Samstag , 24. Oktober 2020
Mal sind es sieben, hin und wieder zehn, manchmal aber auch nur drei Atomkraftgegner. Doch sie sind ausdauernd. Seit 2010 tragen sie ihren Protest jeden Montag auf die Straße. Foto: t&w

Mahnwache gegen Atomenergie: Der Protest der sieben Aufrechten

us Lüneburg. Es sind nicht viele, die stehen bleiben. An dem regnerischen Wetter soll es nicht liegen, auch nicht daran, dass viele um diese Zeit nach Feierabend doch lieber schnell noch ihren Bus erreichen wollen. „Das Thema hat für viele Menschen nicht mehr den hohen Stellenwert, seit der Bund den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat“, sagt Georg von Hodenberg, der darüber fast ein wenig enttäuscht klingt. „Natürlich ist der Ausstieg richtig, aber damit ist doch das Problem nicht aus der Welt.“ Und weil das so ist, stehe er hier, jeden Montag, zusammen mit den anderen, die ebenfalls ihre Transparente, Flaggen und Argumente gegen „den Wahnsinn“ mitgebracht haben.

Zum ersten Mal kamen sie im Oktober 2010 am Sande zusammen, damals hatte der Bundestag gerade der Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke zugestimmt. Kernenergie sollte auch für die nächsten Jahrzehnte den Energiebedarf der Deutschen decken, vor allem die Reduzierung des CO2-Ausstoßes ermöglichen. Dass es nur ein halbes Jahr später im März 2011 zu der nuklearen Katastrophe im japanischen Fukushima und in der Folge zur Energiewende in Deutschland kommen sollte, war damals nicht absehbar. Und doch: Von einem Tag auf den anderen war die Akzeptanz für die Kernenergie drastisch gesunken, der Anteil der Kernkraftgegner schnellte empor.

„Das war ein erster Schritt damals, aber es reicht noch nicht“, sagt Karin Kupka, die wie ihre Mitstreiter Georg von Hodenberg, Sven Bohlmann und Gertrud Ernst sowie weitere Atomkraftgegner von Beginn an dabei ist. Anfangs fanden sie sich immer um 17 Uhr vor dem IHK-Gebäude ein, inzwischen haben sie ihre Mahnwache, wie sie ihre Treffen nennen, auf 17.45 Uhr verschoben. Zwischenzeitlich waren sie mit ihrem Protest auch schon am Markt, die Stadt hatte es so vorgegeben. „Wir müssen unsere Veranstaltung alle drei Monate neu anmelden“, sagt Sven. Anfangs habe sich die Stadt etwas schwer mit der Genehmigung getan, jetzt gebe es keine Probleme mehr, und ihr aktueller Standort scheint vorerst auch gesichert zu sein. „Es wäre schade, wenn wir hier wieder weg müssten, inzwischen haben sich die Leute an uns gewöhnt“, berichtet Gertrud Ernst. Häufig würden sogar Busfahrer und Fahrgäste winken, wenn sie an ihnen vorbeifahren.

Das insgesamt nachlassende Interesse an ihrem Thema beeindruckt die sieben Protestler nicht, die an diesem Montag die Mahnwache bilden. Manchmal sind es auch mal zehn, gelegentlich auch deutlich weniger. Doch ein paar sind immer da, vom ersten Tag an, jeden Montag, egal ob Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, bei Regen, Frost und Schnee, „dann zieht man sich eben einen dickeren Schlüpfer an“, sagt Gertrud. Warum es immer der Montag ist, könne sie gar nicht sagen, „wir haben uns da wohl an anderen Montags-Demos orientiert“.

Dass sie weitermachen wollen, auch wenn die Leute „träger geworden sind“, wie Karin findet, steht für alle sieben außer Frage. „Solange immmer noch Kraftwerke am Netz sind, egal wo, bleiben wir hier“, sagt Gerhard. „Und bis heute weiß kein Mensch, wohin mit dem Müll.“ Die Frage, wohin er denn soll, findet Karin „link“. Natürlich müssten diejenigen, die den Müll produziert haben, auch dafür sorgen, dass er entsorgt werden kann. „In Gorleben jedenfalls nicht“, da sind sich alle in der Runde einig.

Es ist kurz vor 19 Uhr, die genehmigte Mahnstunde ist gleich abgelaufen. Um diese Zeit stößt immer Sandra Ortiz zu der Gruppe, viel früher schafft sie es wegen ihrer Arbeit nicht. Die 39-Jährige ist seit 2014 dabei. „Ich kam mit dem Bus in die Stadt und sah sie dort stehen. Da bin ich dann mal nicht wie gewohnt abgebogen, sondern hab das Gespräch gesucht.“

Inzwischen hat der Regen wieder eingesetzt, das Transparent wird eingerollt, und auch Harald Gottschlink, der nicht viel sagt, dafür Gitarre und Klarinette bespielt, klappt seinen Stuhl wieder ein. Auch Sandra packt mit an, dann zieht sie zusammen mit Georg und Sven durch die Bäckerstraße, Feierabend, es geht nach Hause. Eine kurze Strecke noch weht der Protest ihrer Fahnen über ihren Schultern. Montag kommen sie wieder, wie immer.