Freitag , 30. Oktober 2020
Für das gemeinsame Projekt von Stadt, Museum, Geschichtswerkstatt und Job-Sozial setzten sich (v.r.) Michael Elsner, Sibylle Bollgöhn, Ulrich Mädge, Dr. Heike Düselder und Michael Raykowski ein. Foto: be

Ein Ort des Erinnerns und der Mahnung

us Lüneburg. Als einen „besonderen Platz des Erinnerns“ und wichtigen Ort, „an dem das Grauen der Nazi-Zeit erfahrbar gemacht wird“ mit diesen Worten bezeichnete Oberbürgermeister Ulrich Mädge den historischen Güterwaggon, der jetzt offiziell als Mahnmal an die Opfer des Verbrechens vom 11. April 1945 dem Lüneburger Museum übergeben wurde. Im Beisein zahlreicher Gäste, die an den neuen Gedenkort im Wandrahmpark gekommen waren, mahnte Mädge, sich gegen Antisemitismus und Fremdenhass aufzustellen und aus der Geschichte zu lernen.

„Ich bin glücklich, dass wir für diese Erinnerungsarbeit diesen Platz gefunden haben“, sagte Mädge mit Blick auf den herausgehobenen Standort des Waggons. In einem Waggon gleichen Typs sollten im April 1945 Häftlinge vom KZ-Außenlager Wilhelmshaven ins KZ Neuengamme transportiert werden. Auf seiner Fahrt dorthin wurde der Zug am 7. April am Lüneburger Bahnhof von alliierten Bombern angegriffen. Die Überlebenden wurden auf ein Feld nahe des Bahnhofs getrieben, dort am 11. April von ihren Bewachern erschossen und in einem Massengrab unweit der Gleise verscharrt. Erst am 27. September 1945 fand die Umbettung der Leichname statt. Das Ehrenmal im Tiergarten erinnert an diese Opfer.

Die Geschichtswerkstatt Lüneburg nahm sich dieses Themas an, zunächst 1999 in der von ihr veröffentlichten Gedenkschrift über Kriegsverbrechen in Lüneburg, wie Sibylle Bollgöhn von der Geschichtswerkstatt ausführte. „Die Gedenkschrift gab auch den Anstoß, einen Güterwaggon gut sichtbar und zentral als Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft aufzustellen“, sagte Bollgöhn. Im Dezember 2005 erwarb die Einrichtung einen Waggon aus dieser Zeit von der Arbeitsgemeinschaft der Verkehrsfreunde Lüneburg, doch erst 2013 konnte mit der Realisierung des Projekts begonnen werden.

Neben finanzieller Unterstützung aus dem EU-Sozialfonds und Mitteln der Sparkassenstiftung waren es vor allem Projektmitarbeiter von Job-Sozial, die den Waggon in einem eigens dafür gestarteten Projekt restaurierten und das Gleisbett im Wandrahmpark anlegten. 40 Arbeitslose waren zeitweise an dem Projekt beteiligt, knapp die Hälfte von ihnen haben zwischenzeitlich wieder eine Beschäftigung gefunden, wie Michael Elsner, Geschäftsführer von Job-Sozial und Neue Arbeit berichtete. „Sie haben einen ganz besonderen Wert geschaffen und der Stadt geschenkt“, würdigte Elsner die Arbeit des Teams um Projektleiter Michael Raykowski.

Dr. Heike Düselder, Leiterin des Lüneburger Museums, hob die Bedeutung des Waggon-Mahnmals für die Geschichte der Stadt hervor. Dabei gelte es, diese so aufzubereiten und mit dem Objekt zu dokumentieren, „dass es zur Erinnerung, zum Gedenken und zur Mahnung beiträgt“. Der Waggon soll deshalb auch nicht als begehbare Dokumentationsstelle eingerichtet, sondern lediglich mit einer Informationstafel versehen werden. Auch der Standort, parallel und in Nachbarschaft zu den Gleisen des Lüneburger Bahnhofs, sei bewusst gewählt worden.

Auf den Standort des Waggons ging Dr. Düselder auch mit Blick auf seine unmittelbare Nähe zu der Pferde-Plastik ein. „Ich plädiere nicht dafür, Denkmäler verschwinden zu lassen“, sagte die Museumsleiterin. Das wiederum fordert die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen. Sie kritisiert, dass die Bronzestatue, die Lüneburgs NS-Gauleiter Otto Telschow in seinen Besitz gebracht hatte, in den 50er-Jahren im Wandrahmpark ohne kommentierende Hinweise aufgestellt wurde.

Das soll nun geändert werden, wie Dr. Düselder bei der Veranstaltung erklärte. Die Nähe der beiden Erinnerungsorte aber sei aus ihrer Sicht dennoch zu verantworten: „Für das Museum sind es zwei wichtige Objekte zur Dokumentation der NS-Zeit in Lüneburg, die dazu beitragen können, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fördern“. Es gehe dabei nicht um die Verschönerung des Stadtbildes, sondern um die Bewusstmachung von Erinnerung in Verantwortung.

„Gegen das Vergessen“ lautet auch der Titel einer Veranstaltung der Lüneburger Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen. Sie wollen am 11. April um 15 Uhr am Ehrenmal im Tiergarten der Opfer des 11. April 1945 gedenken.