Dienstag , 27. Oktober 2020
Eine Berlinfahrt im Kleinen haben die Zehntklässler des Gymnasiums Bleckede organisiert Protest gegen den nach wie vor bestehenden Klassenfahrtenboykott und dessen Ursachen. Foto: t&w

Bleckeder Gymnasiasten protestieren gegen Klassenfahrtenboykott

pet Bleckede. „So richtig“ nach Berlin dürfen sie nicht. Denn auch ihre Lehrer boykottieren, wie Gymnasiallehrer in ganz Niedersachsen, seit einem Jahr die Klassenfahrten wegen einer von der Landesregierung beschlossenen Arbeitszeitverlängerung und Verschlechterungen bei der Arbeitszeitverkürzung im Alter. Und so dachten sich die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Bleckede aus Protest dagegen etwas ganz Besonderes aus: Von Donnerstagabend bis gestern Mittag organisierten sie sich im Schulgebäude ihre eigene, eben fiktive, Klassenfahrt in die Bundeshauptstadt.

Gymnasium Bleckede Donnerstagabend: Gut 100 Zehntklässler, die eigentlich im Juni auf Fahrt nach Berlin gehen sollten, rücken in ihre Schule ein, viele mit Koffern, Reisetasche und Rucksack, Strohhut und Sonnenbrille. Wie auf einer richtigen Klassenfahrt eben. Die Räume der Schule werden umfunktioniert, mit Schildern zum Olympiastadion erklärt, zum Reichstag, zum Checkpoint Charlie, zum Flughafen Berlin-Brandenburg. Der Schulkiosk wird kurzerhand zum „KaDeWe“ (Kaufhaus des Westens). Im Eingangsbereich steht ein Fernsehturm aus Papier.

Am Abend wird die Schule zum Jugendgästehaus, in dem die Schülerinnen und Schüler die Nacht verbringen. Am Morgen empfangen die Zehntklässler ihre Mitschüler mit Plakaten und Sprechchören. „Berlin only a dream“, heißt es da. Oder „Wir haben uns Berlin verdient“, „Liebe Lehrer, hattet ihr damals Klassenfahrten?“ und voller Hoffnung: „Wir kommen noch!“ Brötchen, Nutella, Marmelade, Tee und Kaffee stehen am Morgen zum gemeinsamen Frühstück bereit wie im Jugendgästehaus eben.

Und die Aktionen gehen weiter: Pia Steinhauer, Klassensprecherin der 10a, hält über die schulinterne Lautsprecheranlage eine Rede. „Klassenfahrten stärken unsere sozialen Kompetenzen, unseren Zusammenhalt, unsere Gemeinschaft“, sagt sie. Und: man habe Verständnis für den Unmut der Lehrer. Eine höhere Stundenarbeitszahl könne auch „nicht ganz unerhebliche Folgen auch auf die Qualität unseres Unterrichts haben.“

Und Pia Steinhauer formuliert die Forderung der Schüler: „Wir fordern die Lehrer und die Landesregierung auf, eine auch für uns akzeptable Lösung des Konfliktes zu finden, sich an einen Tisch zu setzen und mit uns auf Klassenfahrt zu gehen.“ Eines wollen sie auf jeden Fall nicht sein: „Wir Schüler sind kein Druckmittel.“

Was folgt, überrascht auch die Zehntklässler: Klassentüren gehen auf, auch viele Schüler anderer Klassen ziehen mit Plakaten und Sprechchören durch die Flure: „Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Fahrten klaut.“ Dass ihre Aktion nicht nur für sie, die Zehntklässler, gedacht ist, betonen die Klassensprecherinnen Anna-Maria Hameister, Luisa Brusch, Kassandra Porip und Pia Steinhauer, die, wie ihre Stellvertreter, zum Organisationsteam gehören: „Wir machen das auch aus Solidarität mit den jüngeren Jahrgängen.“ Auch die Sechst- und die Achtklässler wären in diesem Jahr mit Klassenfahrten an der Reihe gewesen.

Gerade für sie, die aus ihren Klassenverbänden im kommenden Schuljahr in zahlreiche Kurse aufgesplittert werden und sich dann neu finden müssen, wäre die gemeinsame Fahrt der 10. Klassen wichtig gewesen, erklären die Klassensprecherinnen. Aber auch die jetzt durchgeführte gemeinsame Aktion „hat uns schon zusammengeschweißt“. Nun erhoffen sich die Vier vor allem, dass auch andere Schulen ihrem Unmut über die ausfallenden Klassenfahrten mit anderen kreativen Aktionen Luft machen.

Nicht einmal 24 Stunden, statt fünf Tagen, dauert die „Klassenfahrt“ der kreativen Bleckeder Schülerinnen und Schüler. Als die Schule am frühen Nachmittag aufgeräumt ist, geht es nach Hause.