Donnerstag , 1. Oktober 2020
Bibiana Iliev hat eine zeitlang in Bulgarien gelebt und frei lebende Wölfe beobachtet, kennt sich als Besitzerin von Jagdhund Duke außerdem mit Hunden aus und ist durchaus skeptisch, dass Wölfe für den Tod des Fohlens bei Bispingen verantwortlich sind. Foto: t&w

Totes Fohlen bei Bispingen — Waren es wirklich Wölfe?

lz Lüneburg. Was genau auf der Weide bei Bispingen passiert ist, weiß bisher niemand. Doch der Verdacht, dass Wölfe ein Islandpferdefohlen gerissen haben, sorgt bundesweit für Aufregung. (LZ berichtete) Zahlreiche Medien griffen das Thema auf, Fotos des Kadavers verbreiten sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken und unter Pferdehaltern wächst die Panik. Doch waren es wirklich Wölfe, die das Fohlen getötet haben? Die Bardowickerin Bibiana Iliev hat Zweifel. Und auch für Wolfsberater Volker Einhorn sind noch viele Fragen in dem Fall offen.

In Bulgarien hatte Bibiana Iliev selbst Gelegenheit, frei lebende Wölfe zu beobachten. Und für sie ist der Vorfall bei Bispingen keinesfalls eindeutig. „Wenn Wölfe das frisch geborene Fohlen angegriffen hätten, hätte die Mutterstute ihr Fohlen typischerweise verteidigt“, sagt sie. „Und wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie die Wölfe entweder vertrieben oder deutliche Verletzungen aufweisen müssen.“ Ungeklärt sei außerdem noch die Frage, „ob das Fohlen nicht vielleicht tot zur Welt gekommen ist und wer auch immer, womöglich auch Wölfe, sich an dem Kadaver zu schaffen gemacht haben“.

Der Fall ist für Bibiana Iliev typische Panikmache, ein klassisches Beispiel für Vorverurteilung. „Wer sagt uns, dass es nicht auch ein Hund oder ein Wolfshund gewesen sein könnte, den sich leider immer mehr Leute halten, ohne sich genauer über die Tiere zu informieren.“ Tatsächlich stellen sich laut Wolfsberater Volker Einhorn, der auch für Teile des Landkreises Lüneburg zuständig ist, im Nachhinein immer wieder vermeintliche Wolfs-, als Hunderisse heraus. Eine genaue Auflistung der Fälle veröffentlicht für Niedersachsen die Landesjägerschaft auf der Internetseite www.wildtiermanagement.com.

Aufgelistet sind auf der Seite insgesamt 139 gemeldete Nutztierrisse ab November 2008, für insgesamt 60 waren nachweislich Wölfe verantwortlich. Für 30 Fälle liegen aktuell noch keine Ergebnisse vor, bei acht Rissen war aufgrund unbrauchbarer Proben keine Beurteilung möglich. In 41 Fällen konnte nachgewiesen werden, dass kein Wolf für den Riss verantwortlich war, eindeutig einem Hund konnten vier Fälle zugeordnet werden.

„Diese Auflistung zeigt, dass längst nicht jeder Übergriff auf ein Nutztier, der gemeldet wird, auch auf das Konto eines Wolfes geht“, sagt Einhorn. „Deswegen sollte man aus meiner Sicht auch in dem aktuellen Fall erst die Ergebnisse abwarten, bevor man voreilige Schlüsse zieht.“ Dass Wölfe tatsächlich auch Fohlen reißen, kann aber auch er nicht ausschließen. „Deswegen halte ich es für unseriös, über das Geschehen egal in welche Richtung zu spekulieren, bevor die Untersuchungsergebnisse vorliegen.“

Auch Bibiana Iliev kann nicht ausschließen, dass tatsächlich Wölfe das Islandpferdefohlen getötet haben. „Allerdings frage ich mich, warum man fohlende Stuten in einem Wolfsgebiet nachts auf der Weide lässt“, sagt sie, „ich stelle ja auch keinen lecker riechenden Kuchen auf einen Platz, wo viele Menschen sind, wenn ich nicht will, dass er irgendwann weg ist.“ In ihrer Zeit in Bulgarien „in der ich selbst Pferde gehalten habe“ habe sie eines gelernt: „Wenn man verantwortungsvoll mit seinen Tieren umgeht, dann werden diese auch nicht vom Wolf gerissen.“