Mittwoch , 21. Oktober 2020
Unfallschwerpunkt Dahlenburger Landstraße, Ecke Pulverweg: Ein Dialog-Display soll Auto- und Radfahrer zur Vorsicht mahnen (linkes Bild). Rechts: Gefährlich wird es für Radler, wie hier Birte Emmermann und Michael Oehl, wenn Autos zu spät halten, etwa erst auf der Radfahrerfurt. Foto: t&w

Neue Leuphana-Studie zeigt, wo es für Radler in Lüneburg gefährlich wird

mm Lüneburg. Immer wieder kommt es an bestimmten Stellen im Stadtgebiet zu Unfällen zwischen Rad- und Autofahrern. Woran liegt das? Dieser Frage gingen Studenten von der Leuphana Universität nach. Sie nahmen Unfallschwerpunkte ins Visier.

In Lüneburg wurden im vergangenen Jahr 276 Fahrradunfälle registriert. Das geht aus der polizeilichen Unfallstatistik für 2014 hervor. Bei den Crashs erlitten 28 Fahrradfahrer schwere Verletzungen. Etwas glimpflicher erwischte es noch 179 Radler, sie wurden leicht verletzt.

Um die Verkehrssicherheit für Radfahrer zu erhöhen, hat ­Diplom-Psychologe Michael Oehl vom Institut für Experimentelle Wirtschaftspsychologie der Leuphana Universität mit Studenten im Seminar „Verkehrs- und Umweltpsychologie“ eine Studie zu Unfallschwerpunkten erstellt. Ein Unfallschwerpunkt liege dort, wo in den letzten drei Jahren mindestens drei gleichartige Unfälle passiert seien, erklärt Verkehrspsychologe Oehl.

Wie an der Dahlenburger Landstraße stadteinwärts, Ecke Pulverweg. Von 2011 bis 2014 habe es dort zwölf gleichartige Unfälle gegeben, sagt Oehl. Der Uni-Studie sind polizeiliche Daten zu Radfahrunfällen hinterlegt. Das Problem am Pulverweg: Viele Autos, die von der Dahlenburger Landstraße kommen und nach rechts abbiegen, stoppen erst auf der Radfahrerfurt. Manchmal zu spät. Beinahe einen Unfall beobachtet hätte Studentin Birte Emmermann. Gerade noch rechtzeitig kam das Auto beim Abbiegen vor dem Radfahrer zum Stehen.

Über zwölf Stunden beobachtete die Gruppe von Birte Emmermann das Verkehrstreiben an dieser Stelle. Dabei stellten die Studenten fest, dass etwa 21 Prozent der gezählten 870 Radfahrer zu schnell unterwegs waren, die meisten, nämlich 80 von 100, schauten sich nicht um. Der Pulverweg sei ein sympto­matisches Beispiel für eine Kette von Unfällen auch an anderen Einmündungen entlang der Dahlenburger Landstraße, erklärt Michael Oehl. Der Unfallschwerpunkt rief auch schon die Stadt auf den Plan. Ein Dialog-Display wurde installiert, um Auto- und Radfahrer zum umsichtigen Abbiegen und Weiterfahren zu bewegen.

Ob diese Maßnahme aber greift, also die Unfallhäufigkeit schon minimiert werden konnte, kann seitens der Stadt noch nicht beurteilt werden: „Das Dialog-Display ist erst seit August in Betrieb. Es braucht etwa ein Jahr, bis Maßnahmen aussagekräftig beurteilt werden können“, erklärt Sarah Cramer von Clausbruch, Mitarbeiterin im Pressereferat der Stadt. Auch von der Polizei heißt es: „Die Unfallzahlen müssen erst noch ausgewertet werden.“

Brenzlig wird es für Radfahrer auch auf der Willy-Brandt-Straße, Ecke Feldstraße. Aus beiden Richtungen rauschen auf einer Seite Fahrradfahrer vorbei, denn es gibt nur einen Radweg. Die Gefahr würde von vielen Autofahrern nicht gesehen, sie wüssten nicht, dass Radfahrer aus beiden Richtungen kommen, sagt Michael Oehl. Seine Studenten beobachteten auch, dass Autofahrer, die von der Feldstraße in die Willy-Brandt-Straße abbiegen, „oft in ihrer Wahrnehmung überlastet sind“. Sie achteten zwar auf den Autoverkehr, aus ihrem Sichtfeld gerieten dabei aber die Radfahrer. Die wiederum überquerten die Feldstraße teilweise mit Tunnelblick, beachteten dann keine Pkw. Auf dem Überweg käme es deshalb oft zu Beinaheunfällen, manchmal zu ernsthaften Kollisionen. Die Unfallbilanz aus drei Jahren (2011 bis 2013): ein schwerverletzter, neun leichtverletzte Radfahrer.

Um die Situation zu entschärfen, schlagen die Studenten vor, eine Ampel aufzustellen. Sinnvoll wären auch größere Schilder, die Autofahrer darauf hinweisen, dass aus beiden Richtungen Radfahrer den Überweg kreuzen. Genau wie größere Markierungen auf der Straße oder Blinkerzeichen. Eine andere Maßnahme hat die Stadt schon ergriffen. Ab der Ampel von der Kreuzung Stresemannstraße/Willy-Brandt-Straße wurde eine Rechtsabbiegerspur eingeführt. Denn ab der Feldstraße verengt sich die Willy-Brandt-Straße auf einen Fahrstreifen. Bis jetzt lieferten sich Autofahrer nicht selten ein „regelrechtes Rennen“, wer zuerst an der Verengung ist. „Durch die frühe Rechtsabbiegerspur und den Bau einer Verkehrsinsel konnte die Rennsituation schon entschärft werden“, sagt Michael Oehl. Doch um Unfälle zwischen Auto- und Radfahrern an dieser Stelle zu vermeiden, müsse noch etwas passieren: „Es gibt zu viel Ablenkung.“

Noch ist aber auch die Verkehrsinsel nicht fest verankert. „Die Fahrbahndecke an der Willy-Brandt-Straße wird gerade nach und nach saniert. In diesem Zuge wird Mitte Mai auch die Verkehrsinsel aufgestellt und das jetzige Provisorium ersetzt“, sagt Sarah Cramer von Clausbruch.

Eine Gefahr für Radfahrer sehen die Studenten indes auch am Bögelkreisverkehr. Wieder wurden in den Jahren 2011 bis 2013 von der Polizei zwölf gleichartige Unfälle gezählt. Einige am Zebrastreifen vor dem Fitnessstudio Gym80. Hier würden manche Autos zu knapp abbremsen, in etwa jeder Zehnte. Die Studenten schlagen deshalb einen größeren Abstand von Kreisverkehr und Fahrradübergang vor. Als sinnvoll wird die bereits aufgestellte Blinkeranlage erachtet, die Autofahrer warnen soll, bevor sie einen Fahrradfahrer zu spät sehen. Denn dann gäbe es wieder einen verletzten Biker mehr.