Dienstag , 22. September 2020
Regina Rheinwald lebt in Soders­torf, ist Verhaltenstherapeutin für Pferde und hatte jahrelang eine Reitschule. Foto: t&w

Soderstorfer Autorin dokumentiert aggressives Reiten und Verstöße auf Turnieren

off Soderstorf. Ein Reitturnier irgendwo in Norddeutschland. Regina Rheinwald steht am Rand des Abreiteplatzes und beobachtet die Vorbereitungen für eine M-Dressur, die zweitschwerste Dressurprüfung des Tages. Alle Pferde tragen die vorgeschriebene Kandare im Maul, eine Zäumung ausschließlich für erfahrene Reiter, die zur Verfeinerung der Hilfen gedacht ist — mit der man den Tieren im Extremfall aber auch den Kiefer brechen kann. Ein Pferd fällt Rheinwald ins Auge, seine Ohren sind steif nach hinten gerichtet, der Kopf ist mit Kraft auf die Brust gezogen, das Maul mit einem verbotenen Riemen zugeschnürt. Erst kurz vor der Prüfung entfernt eine Helferin den Sperrriemen und wischt das Pferdemaul mit einem Tuch sauber. Rheinwald dokumentiert den Vorfall mit der Kamera. Für sie ein weiterer trauriger Beweis für das „System Gewalt gegen das Pferd“.

Aufnahmen, die Regina Rheinwald auf verschiedenen Turnieren in Norddeutschland gemacht hat. Ihre Vorwürfe: Die Pferde werden mit Gewalt in eine Haltung gezwungen, ohne dass sie den Schmerzen im Maul oder den stechenden Sporen zwischen den Rippen entkommen können. Fotos: Rheinwald
Aufnahmen, die Regina Rheinwald auf verschiedenen Turnieren in Norddeutschland gemacht hat. Ihre Vorwürfe: Die Pferde werden mit Gewalt in eine Haltung gezwungen, ohne dass sie den Schmerzen im Maul oder den stechenden Sporen zwischen den Rippen entkommen können. Fotos: Rheinwald

Über Jahre hat die Soderstorfer Verhaltenstherapeutin für Pferde und ehemalige Reitschulbesitzerin Vorfälle wie diese auf Turnierplätzen in ganz Norddeutschland dokumentiert. Und sie jetzt unter dem Titel „Ein Buch, das nie erschien… vom System Gewalt gegen das Pferd“ veröffentlicht. „Lange dachte ich, dass ich mich nicht trauen werde, wirklich ein Buch daraus zu machen“, sagt sie. Dann tat sie es doch. Nicht, um die offensichtlichen Tierquälereien zu zeigen. „Ich wollte, den alltäglichen Missbrauch von Pferden beim Namen nennen.“

Rheinwalds Vorwürfe sind in der Pferdeszene nicht neu. Schon seit Jahren prangern verschiedene Experten — Tierärzte, Ausbilder, Reiter — die zunehmend aggressive Reitweise auf allen Ebenen des Sports an, zusätzlich angefeuert hat die Diskussion das Schicksal des einstigen Wunderhengstes Totilas. Der Rappe gilt als prominentestes Opfer brutaler Trainingsmethoden, als Kronzeuge einer fatalen Fehlentwicklung des Sports.

Unter dem zunehmenden Druck hat inzwischen auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) reagiert, 2014 einen Kriterienkatalog für den Vorbereitungsplatz und einen Lehrfilm gegen aggressive Reitweisen erarbeitet. Was es gebracht hat? „Viel zu wenig“, sagt Regina Rheinwald, „sonst hätte mir all das, was ich in meinem Buch dokumentiere, niemals begegnen dürfen.“

Die 58-Jährige zeigt in ihrem Buch brutale Reitweisen — und klare Verstöße gegen die Bestimmungen der FN auf öffentlichen Abreiteplätzen. „Ein Sperrriemen bei einer Kandarenzäumung zum Beispiel ist verboten“, sagt Rheinwald, „und auch das Springen mit Schlaufzügeln, was ich gleich mehrfach fotografieren konnte, ist tabu.“ Um genau so etwas zu verhindern, ist auf den Abreiteplätzen die Anwesenheit eines Richters oder Turnierverantwortlichen eigentlich Pflicht. „Leider habe ich nur sehr selten erlebt, dass jemand eingegriffen hat“, sagt Rheinwald, „und selbst wenn ich die Vorfälle vor Ort oder bei dem FN-Landesverband gemeldet habe, ist nichts passiert.“

6128997In einem You-Tube-Video wendet sich die 58-Jährige direkt an die FN, sagt in ruhiger klarer Stimme in die Kamera: „Sie tragen die Verantwortung für das, was hinter Stallmauern, in Ausbildungsställen und auf Vorbereitungsplätzen geschieht. Weil Sie schweigen, weil Sie weder ein- noch durchgreifen. Mein Appell: Tu etwas FN!“ Auf LZ-Nachfrage reagiert die FN darauf und erklärt: „Uns liegt das Video von Frau Rheinwald vor. Die Vorwürfe, die sie darin äußert, nehmen wir natürlich ernst.“ Dann verweist man auf den Kriterienkatalog für den Vorbereitungsplatz samt Lehrfilm, Schulungsmaßnahmen für Richter und Turnierfachleute — und erklärt: „Leider ist es tatsächlich so, dass nicht in allen Betrieben, Vereinen und auf allen Vorbereitungsplätzen die Idealbedingungen vorherrschen, wie sie in unseren Richtlinien oder in unserem Kriterienkatalog formuliert sind. Frau Rheinwald handelt mit ihrem Video also genau richtig und legt den Finger in die Wunde.“

Was die FN allerdings zurückweist, sind „pauschale Verurteilungen von Turnierreitern, Vereinen und Betrieben“. „Ein sogenanntes System Gewalt gegen Pferde gibt es nicht, der überwiegende Teil unserer Pferdesportler hält sich an unsere Richtlinien und tut alles für einen kameradschaftlichen und fairen Umgang mit dem Partner Pferd.“

Pauschal will auch Regina Rheinwald die Reiterei nicht verurteilen. „Aber das Problem sind nicht einfach nur ein paar schwarze Schafe“, sagt sie. Als Beweis genügt ihr schon ein Blick auf die unzähligen verschiedenen Gebisse und Zäumungen, die mittlerweile am Markt sind. „Für jedes Problem, liefert die Industrie heute eine Lösung“, sagt Rheinwald, „statt ernsthaft und mit Geduld an einer gewalt- und zwanglosen Verständigung zwischen Mensch und Pferd zu arbeiten, gibt es immer ausgeklügeltere Systeme, um das Pferd schnell und mit Kraft in die Haltung zu zwingen, in der man es haben will.“

6128995Regina Rheinwald hat nach jahrelangen Turnier-Recherchen keine Zweifel mehr: „Es gibt ein System Gewalt gegen das Pferd.“ Gründe dafür gibt es aus ihrer Sicht viele: Weil Gewalt schneller funktioniert als pferdegerechte Ausbildung. Weil es im Pferdesport um viel Geld und Geltungssucht geht. Und weil Pferde stumm leiden müssen. Könnten Pferde schreien, „wäre auf vielen Reitplätzen in diesem Land ohrenbetäubender Lärm“, sagt sie, „und niemand würde mehr behaupten, aggressive Reiter seien die Ausnahme.“

Reaktionen aus der Region
Dr. Ernst-Dietrich Paulus, Vorsitzender des Kreispferdesportverbandes Lüneburg: „Sicherlich gibt es auch in unserer Region schwarze Schafe. Was ich allerdings unterstrichen wissen will: Die absolute Mehrheit aller Reiter geht vernünftig mit ihren Pferden um. Schade ist, dass der kleine Anteil, der das nicht tut, den Rest in Misskredit bringt. Aber ja, es gibt Schattenseiten in diesem Sport. Es geht um Vermarktung von Pferden, um Geld und auch auf regionaler Ebene gibt es Menschen, die mit dem Beritt von Pferden ihr Geld verdienen. Da wollen die Besitzer Erfolge sehen — und der ein oder andere Reiter ist dann vielleicht nicht immer ganz fair im Umgang mit dem Pferd.“
Claus Ehrhorn, Landestrainer Vielseitigkeit im Pferdesportverband Hannover und Ausbildungsleiter im Ausbildungszentrum Luhmühlen: „Ich sehe durchaus eine Fehlentwicklung in der Reiterei. Beispiel Rollkur, das ist das sehr tiefe Einstellen des Pferdekopfes bis auf die Brust. Diese Methode sehen Freizeitreiter im Spitzensport und versuchen es nachzumachen, unter dem Motto: Wenn die damit Erfolg haben, muss ich es auch haben. Ich persönlich bin kein Freund davon, die Pferde brauchen ihren Hals für die Balance, außerdem reicht mir ein Blick in die weit aufgerissenen Augen dieser Pferde, um zu sehen, dass es ihnen nicht gut damit geht. Ein weiteres Problem ist, dass es immer noch Richter gibt, die genau diese Methode mit vorderen Platzierungen belohnen, sich von den Show-Tritten der Pferde blenden lassen, ohne zu erkennen, dass sie in sich total verspannt sind. Und ich denke, die FN sowie die internationale Dachorganisation des Pferdesports müssten den Einsatz zum Teil wirklich perfider Gebisse unterbinden. Es ist doch absurd: Ein doppelt und dreifach scharfes Gebiss ist erlaubt, aber das Reiten nur mit einem Riemen um den Hals in Prüfungen verboten.“
Botho von Ziegner, Ausbilder und Reitschulbesitzer aus Mechtersen: „Richtig reiten reicht!“, sagt Xenophon. Eine harmonische Kommunikation zwischen Pferd und Reiter erfordert eine jahrelange, manchmal auch harte und anstrengende Ausbildung. Das scheuen heute leider viele Reiter — und versuchen mangelnde Ausbildung durch Hilfsmittel wie Gebisse oder durch Gewalt und Kraft wettzumachen. Da die meisten Pferde sich nicht wehren, funktioniert das. Zumindest augenscheinlich und für den Moment. Doch mit dem, was Reiten eigentlich sein soll — ein Miteinander, bei dem Gesundheit und Wohlbefinden des Pferdes im Vordergrund steht — hat das aus meiner Sicht nichts zu tun.“
Anna Siemer, Pferdewirtschaftsmeisterin und aktive Vielseitigkeitsreiterin mit eigenem Turnier- und Ausbildungsstall im AZL Luhmühlen: „Zunächst muss man sagen: Fotos in schlechten Situationen kann man von fast jedem Reiter schießen. Man kann aber auch Fotos zeigen in sehr guten Situationen. Unabhängig davon bin aber auch ich der Meinung, dass es schon sehr lange Probleme in der Reiterei gibt, dass zum Beispiel Gebisse und Sporen missbraucht werden, dass teilweise Pferde unter ihren Reitern leiden.
Was man auf den Turnieren sieht, ist da allerdings nur das eine. Das andere ist, was zu Hause passiert. Ich denke, es gibt zu wenig gute Trainer und zu wenig gute Vorbilder. Im Profisport, aber vor allem im Amateurbereich. Hinzu kommt, dass zu wenig Richter schlechtes Reiten auch mit schlechten Bewertungen quittieren. Als aktive Profireiterin bin ich der Meinung: Wir dürfen nicht aufhören, uns von denen abzugrenzen, die nicht gut reiten.“