Mittwoch , 23. September 2020
Rund 200 Bäume müssten beim konventionellen Straßenausbau weichen, fürchten die Anwohner der Milchbergsiedlung. Mit Flatterband und Schildern machen sie ihren Protest deutlich. Foto: cw

Anwohner der Milchbergsiedlung in Neu Neetze laden SPD-Politiker ein

kre Neu Neetze. Die Anwohner haben aufgetischt: Es gibt Kaffee und Kuchen, Getränke und leckere Häppchen: Nicht, dass die geladenen Gäste — Mitglieder des SPD-Gemeinderates in Neetze — hinterher erzählen, sie seien nicht ordentlich bewirtet worden. Für eine nette Gesprächsatmosphäre haben die Anlieger der Milchbergsiedlung in Neu Neetze also gesorgt. Denn zu besprechen gibt es einiges zwischen Bürgern und Politikern: Die SPD-Mehrheit im Neetzer Gemeinderat will die Straßen pflastern lassen, die überwiegende Mehrheit der 54 Anwohner ist dagegen. Also haben sie die Sozialdemokraten zum Frühschoppen geladen, damit die Ratsherren und -frauen sich selbst ein Bild vom Zustand der Straßen und dem Charme der Milchbergsiedlung machen können.

Fünf der neun Ratsmitglieder sind der Einladung gefolgt und mit dem Fahrrad nach Neu Neetze in die Milchbergsiedlung gefahren. „So mancher hat unsere Straßen dabei wohl überhaupt zum ersten Mal gesehen“, wundert sich eine Anwohnerin. Die CDU ist bei diesem Treffen übrigens nicht dabei. Muss sie aus Sicht der Bürger auch nicht, denn die Christdemokraten haben bereits mehrfach deutlich gemacht, dass sie den Straßenausbau unsinnig finden und dagegen sind. Überzeugungsarbeit müssen die Anwohner also nur bei der SPD leisten.

Auch Bürgermeister Heinz Hagemann fehlt. Er hat sich entschuldigen lassen — wegen anderer terminlicher Verpflichtungen. Dabei hatte der parteilose Rathauschef noch 2011 versprochen: „Kein Ausbau gegen den Willen der Bürger.“ Jetzt soll es nach dem Willen der Mehrheit im Neetzer Gemeinderat anders kommen — nicht zuletzt auf Initiative von Brigitte Merz. Die Sozialdemokratin — Mitglied im Neetzer Gemeinderat — ist selbst Anwohnerin der Milchbergsiedlung und hat nach eigenem Bekunden die Nase voll von der Staubbelastung durch die unbefestigten Sandwege. Vor vier Jahren hatte sie deshalb noch als Fraktionschefin den entsprechenden Antrag im Rat eingebracht. „Ich stehe auch jetzt nach wie vor zum Ausbau“, bestätigte sie auf LZ-Anfrage.

Mit dieser Haltung steht die Sozialdemokratin allerdings ziemlich allein auf weiter Flur: Die Anwohner haben eine Umfrage in der Siedlung durchgeführt. Das Ergebnis: Von den 54 Haushalten hatten sich 44 gegen den Ausbau und zwei dafür ausgesprochen. Der Rest wollte sich nicht an der Umfrage beteiligen, hatte sich enthalten oder war nicht anzutreffen.

Zu den erklärten Ausbau-Gegnern der Milchbergsiedlung gehören Jan Bollwerk und seine Frau Andrea Kühn. Nicht nur sie schätzen den ganz besonderen Charakter der Waldsiedlung, fürchten, dass rund 200 Bäume gefällt werden müssten, wenn die SPD den Straßenausbau durchsetzt. „Andernorts sind Politik, Verwaltung und Umweltschützer bestrebt, Flächen zu entsiegeln, nur bei uns will man den umgekehrten Weg gehen“, ärgert sich Andrea Kühn.

Dennoch setzen die Anwohner statt auf Konfrontation nach wie vor auf den Dialog mit der Ratsmehrheit: Und mit dem besonderen Verfahren eines Unternehmens aus dem norddeutschen Raum glauben die Milchberg-Anwohner auch eine Alternative zur herkömmlichen Pflasterung gefunden zu haben: witterungsbeständig, belastbar und trotzdem wasser- und luftdurchlässig.

Auch das Staubproblem wäre damit gelöst, ,,ohne den Charakter der Siedlung verändern zu müssen“, sagen Jan Bollwerk und Andrea Kühn. In vielen Städten und Gemeinden werde diese Form des Straßen- und Wegebaus durchgeführt. ,,Auch die Straße zwischen Bavendorf und Radenbeck wurde mit diesem Material hergestellt“, sagt Andrea Kühn.

Die Gemeinde Neetze hat bereits ein Ingenieurbüro beauftragt, die Kosten für den Straßenausbau in der Milchbergsiedlung zu ermitteln. ,,In die Untersuchung muss auch diese Alternative mit aufgenommen werden“, fordern Jan Bollwerk und Andrea Kühn im Namen ihrer Mitstreiter. Ob Brigitte Mertz das auch gut findet, da haben die beiden allerdings ihre Zweifel. „Demokratie heißt, dass ihr alle fünf Jahre wählen geht, den Rest überlasst ihr uns“, hatte die Sozialdemokratin beim ,,Frühschoppen“ zum Besten gegeben — und damit nicht nur bei Bollwerk für Kopfschütteln gesorgt.

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