Samstag , 19. September 2020
Nach zehnjähriger Amtszeit räumt Holm Keller seinen Posten als Vizepräsident der Leuphana Universität Lüneburg Foto: t&w

Vizepräsident Keller verlässt Uni Lüneburg +++ mit Video

jj Lüneburg. Vizepräsident Holm Keller verlässt überraschend die Leuphana-Universität Lüneburg. Keller ist die schillerndste Führungsgröße auf dem Campus. Er hat den „Innovations-Inkubator“, 100 Millionen Euro schwer, gefüttert vor allem mit EU-Geld, für die Uni Lüneburg an Land gezogen und gemanagt. Der 48-Jährige steht auch wie kein anderes Mitglied des Präsidiums für den Libeskind-Bau an der Scharnhorststraße, das neue Wahrzeichen der Uni. Das Zentralgebäude ist das ambitionierteste Bauprojekt der Stadtgeschichte in der Gegenwart, hat wie kein anderes Kritiker und Befürworter und macht regelmäßig Schlagzeilen wegen höherer Baukosten.

Zehn Jahre war Keller an der Leuphana, immer an der Seite von Präsident Sascha Spoun, der betont, dass er seine Amtszeit trotz des Weggangs seines Weggefährten bis 2020 erfüllen wolle. Keller wird eine Aufgabe in einer Stiftung auf Malta übernehmen, an der die Leuphana mitgewirkt hat. Ende Februar legt Keller nun auf eigenen Wunsch sein Amt nieder – vorzeitig. „Er will sich künftig neuen beruflichen Herausforderungen stellen. Stiftungsrat und Präsidium haben seine Ankündigung mit großem Bedauern, aber auch mit allem Respekt zur Kenntnis genommen. Wir werden die Nachfolge im dafür vorgesehenen Verfahren in den nächsten Monaten zügig regeln“, heißt es in einer Mail der Uni.

Holm Keller sei eine der markantesten Persönlichkeiten der Leuphana, ein manchmal unbequemer, stets streitbarer Motor der Universitätsentwicklung. In einer internen Mail schrieb Präsident Spoun: „Seine Energie, seine Kreativität und sein Gespür für Themen der Zeit werden uns fehlen. Mir persönlich war Holm Keller immer ein wichtiger Ratgeber und entscheidender Wegbegleiter bei der Neuausrichtung der Leuphana zu einer national und international anerkannten Universität für die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts.“

Der Präsident lobt: Es gebe viele weitere Entwicklungen an der Leuphana, die Kellers Handschrift tragen – seien es z.B. der Major Digital Media im College oder die Projekte der Digital School wie das Online-Angebot „Ready4Study“ für Flüchtlinge, das jetzt an den Start geht. Besonders die Startwoche habe immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt. Unvergessen sei die „ARTotale“ im Jahr 2009, als Street Art-Künstler aus der ganzen Welt das historische Lüneburg als Projektionsfläche ihrer Kunst eroberten – und dafür viel Beifall der Bevölkerung ernteten.

Beim Versuch, ein noch größeres EU-Projekt an die Uni zu holen, musste Keller anderen den Vortritt lassen — „KENUP“. So heißt ein Konsortium mit 80 internationalen Partnern, das Projekte, von der Leuphana koordiniert, im Rahmen des sogenannten Juncker-Plans realisieren will. Insgesamt soll der Plan zwischen 2015 und 2017 mehr als 300 Milliarden Euro mobilisieren in den Bereichen Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Forschung, soll Beschäftigung und Wachstum gerade im Süden Europas ankurbeln.

Keller bleibt Kenup treu, ein Partner ist Malta. Und in der Rechtsform einer Stiftung mit Sitz in Malta wird Kenup in den kommenden Jahren seine Arbeit intensivieren. Holm Keller wird in diesem Zusammenhang in leitender Funktion tätig sein, heißt es.

Auch Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge bedauere den Rücktritt von Herrn Keller, heißt es in einem offiziellen Statement. Keller habe nicht nur der Uni, sondern auch der Stadt an vielen Stellen geholfen. „Herr Keller war als Vizepräsident nicht immer bequem. Er ist unorthodoxe Wege gegangen – manchmal auch gegen starke Widerstände – aber er war dabei immer sehr durchsetzungsstark. Vor allem hatte Holm Keller Visionen. Im Kopf war er oft schneller als andere.“ 6041603_

Ohne Keller wären die Uni und auch die Hansestadt nicht so weit wie sie heute sind, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Er habe modernste Bildungseinrichtungen für Forschung und Lehre geschaffen und darüber erstklassiges Lehrpersonal für die Leuphana-Uni gewinnen können. „Keller hat sich stark gemacht für Innovationen – Stichwort Inkubator und für viele weitere Projekte. Und schließlich wird er mit der Fertigstellung des Libeskind-Zentralgebäudes auch nach seinem Abgang der Leuphana für immer seinen Stempel aufdrücken. Keine Landesregierung wird jemals eine Uni mit einem Libeskind-Bau schließen. Insofern hat Herr Keller auch damit den Abgesang auf den Uni-Standort Lüneburg verhindert. Mit all dem hat Holm Keller den Hochschulstandort Lüneburg nicht nur gefestigt, sondern auf Jahre hin zukunftsfähig gemacht. Das sichert nicht nur den Fortbestand der Leuphana, sondern sorgt zugleich dafür, dass Lüneburg mit seinen Studenten eine junge Stadt bleibt. Holm Keller gebührt großer Dank für sein Engagement für die Leuphana-Uni und für die gesamte Hansestadt.

Foto t & wASTA StudentenausschussDer AStA der Universität begrüßt die Entscheidung Kellers. Sprecher Johannes Klaffke erklärt:  „Spätestens mit den Rücktrittsforderungen von Studierendenparlament und AStA im April 2014 war auch das letzte Vertrauen in Holm Kellers Kompetenzen verspielt. Nach den Verfehlungen beim Zentralgebäude war ein Rücktritt längst überfällig, ein Teil der Forderung ist nun erfüllt. Die Kritik darf aber auch nach dem Rücktritt nicht auf Keller beschränkt werden. Es gibt noch immer kein abgestimmtes Konzept, um den durch die Aufgabe anderer Standorte entstandenen Mehrbedarf ausreichend zu decken. Die Forderung, dass Mittel für Forschung und Lehre nicht angetastet werden dürfen, bleibt weiterhin bestehen.“