Samstag , 31. Oktober 2020
Frau Ulrike ist für den herzkranken Sascha Georgi die Stütze in seinem Leben. Der 37-Jährige möchte aber nicht mehr mit der schwarzen Umhängetasche, in der der Kontroller für das Kunstherz steckt, leben müssen – sondern ein neues Herz bekommen. Doch es gibt zu wenige Spender. Foto: t&w

Organspende: Sascha Georgis Herz hängt an zwei Batterien

Von Maximilian Matthies

Lüneburg/Wulfstorf. Es gibt nichts, was sich Sascha Georgi sehnlicher herbeiwünscht: Den einen Anruf, der sein Leben retten könnte. Seit anderthalb Jahren wartet der 37-jährige Vater von zwei Kindern darauf, dass sich ein freundliche Stimme am Hörer meldet und ihm sagt: „Wir haben ein neues Herz für Sie.“ Der Anruf wird ihn aller Voraussicht nach nie erreichen.

Wie 790 Patienten in Deutschland (Stand: 31. Dezember 2015) braucht Sascha Georgi ein Spenderherz, dass ihm anstelle seinen eigenen, stotternden Lebensmotors transplantiert werden soll. Doch ob er jemals eines Herz bekommt, weiß er nicht. Es gibt zu wenige Spender, das Transplantationssystem ist nach Dringlichkeit aufgebaut. Sascha Georgi geht es sehr schlecht, aber „nicht schlecht genug“, um auf einen der oberen Plätze auf der Transplantationsliste zu klettern, der seine Aussichten verbessern würde.
Der gebürtige Rheinländer ist zwei Mäner groß und kräftig, er wirkt nicht wie jemand, den etwas leicht aus den Latschen hauen könnte. Doch der Eindruck täuscht. In einer schwarzen Umhängetasche, die von seinen Schultern herab hängt und vor seinem Bauch umher baumelt, trägt er mit sich herum, was ihn mechanisch am Leben hält: ein Kunstherz.

Zur Begrüßung steht Sascha Georgi vom Sofa auf, Hände schütteln und wieder hinsetzen. Erstmal durchschnaufen. Jede Bewegung ist anstrengend für ihn, „nur an guten Tagen kann ich viel im Haus umher laufen, auch mal rausgehen“, sagt er. Essen falle ihm oft schwer, auch, sich zu konzentrieren, aber allein auf Toilette gehen, sich waschen, das bekomme er noch hin. Trotz seiner beinahe unerträglichen Situation hat er seinen Lebensmut und seinen Humor nicht verloren. Wie lange er und seine Frau verheiratet seien? „Puuh, ewig“, sagt Sascha Georgi und lacht. Auch seine Ulrike (35), schmunzelt, sie ergänzt: „Seit 2007.“ Da war ihr Mann bereits herzkrank.
Ein Paar sind die Georgis fast auf den Tag genau seit 14 Jahren. Mit ihren Kindern Lea (12) und Nele (4) leben sie in Wulfstorf bei Bienenbüttel. Einen gesunden Papa kennen die beiden Töchter nicht. Dafür einen, der immer zu Hause ist. Seit zehn Jahren kann Sascha Georgi, er ist gelernter Tischler, nicht mehr arbeiten. Der Auslöser für seine Herzkrankheit war eigentlich harmlos…

Am Anfang war es eine Erkältung

Es ist ein kalter Wintertag, Ende Dezember 2004. Mit Freunden brechen Ulrike und Sascha Georgi auf zu einem Spaziergang am Deich an der Elbe entlang. Sie leben damals in Neuenfelde im Alten Land. Die kalte, eigentlich erfrischende Luft bekommt ihnen an diesem Tag nicht, sie erkälten sich. Schnell hat Ulrike Georgi sich wieder berappelt, ihr Mann nicht. Er fühlt sich nicht gut, geht zum Arzt, der diagnostiziert eine verschleppte Erkältung, empfiehlt „Bettruhe, Apfelsaft und viel Vitamin C“. Es wird nicht besser.
Sascha Georgi wechselt seinen Hausarzt – es ist seine Rettung. Schon einen Tag nach dem ersten Besuch in der neuen Praxis, soll er sich in der Herzklinik Alten Eichen vorstellen. Die Nacht vor dem Termin im Krankenhaus verbringt er „nur im Sitzen“, er bekommt keine Luft. Am nächsten Tag hat ein Klinikarzt dann die Hiobsbotschaft für den gerade mal Mittzwanziger: Man habe eine Herzmuskelentzündung festgestellt, er sei „gerade noch rechtzeitig“ gekommen. Sascha Georgi muss operiert werden. In der Hamburger Uniklinik in Eppendorf (UKE) setzen die Ärzte ihm einen Herzschrittmacher ein, er bekommt auch einen Defribrilator – für den Fall der Fälle. Ab diesem Zeitpunkt ist Sascha Georgi Rentner, zunächst auf Zeit.

Rentner mit Mitte zwanzig

Nach anderthalb Jahren bekommt er weder Geld von der Kranken-, noch von der Renten- oder Arbeitslosenversicherung, kann aber nicht mehr arbeiten. Wenigstens habe er sich vor anderen, die ihm vorwerfen, er würde „nur zu Hause sitzen“ und so ein Leben wollten sie „gerne mal haben“, rechtfertigen können, dass er dafür kein Geld bekomme.

Sein Zustand wird nicht besser. Im Gegenteil. Durch die Entzündung vergrößert sich sein Herzmuskel, er sei „wie ausgeleiert“ und nicht mehr in der Lage, das Blut richtig zu verteilen. Mittlerweile erreiche sein Herz nur noch 20 Prozent der Leistung, die ein gesundes liefert. Dass er weiterleben kann, dafür sorgt ein Herzmuskelunterstützungsystem, das Kunstherz, das er seit Mitte 2014 mit sich herum trägt. Es ist die letzte Maßnahme vor einer Transplantation.

Nachdem ihm die Ärzte im UKE die Zentrifugalpumpe, die seinen linken Herzmuskel umschließt und das Blut zum Fließen bringt, einsetzen, wacht er auf, zählt elf offene Stellen an seinem Körper, eine Wunde bleibt. Bis jetzt. Am Bauch, aus dem ein dünner Antriebskanal, eine sogenannte Driveline, führt, der mit dem Kontroller in der schwarzen Umhängetasche verbunden ist. Der Kontroller darf niemals ausgehen. Dafür sorgen zwei Batterien mit einer Haltbarkeit von je sechs Stunden. Es gibt sechs weitere Batterien zum Wechseln. Sascha Georgi möchte nicht sein ganzes Leben von ihnen abhängig sein, er möchte wieder richtig leben. Mit einem neuen Herzen.

Doch: „Bei Patienten mit Kunstherzen muss eine Komplikation wie eine schwerwiegende Infektion oder Blutung auftreten, die auf das Herzunterstützungssystem zurückzuführen ist, damit sie eine Chance haben, herztransplantiert zu werden“, sagt Dr. Markus Johannes Barten, Chirurgischer Leiter der Herzinsuffizienz- und Transplantationsambulanz am Universitärem Herzzentrum in Hamburg. Nur zehn Prozent der Fälle, die zu Hause auf ein neues Herz warten, bekämen eines. Erst wer auf der Hochdringlichkeitsliste (HU-Liste) landet, hat bessere Chancen, ein Spenderorgan zu bekommen. Diesen Patienten geht es bereits sehr schlecht. Sie bräuchten dauerhaft kreislaufunterstützende Medikamente, es müssten Anzeichen für Schädigungen von Leber und Niere auftauchen, sagt Dr. Barten. Gutachter bei der Stiftung Eurotransplant im niederländischen Leiden, sie ist verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern, entscheiden über die Aufnahme auf die HU-Liste.

Über den Umgang mit dem Tod wird wenig bis gar nicht gesprochen, auch nicht was ein Hirntod eigentlich ist. Zudem gibt es Befürchtungen, dass zum Beispiel nach einem schweren Unfall nicht alles Notwendige gemacht wird, wenn man einen Organspendeausweis besitzt.
Dr. Markus Johannes Barten

Dr. Barten nennt Gründe, warum es zu wenige Organspender gebe: „Über den Umgang mit dem Tod wird wenig bis gar nicht gesprochen, auch nicht was ein Hirntod eigentlich ist. Zudem gibt es Befürchtungen, dass zum Beispiel nach einem schweren Unfall nicht alles Notwendige gemacht wird, wenn man einen Organspendeausweis besitzt. Auch die Verunsicherung nach den im Jahr 2012 aufgedeckten Organspendeskandalen ist weiter groß.“ Die Leidtragenden sind Menschen wie Sascha Georgi.
Mit einem neuem Herz könnte er wieder arbeiten, sogar Sport treiben, nur schwerste körperliche Anstrengung müsste er vermeiden.
Die Erfolgsaussichten einer Herztransplantation seien „sehr gut“, sagt Dr. Barten. Die mittlere Lebenserwartung liege bei zwölf Jahren, „in Hamburg betreuen wir aber auch viele Patienten, die länger als zwölf Jahre herztransplantiert sind“.

Damit es mehr Spender gibt, müssten Menschen zu Lebzeiten über eine Organspende nachdenken, mit ihren Angehörigen darüber sprechen. Aber auch das System müsse auf neue Füße gestellt werden, nicht nur nach Dringlichkeit, sondern auch Überlebenswahrscheinlichkeit aufgebaut sein. Ein entsprechender Vorschlag liege derzeit beim Bundesgesundheitsministerium.

Sascha und Ulrike Georgi würden sich ein System wie in Österreich wünschen. Im Nachbarland ist jeder automatisch von seiner Geburt an Organspender, bleibt es nur nicht, wenn er dem widerspricht. Die Eheleute hoffen, dass sich bald etwas ändert, solange es für Sascha Georgi Hoffnung gibt.

Es sei nicht die „Krankheit an sich“, auch nicht die Frage nach dem „Warum ich?“, sondern die Ungewissheit, wie es weitergeht, die ihn jeden Tag aufs Neue schwer belastee. Das Rumsitzen, das Nichtstun, das Warten auf den Anruf, der wohl nie kommen wird, quält ihn. Würde ihn noch mehr quälen, hätte er nicht zwei gesunde Töchter, eine Frau, die sich abrackert, damit es der Familie trotz allem gut geht, die Verwandten, Freunde, Nachbarn und Bekannten, die helfen, eine Tagesmutter, die sich um die Kinder kümmert, solange Ulrike Georgi bei der Arbeit ist oder ihren Ehemann bei seinen vielen Arztterminen begleitet.

Sascha Georgi muss viele Medikamente schlucken, er gilt aber nicht als Hochdringlichkeitsfall. Ihm bleibt nichts anders übrig als weiter zu warten. Auf den einen erlösenden Anruf, der aber wohl doch nie kommen wird.