Mittwoch , 30. September 2020
Ulf Gustafsen ist Sprecher des Arbeitskreises der Schulelternräte der Gymnasien. Foto: be

Kritik der Eltern wird lauter Lüneburger – Arbeitskreis kritisiert rot-grüne Bildungspolitik in Niedersachsen

ahe Lüneburg. Ulf Gustafsen hat vier Kinder, drei lernen am Lüneburger Johanneum, eins an den Berufsbildenden Schulen Am Schwalbenberg. Zwangsläufig ist der Vater deshalb nahezu täglich mit dem Thema Schule konfrontiert. Doch sein Interesse reicht über Gespräche mit seinen Kindern am heimischen Frühstückstisch über die nächste Mathearbeit und die letzte Zensur im Englischtest hinaus. Im Laufe der Jahre hat er konkrete Vorstellungen davon entwickelt, was guten Unterricht ausmacht und wie Schule sein sollte, damit Kinder möglichst gern und viel lernen. Das ist für ihn auch eine Frage des Systems, und das sieht er gefährdet durch die aktuelle Schulpolitik der Landesregierung. Mit diesem Standpunkt ist Ulf Gustafsen nicht allein, im Gegenteil: In den Reihen der Elternvertretungen an den Schulen wird die Kritik an der Kultusministerin und der rot-grünen Landesregierung zunehmend lauter.

Es sind vor allem die Eltern der Gymnasiasten, die sich nicht anfreunden können mit dem, was da aus Hannover nach Lüneburg dringt. Keine Zensuren mehr in den 3. und 4. Klassen, keine Schullaufbahnempfehlung mehr am Ende der Grundschulzeit, Abschaffung des Sitzenbleibens in den Klassen 5 bis 10, die Möglichkeit, dass Gesamtschulen Gymnasien ersetzen können all das schmeckt den Müttern und Vätern nicht, die sich seit Monaten alle vier Wochen in einem Arbeitskreis treffen. Elternvertreter sämtlicher öffentlicher Gymnasien in Stadt und Landkreis Lüneburg sind mit dabei, ebenso Vertreter der beiden Uelzener und des Gymnasiums in Salzhausen, bei der jüngsten Zusammenkunft waren erstmals auch Dannenberger Eltern mit in der Runde. Gustafsen ist einer der Sprecher des Arbeitskreises. Er sagt: „Es gibt derzeit am System Schule viele kleine Veränderungen, die allein für sich vielleicht nicht allzu gravierend erscheinen mögen, die sich zusammen aber massiv gerade auf die Gymnasien auswirken werden.“

Sowohl im neuen Schulgesetz, als auch im Koalitionspapier von SPD und Grünen finden die Mitglieder des Arbeitskreises vieles, was sie bemängeln. Den Wegfall der Noten in der Grundschule und der Schullaufbahnempfehlung sowie das Streichen der Möglichkeit für die Schulen, einen Schüler nach der Klasse 6 abschulen zu können, wenn er beispielsweise am Gymnasium einfach nicht mitkommt, halten sie für leistungshemmend. „Und mit dem Wegfall der Laufbahnempfehlung wird den Eltern auch eine Entscheidungshilfe genommen“, kritisiert Gustafsen. Seine Befürchtung: „Es werden womöglich noch mehr Eltern ihre Kinder an den Gymnasien anmelden, auch jene, die von ihrem Leistungsvermögen besser auf einer Oberschule aufgehoben wären. Dadurch würden an den Gymnasien die leistungsstarken Schüler gebremst, der Spagat für die Lehrer, allen gerecht zu werden, würde noch schwieriger. Und ohne Sitzenbleiben müssten leistungsschwache Schüler bis Klasse 10 durchgeschleppt werden.“

Als größten Kritikpunkt nennt er, dass es das neue Schulgesetz zulasse, dass Gesamtschulen Gymnasien ersetzen können. „Ein Landkreis muss nicht mehr zwingend ein Gymnasium vorhalten, es kann auch eine Gesamtschule sein.“ In Lüneburg scheint diese Gefahr angesichts des nach wie vor großen Andrangs an den Gymnasien momentan nicht jedem einzuleuchten. Gustafsen aber mahnt: „Die Schulträger können über die Frage entscheiden. Und wenn der Kreis oder die Stadt plötzlich auf den Trichter kommt, an einem Schulzentrum richten wir statt Gymnasium neben Oberschule lieber eine Gesamtschule ein, weil das für die Kommune aufgrund der schlankeren Verwaltungsstruktur günstiger ist und Stadt und Kreis ja eh immer knapp bei Kasse sind, dann wäre das fortan mit einem Federstrich möglich.“ Er legt Wert auf die Feststellung: „Gegen Gesamtschulen an sich haben wir überhaupt nichts.“ Doch die erfolgreiche Schulform Gymnasium dürfe durch neue Gesamtschulen nicht gefährdet werden. Und auch bei der Mittelzuweisung durch das Land dürften Gesamtschulen gegenüber Gymnasien nicht bevorzugt behandelt werden.

Gerade erst war Gustafsen mit drei anderen Vertretern des Arbeitskreises in Hannover, um dort mit den Lüneburger Landtagsabgeordneten und dem SPD-Bildungsexperten über ihre Kritikpunkte zu sprechen. Während die Politikerrunde offenbar den Eindruck hatte, es sei ein fruchtbarer Austausch gewesen, teilen die Eltern diese Meinung nicht. Gustafsen: „Wir fühlen uns nicht verstanden. Auf unsere Kritikpunkte sind die gar nicht eingegangen.“ Einzig in der positiven Einschätzung der Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren seien sich beide Seiten einig.

Abfinden mögen sich die Eltern damit nicht. Sie haben Faltblätter und eine eigene Internetseite (www.pro-gymnasien.de) erstellt, darauf fassen sie ihre Standpunkte zusammen. Mit einer Postkartenaktion wollen sie viele andere Eltern ermutigen, an die Kultusministerin zu schreiben und ihr die eigenen Kritikpunkte mitzuteilen. Und sie wollen auch weiterhin intensiv mit Elternvertretungen von Gymnasien im gesamten norddeutschen Raum zusammenarbeiten. „Wir kämpfen nicht mehr in erster Linie für unsere Kinder, die sind womöglich schon aus der Schule, wenn die meisten Veränderungen greifen. Wir kämpfen für künftige Generationen. Es gibt Prognosen, die besagen, dass es mit den Änderungen in 20 Jahren vielleicht noch 20, 30 Gymnasien in ganz Niedersachsen geben könnte.“