Freitag , 30. Oktober 2020
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Lüneburg: NS-Prozess startet in einer Woche

rast Lüneburg. Eines der letzten großen NS-Verfahren beginnt am Dienstag kommender Woche unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in Lüneburg. Aufgrund des starken öffentlichen Interesses tagt die 4. Große Strafkammer am Landgericht in der Ritterakademie. Von Dienstag, 21. April, an muss sich der ehemalige Waffen-SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300000 rechtlich zusammentreffenden Fällen verantworten. Die angeklagten Fälle beziehen sich aus Beweisgründen lediglich auf die Zeit vom 16. Mai bis 11. Juli 1944. Der heute 93 Jahre alte Gröning war damals, wie ihn die New York Times nannte, Buchhalter im Konzentrationslager Auschwitz. Im Prozess treten 62 Nebenkläger auf, Opfer der NS-Zeit oder ihre Angehörigen.

Die Polizei ist auf alles vorbereitet. Insgesamt haben sich 56 Medienvertreter für das Verfahren akkreditieren lassen die New York Times wird ebenso berichten wie ungarische oder russische Medien. Aus Großbritannien entsenden BBC News, The Times, The Guardian und ITV News Prozessbeobachter. Für Übertragungswagen werden im weiteren Umfeld der Ritterakademie extra Parkplätze ausgewiesen. Allein die ARD wird mit drei Fahrzeugen präsent sein.

Rechtsanwalt Thomas Walther aus Kempten vertritt 32 Nebenkläger. Foto: nh
Rechtsanwalt Thomas Walther aus Kempten vertritt 32 Nebenkläger. Foto: nh

Neben den Plätzen für die Journalisten bietet die Ritterakademie Platz für 60 normale Besucher, auch sie müssen sich schärfsten Kontrollen unterziehen. Sie werden nach Waffen und gefährlichen Werkzeugen dazu zählen zum Beispiel auch Feuerzeuge durchsucht, ebenso nach möglichen Wurfgegenständen wie Flaschen, Dosen, Obst, Eier, Haarbürsten oder Farbbeutel. Das gilt auch für Flugblätter, Transparente, Trillerpfeifen, Glocken und „ähnliche zur Verursachung von Lärm geeignete Gegenstände“ sowie für Kugelschreiber und Füllfederhalter. Zuhörer dürfen auch keine Taschen dabei haben. Das Gericht hat das Kopieren der Ausweise der Zuhörer für die schnelle Identifizierung von Störern angeordnet.

Bereits einen Tag vor dem Prozess gibt das Internationale Auschwitz Komitee eine Pressekonferenz in Lüneburg. Mit dabei sind die Rechtsanwälte Thomas Walther und Professor Dr. Cornelius Nestler, die die Nebenkläger vertreten. Erscheinen werden zu diesem Termin auch die Auschwitz-Überlebenden Eva Pusztai-Fahidi aus Budapest und Hedy Bohm aus Toronto sowie Judith Kalmann aus Toronto, Halbschwester der in Auschwitz im Alter von sechs Jahren ermordeten Eva Weinberger.

Eva Pusztai-Fahidi wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Debrecen auf. Pusztai-Fahidi wurde mit ihrer Familie am 29. April 1944 von der ungarischen Gen­damerie zunächst ghettoisiert, am 14. Mai in Viehwaggons nach Auschwitz gebracht. Ihre zehnjährige Schwester und ihre Mutter wurden sofort vergast, ihr Vater starb in der Haft. Eva Pusztai wurde nach sechs Wochen im KZ als Zwangsarbeiterin für die Sprengstoffwerke Allendorf und Herrenwald ins KZ-Außenlager Münchmühle des Konzentrationslagers Buchenwald überstellt. Bei Kriegsende 1945 konnte sie bei einem Todesmarsch fliehen.

Unterdessen kündigt die als Holocaustleugnerin bekannte Ursula Haverbeck-Wetzel, Jahrgang 1928, an: „Wir sind in großer Anzahl“ bei Gericht anwesend. Nach Informationen der Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen hat für den angekündigten Prozess-Besuch am Sonnabend ein Vorbereitungstreffen in Thüringen stattgefunden. Sie geht davon aus, dass auch Neonazis nach Lüneburg kommen werden und ruft ihrerseits zur Unterstützung der Nebenkläger, Zeugen und ihrer Angehörigen auf.