Rat Tränen in den Augen, als er kurz vor Weihnachten der Abschiebung einer Schwangeren und deren Familie zustimmen musste. Er müsse die Verantwortung tragen, sagte er, nicht die, die kluge Reden schwingen. Noch Wochen später reagiert er bei diesem Thema angefasst: „Das geht mir und meinen Mitarbeitern an die Nieren.“

Er weiß, es wird nicht einfacher. Die Zahl der Unterkünfte muss steigen: „Sie rücken näher an die Wohnungen und Häuser heran.“ Das könne er nicht ändern, nur auf kleine Einheiten setzen, anders als in Hamburg, wo tausende Flüchtlinge zusammen untergebracht werden. Auch deshalb geht er mit seiner Kollegin in jede Anwohnerversammlung zum Thema. Transparenz soll Verständnis schaffen.

Es ist Arbeit an zwei Fronten: Als Mitglied im Präsidium des Niedersächsischen Städtetages drängt er auf einen Kurswechsel in Hannover und Berlin, vor Ort wirbt Mädge um Verständnis für die Menschen, die auf eine neue sichere Heimat hoffen. Es wird ein langer Kampf.