Sie lieben nicht nur Kirschen: Waschbären sind Räuber und Allesfresser, gehen an Nester und stöbern im Müll. Auf diesem Baum auf einem Hof in Oedeme wurden gleich fünf von ihnen gesichtet. Einer schaut in die Kamera des Fotografen, die anderen haben sich hinter Blättern versteckt. Foto: us

Waschbären breiten sich weiter aus

us Lüneburg. Knopfaugen, Stupsnase, treuer Blick und weiches Fell: Mit ihrer possierlichen Erscheinung gewinnen Waschbären Kinderherzen meist im Nu, selbst Erwachsene sind dem Charme der kleinen Nager oft erlegen. Doch die graubraunen Kleinbären mit dem charakteristisch weißgestreiften Schwanz und der Zorro-Maske werden zunehmend zur Plage, auch in der Region Lüneburg. Als Raubtiere und Allesfresser breiten sie sich immer weiter aus, ihre Population steigt von Jahr zu Jahr. Gut sichtbar wird die Vermehrung aktuell in Oedeme.

Erst kürzlich hatte die LZ berichtet, dass im Lüneburger Stadtteil ein Waschbär aufgetaucht war und gefilmt wurde. Jetzt hat gleich eine ganze Bärenfamilie einen Kirschbaum für sich entdeckt. "Wir sind dabei, erobert zu werden", sagt Torsten Broder, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Lüneburg.

Wurde der Bestand der Waschbären in Deutschland vor drei Jahren noch mit rund 500000 Tieren beziffert, dürften es nach Angaben des Wildtierschutzvereins Deutschland inzwischen an die 800000 sein. Allein im Kreis Lüneburg ist ihre Zahl von 60 vor zwei Jahren auf jetzt rund 300 hochgeschnellt.

Bis zu sechs Welpen bringen Waschbären jedes Jahr zur Welt, gut die Hälfte davon überlebt das erste Lebensjahr und ist dann selbst geschlechtsreif. Zwar bevorzugen sie Wald- und Wassergebiete, als "Kulturfolger" haben sie aber auch keine Scheu, sich in menschlicher Umgebung aufzuhalten. "Wie Marder bevorzugen auch die nachtaktiven Waschbären Dachstühle, oft zum Leidwesen der Hausbesitzer, denn sie machen Lärm und hinterlassen Kot und Dreck", sagt Broder. Auch der Schaden, den sie dabei anrichten, könne durchaus mehrere zehntausend Euro betragen, etwa, wenn Dämmmaterial zerstört wird.

"Ich habe von verschiedenen Leuten gehört, dass sie gesehen wurden, meist in der Nähe von Komposthaufen", berichtet Oedemes Ortsbürgermeisterin Christel John. "Wir müssen etwas dagegen tun, sonst nimmt das noch Überhand", sagt John.

Das will auch die Kreisjägerschaft, entsprechende Mittel dafür sollen bereitgestellt werden, wie Broder versichert. Ziel sei es, die Tiere durch "intelligentes Bejagen" zurückzudrängen, ein Ausrotten aber sei nicht mehr möglich: "Der Zug ist abgefahren." Um die Vermehrung einzudämmen, setze man darauf, die Jungtiere zu töten. Da in Wohngebieten keine Schusswaffen eingesetzt werden dürfen, kämen hier Kastenfallen zum Einsatz, in denen die Tiere lebendig gefangen werden. "Die Fallen dürfen aber nur von Personen aufgestellt werden, die auch einen entsprechenden Sachkundelehrgang nachweisen können", sagt Broder, "das gilt auch für Jagdscheininhaber". Während der Schonzeit vom 1. April bis 15. Juli dürften nur Jungtiere gefangen werden, in die Falle geratene Elterntiere sind wieder freizulassen.

Gefahr gehe von den Tieren in der Regel nicht aus, für Hunde könne eine Begegnung mit Waschbären aber zu einer ernsthaften Bedrohung werden. "Wenn die Tiere sich angegriffen fühlen, können sie auch gemeinsam einen Hund töten." Um die Tiere nicht weiter in die Wohnorte zu locken, rät Broder, ihnen die Nahrungsgrundlage zu entziehen, indem beispielsweise auf Vogelfutter verzichtet wird. Auch Hunde- und Katzenfutter sollte nicht die Nacht über draußen stehen bleiben, ebenso gelbe Säcke. "In Kassel, wo sich bereits rund 1800 Waschbären breit gemacht haben, ist sogar inzwischen vorgeschrieben, die Mülltonnen zu verschließen."

Für die Bejagung des Waschbären hat der Verein Wildtierschutz Deutschland indes wenig Verständnis. "Lokale Berichte über negative ökologische Auswirkungen von Waschbären liest man immer wieder. Gleichwohl hat bis dato keine wissenschaftliche Untersuchung dieser nach dem Bundesnaturschutzgesetz heimischen Tierart den ernsthaften Druck auf andere Tierarten nachgewiesen", erklärt der Vereinsvorsitzende Lovis Kauertz. Er empfiehlt, sich mit dem Tier zu arrangieren: "Wir sollten lernen, mit ihm leben zu müssen."