Freitag , 30. Oktober 2020
Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge in seinem Rathaus, an der Wand das Logo des Hansetages, ohne Frage ein Höhepunkt seiner langen Laufbahn. Heute feiert er seinen 65. Geburtstag. Foto: wege

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge — Mit 65 auf Hochtouren und ohne Zeit

Andere laden an so einem Tag zu Lachsschnitten und Prosecco ein und sonnen sich in Lobeshymnen. Ulrich Mädge schaut in seinen Kalender: „Nee, am 11. bin ich noch in Dresden.“ So ist er, so liebt er es: 24 Stunden Oberbürgermeister von Lüneburg, 24 Stunden Botschafter der Hansestadt, Städtetagspräsident oder Aufsichtsratschef. Auch heute, an seinem 65. Geburtstag.

Partys sind eh nicht sein Metier. „Ich habe meinen 60. groß gefeiert, das reicht.“

Gerade die letzten Wochen war er in seinem Element: Marathon-Runden im Kita-Streik in Berlin, „mir reichen fünf Stunden Schlaf, ich kann schnell regenerieren“. Mit Augenrändern in den Flieger steigen, Ziel fürs vergangene Wochenende war die estnische Partnerstadt Tartu. „Die haben 80 Millionen in ein Museum investiert, 30 ins Theater und einen Campus auf die grüne Wiese gestellt, die überholen uns.“ Da schwingt Neid in der Stimme mit: „Ich bin ja angetreten, um zu gestalten, immer noch.“ Aus Tartu Montag zurück ins Rathaus – Akten kauen, Dezernentenrunde, Informationsaustausch, Aufgaben verteilen, den Konzern Lüneburg auf Touren halten und zwischendrin immer Lokaltermine, ob Konzertabend oder Kaninchenzüchter. Bei seiner Dauerpräsenz kommt doch der Verdacht auf, ihm helfe ein Doppelgänger. Gestern ging‘s nach Potsdam, erste Schlichtungsgespräche im Kita-Streit. Mädge sitzt für die Kommunen am Tisch. Donnerstag als niedersächsischer Präsident zum Städtetag nach Dresden, wo parallel auch die Kita-Gespräche laufen. Zum Glück. Ach ja, und Geburtstag.

Ruhe findet er sonnabends, „zwischen 13 und 18 Uhr ist mein Kreativtag“, und wochentags, wenn das Rathaus sich langsam leert, es nach 16 Uhr still wird in den Gängen. Dann sitzt der Oberbürgermeister hinten im Kämmereiflügel in seinem weitläufigen Büro beim Aktenstudium, empfängt Vertraute und solche, die meinen, eine gute Idee für Lüneburg präsentieren zu können. Er hört zu, er findet das manchmal abenteuerlich und fragt gerne: „Wer soll das bezahlen?“ Aber wenn er spät in die Linie 5014 steigt, nach Hause an die Graf-Schenk-von-Stauffenberg-Straße in Kaltenmoor fährt, nagt er weiter an Gordischen Knoten, und morgens präsentiert er nicht selten die Lösung.

Ein Beispiel ist der PCB-Alarm an Lüneburgs Schulen Anfang des Jahrtausends. Das war millionenschweres Blei in der Bilanz, unbezahlbar eigentlich. Mädge bettete die Schadstoffsanierung in das größte Schulbau- und Bildungsprogramm ein, das bis heute mit 100 Millionen Euro zu Buche schlägt, bis 2021 sollen noch 40 dazukommen. Lüneburg bleibt schließlich attraktive Zuzugsregion. „Sechzig Prozent der Schulen und Kitas bauen wir in Leichtbau, das lässt sich einfach verändern, wenn uns der demographische Wandel trifft.“ Gut, da häufen sich Schulden an. „Aber wir dürfen uns nicht kaputtsparen, wir stehen im Wettbewerb der Städte.“

Lernen hat Priorität, vielleicht auch, weil Mädge sich von der 9. Volksschulklasse in Vienenburg am Harz über eine Elektroinstallateur-Lehre und zwölf Jahre Bundeswehr über den zweiten Bildungsweg nach oben durchgekämpft hat.

In die Politik ist er über eine Bürgerinitiative und den Zuspruch des Bundestagsabgeordneten Helmuth Möhring gerutscht. In der BI kämpfte er in Kaltenmoor im vergangenen Jahrhundert gegen die Fernwärme, die zu teuer war, weil sie im Winter auch den Rasen heizte. Er argumentierte gut. 1981 kam er „mit einer Stimme Mehrheit“ über die SPD-Liste in den Rat, fünf Jahre später zettelte er mit Weggefährten eine Palastrevolution gegen die Partei-Granden an. „Ein klassischer Alt-Jung-Konflikt, es gab keine Kompromisse.“

Er wurde Fraktionschef, schon 1991 Oberbürgermeister. Jüngere glauben deswegen, das sei ein Erbtitel. Ob Uni oder die anfangs von vielen verteufelte Verkehrsberuhigung. „Als wir das erste Radparkhaus am Bahnhof bauten, hatte ich schlaflose Nächte, ob das voll wird. Heute denken wir über ein drittes nach.“ Ob Gesundheitsholding oder Denkmalpflege. Mädge ist Wegbereiter, Geldbeschaffer, Netzwerker. Immer mittendrin.

Fluch und Segen ist sein Elefantengedächtnis. Er kann mit ungeheurem Faktenwissen kontern. Leider vergisst er auch nie, wenn einer in seinen Augen wortbrüchig war. Dann wird er hart, bis zur Ungerechtigkeit. Fluch und Segen ist auch seine Machtfülle. Er will gestalten, trägt oft zu viel auf den Schultern. So entsteht der Eindruck, er stünde bei stürmischer See mutterseelenallein auf der Kommandobrücke. Da wird er dünnhäutig. Gesprächspartner, Mitarbeiter und Vertraute kennen das. In solchen Augenblicken steht er sich selber im Wege, weil er doch lieber in der Reserve bleibt – auch wenn er lobt. Ein schlichtes „Ja, schön“ aus seinem Mund ist als summa cum laude zu verstehen.

Wann immer der „konservative“ Sozialdemokrat Ulrich Mädge, der heute 65 Jahre alt wird, aus dem Amt scheiden mag. Theoretisch 2021. Er lässt Lüneburg blühen und erfüllt seinen Wahlspruch: „Handeln in meiner Zeit.“ Am Ende führt kein Weg daran vorbei, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Die hat er sich lange verdient.

Hans-Herbert Jenckel

 

Lebenspunkte

  • Verheiratet mit Carola Mädge, zwei Söhne
  • Seit 1979 SPD-Mitglied
  • Seit 1991 Oberbürgermeister
  • Städtetagspräsident
  • Niedersächsisches Verdienstkreuz
  • Estländischer Staatsorden und der Stadt Tartu
  • Größte Stärke: Ausdauer
  • Lieblingsobjekt: Kulturbäckerei
  • Heimat: Lüneburg und Vienenburg
  • Motto: „Wir haben ja auch zwei Herzkammern.“

Kompaktes Lob

Sascha Spoun, Uni-Präsident: Herr Mädge ist Garant für eine umsichtige, konsequente und zukunftsgerichtete Kommunalpolitik. Seine gleichermaßen solide wie vorausschauende Amtsführung hat Lüneburg in den vergangenen Jahren eine außerordentlich positive Entwicklung beschert. Ich bin ganz sicher, dass sich dies auch in den kommenden Jahren so fortsetzen wird.

Heiko Westermann, Lüneburger Arbeitgeberpräsident: Ein Mann, der die Stadt lebt wie kein anderer. Lüneburg ist ohne ihn kaum vorstellbar – und umgekehrt.

Äbtissin Reinhild Freifrau von der Goltz (Konvent Kloster Lüne): Ein Mann des Glaubens und der Tat, der sich Geschichte, Traditionen und Anliegen Lüneburgs und damit auch die des Klosters zu eigen gemacht hat. Ein Schwungrad, das Himmel und Erde in Bewegung setzt.

Michael Zeinert, IHK-Hauptgeschäftsführer: Manager des Wandels. Garant für Stabilität: Er hat früh erkannt, dass die Stadt den Handel braucht; in der Mitte, nicht an den Rändern. Diesen Kurs 24 Jahre mit großer Konsequenz gehalten zu haben, ist eine besondere Leistung. Ihr verdankt Lüneburg eine selten gewordene städtebauliche Qualität und auch wirtschaftlichen Erfolg.

Heiko Dörbaum, SPD-Fraktionschef: Ein Macher, dem gehen nie die Ideen aus. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Viele Projekte tragen seine Handschrift, zum Beispiel der Ausbau des Klinikums, Umgestaltung des Bahnhofs oder Neubau des Museums. Als sozialdemokratischer Oberbürgermeister hat er eine neue Kultur der Bürgerbeteiligung geprägt. Die Vielzahl der Bürgerversammlungen, der gute Kontakt zu allen Bevölkerungsgruppen und insbesondere die neue Stadtteilarbeit sind Beleg dafür.

Andreas Meihsies, Fraktionschef Grüne: Seit Jahren ein zentraler Ideengeber und ein zupackender Stadtgestalter. Dafür wird er von mir geschätzt – und von manchen als König Ulrich betitelt.

Niels Webersinn, CDU-Fraktionschef: Mit Respekt stelle ich fest, dass Herr Mädge nie die Flinte ins Korn wirft, dass er stets fintenreich versucht, neue Wege zu gehen, dass sein erster Zorn schnell verfliegt, dass seine Schlagfertigkeit oft für gute Stimmung sorgt und die politische Fortune ihn stets begleitet hat.

Michèl Pauly, Die Linke: Vermutlich der fleißigste Oberbürgermeister, den unsere Stadt je hatte. Mit seiner Art sich durchzusetzen, prägt er Lüneburg – im Guten wie im Schlechten. Ich wünsche ihm, dass er nach all den politischen Auseinandersetzungen auch noch viele Jahre der Gesundheit erlebt, um seine Stadt auch einmal außerhalb der politischen Verantwortung kennenlernen zu können.

Birte Schellmann, FDP: Wer seit über 150 Jahren der am längsten amtierende OB in Lüneburg ist, verfügt offensichtlich über ungewöhnliche Fähigkeiten, auch oder gerade weil er vielfach in monarchischer Manier über Partei, Gesamtrat und Verwaltung herrscht. Auf diese Weise sind sehr viele wichtige und erfolgreiche Projekte mit seinem Namen verbunden. Lüneburg ist ihm zu Dank verpflichtet.

Daniel Brügge, Piraten: Vielleicht nicht immer der Oberbürgermeister, den Lüneburg gerne hätte. Aber durch seine pragmatische Art und hohe Kompetenz und Erfahrung ist er der Oberbürgermeister, den Lüneburg braucht.

Jens Kiesel, Rentnerpartei: Eine feste Größe mit einer politischen Verlässlichkeit ohne überraschende Kursänderungen. Er bedeutet für Lüneburg Kontinuität mit Augenmaß in einer wachsenden Stadt. Das gelingt ihm durch Fleiß und Beharrlichkeit, Geschick und einer Portion Fortune bei Projekten wie Musikschule, Museum oder Kulturbäckerei.