Samstag , 26. September 2020
Ein Wolf, aufgenommen an einem frühen Morgen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord: Das Territorium des dort ansässigen Rudels reicht bis in die Samtgemeinde Amelinghausen im Landkreis Lüneburg. Foto: nh/nabu/jürgen borris

Wolf zum Abschuss freigeben? — Podiumsdiskussion in Oedeme

cec Lüneburg. Ginge es nach Redezeitanteil während der Podiumsdiskussion im Gymnasium Oedeme, hätte der Wolf in Niedersachsen vermutlich schlechte Karten. Zum Thema „Ist der Wolf ein willkommener Heimkehrer oder eine wilde Bestie?“ hatten die Schüler vier Experten eingeladen. Kaum von ihnen zu bremsen in seinem Redefluss war Wendelin Schmücker, Vorstandsmitglied bei der Vereinigung Deutscher Landesschafszuchtverbände (VDL), der mit Aussagen polarisierte wie „Wenn es so weitergeht, haben wir hier bald keine Weidetiere mehr und müssen uns das Essen woanders suchen“ über „Wenn man alle Weiden in Niedersachsen wolfssicher einzäunen würde, würde das 156 Millionen Euro kosten“ bis hin zu „Ein Wolf frisst ein Kilo Fleisch am Tag. Wenn man bedenkt, dass in anderen Teilen der Welt Kinder hungern, müssen wir uns fragen, ob wir das tragen wollen“.

Gemäßigter in ihren Äußerungen zeigten sich seine Diskussionspartner, Wolfsberater Uwe Martens, Jäger Peter Burkhardt und Schäfer Thomas Rebre, so dass Lehrer und Schüler im Publikum am Ende insgesamt ein ausgewogenes Bild über die Situation in Niedersachsen erhielten. Nach Schätzungen leben hier 65 bis 70 Wölfe – in sieben Rudeln plus einige Wanderwölfe.

Neben Revierverhalten, Vor- und Nachteilen der Wiederansiedlung, Folgen der Wolfswiederkehr für Schäfer und Tierwelt drehte sich die Diskussion vor allem um sogenannte „Problemwölfe“, die mit Negativschlagzeilen ein schlechtes Licht auf die gesamte Art werfen: In Goldenstedt im Landkreis Vechta macht derzeit eine Wölfin von sich reden, die binnen eines Jahres mehr als 100 Nutztiere gerissen haben soll. Abschießen oder nicht?

Thomas Rebre: Für den Schäfer ist die Rückkehr der Wölfe bislang unproblematisch. Mit der Wiederansiedlung hat er seine Strategie geändert, baue nicht mehr Zäune, damit die Schafe nicht ausbrechen, sondern, damit die Wölfe nicht einbrechen. „Wir haben seit 2003 die Schutzmaßnahmen intensiver ausgebaut. Bauen Elektrozäune, die höher sind.“ Der Schäfer bekomme von den Wölfen kaum etwas mit, sehe sie nie. „Wenn ich morgens zu meinen Schafen komme, weiß ich sehr genau, ob nachts etwas gewesen ist. Ich habe auch mal eine Kamera aufgehängt, zu sehen waren Mufflons, Rehe, Touristen, aber keine Wölfe.“ Dem Ruf nach dem Staat setzt er Eigenverantwortung entgegen: „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Viele Kleinschafhalter schützen ihre Tiere nicht ausreichend. Man darf nicht nur über Problemwölfe schimpfen, sondern muss auch selber handeln.“ Auch wenn die Nachteile der Wölfe oft beschrien würden – „kosten Geld, machen Arbeit, fressen alle Rehe weg“ – spricht er ihnen ein Existenzrecht zu: „Denn für den Artenschutz ist das eine tolle Sache.“

Wendelin Schmücker: Der Berufsschäfer berichtete von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Wietzendorf (Heidekreis), auf dem die Wölfe tagsüber über den Hof liefen und für Unsicherheit sorgten: „Das Kind darf nicht mehr über den Hof gehen, um die Großmutter zu besuchen.“ Die Familie habe sich extra ein Quad angeschafft, um die Wölfe zu vertreiben. Angesichts solcher Beispiele seien die laxe Haltung seitens der Bundes- und Landesregierung zu beklagen: „Solche Fälle werden in zunehmender Weise vorkommen“, glaubt Schmücker, „und es gibt keinen Plan.“ Lediglich die Zäune für bessere Sicherungsmaßnahmen zu bezuschussen, sei der falsche Weg. „Die Folgekosten, die tägliche Arbeitsleistung, sind viel höher, diese müssten erstattet werden.“ Auch seien 15 000 Euro Ausgleich für gerissene Tiere im Zeitraum von drei Jahren zu mager: „Die haben die Goldenstedter bereits jetzt geknackt.“ Die wirtschaftliche Schmerzgrenze vieler Schäfer sei erreicht, für die sich die starken Absicherungsmaßnahmen nicht mehr rentierten. Von einst 120 000 Schafen in Sachsen beispielsweise seien heute nur noch 70 000 geblieben. „Die Schafe werden das erste sein, was aus der Kulturlandschaft verschwindet, der Wolf holt sich aber auch Rinder und Pferde.“ Schmücker plädiert dafür, gefährliche Wölfe zum Abschuss freizugeben: „Problemwölfe müssen sofort entnommen werden.“

Peter Burkhardt: Der Jäger sieht im Wolf im Bereich Lüchow-Dannenberg einen aus forstlicher Sicht begrüßenswerten Mitjäger bei dem Ziel, wieder stabile Laub-Mischwälder aufzuforsten. „Wir haben hier so viel Wild, dass nicht ins Gewicht fällt, was der Wolf jagt.“ Auch sei er willkommener als Waschbären, Marderhunde oder nordamerikanische Nerze, die viele heimische Tiere verdrängten. Die angebliche Rückkehr sei zudem kein neues Phänomen. „Die sind immer mal wieder da. Im Bereich Gartow-Gorleben haben wir Nachweise von 1949.“ Die Aufnahme ins Jagdrecht bringt in den Augen Burkhardts nichts, besser sei es, einzelne Wölfe zu entnehmen. „Denn es sind immer wieder dieselben Tiere, Schafsspezialisten, die auffällig werden.“ Die Ausgangssituation für Wölfe sei in Niedersachsen regional sehr unterschiedlich, in Goldenstedt kämen ungünstige Faktoren zusammen: Zum einen gebe es zu wenig Beute in der Natur, zum anderen seien die Schafe leicht zu erbeuten. „Nehmt endlich die Wölfin da weg, dann haben wir die Diskussion nicht mehr.“

Uwe Martens: Würde der Herdenschutz ausreichend intensiviert, könnten auch die Goldenstedter mit den Wölfen leben, ist sich der Wolfsberater sicher. Auch er spricht sich dafür aus, Abschussmöglichkeiten zu schaffen. „Generell müssen Menschen überall auf der Welt gefährliche Tiere töten dürfen. Wir können nicht erwarten, dass der Inder mit dem Tiger lebt, wenn wir nicht mit dem Wolf klarkommen.“