Mittwoch , 28. Oktober 2020
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Aufnahmeverfahren für Gymnasien: Rot-grüne Trennlinie durch Oedeme

ahe Lüneburg. Die Eltern hätten sich eine rechtzeitige Beteiligung gewünscht. Die Schule wäre gern angehört und nicht bloß informiert worden. Die Opposition hatte einen ausführlichen Dialog gefordert, um Alternativen diskutieren und abwägen zu können. Doch sie alle wurden enttäuscht: Der Schulausschuss des Kreises folgte jetzt den Empfehlungen der Verwaltung, die schon im Vorfeld für reichlich Kritik gesorgt hatten: Kinder aus Teilen der Stadt Lüneburg und aus Deutsch Evern sollen nach der Grundschule künftig nicht mehr gleichberechtigten Zugang zum Gymnasium Oedeme haben. Schon im Sommer soll die neue Regelung wirksam werden. Nur CDU/RRP und FDP lehnten sie ab, Eltern- und Lehrervertreter enthielten sich. Abgenickt wurde auch der Prüfauftrag für eine dritte Gesamtschule in Adendorf oder Bardowick.

Das Gymnasium Oedeme ist enorm beliebt, seit Jahren wird es so stark angewählt, dass stets acht 5. Klassen gebildet werden könnten, letztlich immer sieben 5. Klassen gebildet wurden. In Zukunft soll die Schule aber nur noch sechs 5. Klassen aufnehmen, für mehr reichen die Räume nicht. Schon jetzt wird in Containern unterrichtet, bald muss durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren ein weiterer Jahrgang untergebracht werden. Anbauen will der Kreis nicht mehr, deshalb müssen noch mehr Schüler abgewiesen werden als bisher.

Eltern, die in den farblich markierten Gebieten (Häcklingen, Teufelsküche, Teile des Mittelfelds und des Bockelsbergs) wohnen, sollten sich darauf einstellen, dass ihre Kinder künftig nicht mehr auf dem Gymnasium Oedeme lernen können. Sie haben das Nachsehen, sobald sechs 5. Klassen voll sind. Grafik: sp/kleinebrahm
Eltern, die in den farblich markierten Gebieten (Häcklingen, Teufelsküche, Teile des Mittelfelds und des Bockelsbergs) wohnen, sollten sich darauf einstellen, dass ihre Kinder künftig nicht mehr auf dem Gymnasium Oedeme lernen können. Sie haben das Nachsehen, sobald sechs 5. Klassen voll sind. Grafik: sp/kleinebrahm

Weil Stadt und Kreis das böse Wort vom Schulbezirk vermeiden wollen, nennen sie es gestaffeltes Aufnahmeverfahren. Es regelt, welche Schüler in Zukunft zuerst Anrecht auf einen Platz am Gymnasium Oedeme haben und welche sich eine Alternative suchen müssen, sobald sechs 5. Klassen voll sind. Entscheidend ist dabei, wo die Kinder wohnen. „Wir würden sonst Scharnebecker Verhältnisse bekommen und über viele Jahre mit Containern arbeiten müssen, das will ich nicht“, begründete Landrat Manfred Nahrstedt. Mit der vorgelegten Regelung, die Kreis- und Stadtverwaltung zusammen erarbeitet haben, hätten die Eltern zudem früher als bisher Gewissheit, ob ihr Kind in Oedeme aufgenommen wird oder nicht. Das neue Schulgesetz lasse es zu, fortan Kinder aus dem Landkreis außerhalb der Stadtgrenzen vorrangig aufzunehmen, schließlich sei der Landkreis Träger des Gymnasiums Oedeme, verteidigte Nahrstedt den Verwaltungsvorschlag, dem zufolge Kinder aus Teilen Oedemes, die unmittelbar in Schulnähe wohnen, künftig kaum noch Chancen haben, vor ihrer Haustür lernen zu können. „Die Stadt gehört auch zum Landkreis“, wandte Evelin Tiedemann (CDU) ein. Und warum nach dieser Argumentation auch Deutsch Everner Kinder künftig benachteiligt wären, leuchtete den Kritikern ebenfalls nicht ein.

Für Nahrstedt ist es Kindern aus der Samtgemeinde Amelinghausen nicht zuzumuten, noch länger mit dem Bus fahren zu müssen. Joachim Seemann, der in Oedeme unterrichtet und dem Ausschuss als Lehrervertreter angehört, wandte ein, dass die Fahrt zur Raabe-Schule bei kluger Planung in etwa gleich lang dauere.

Gisela Plaschka (FDP) überzeugten die Argumente des Landrats nicht: „Wer Träger einer Schule ist, interessiert die Kinder doch überhaupt nicht.“ Sie kritisierte zudem die mangelnde Transparenz: „Es war ein Fehler, dass die Stadt offenbar nicht mit den Oedemern geredet hat. Und es war ein Fehler, dass die Schulleitung nicht mit in die Überlegungen eingebunden wurde.“ Den Vorschlag des Schulleiters Dieter Stephan, Kindern aus Amelinghausen den Besuch des Gymnasiums Salzhausen zumindest zu ermöglichen und dadurch Oedeme etwas zu entlasten, finde sie zum Beispiel „ganz hervorragend“. Nahrstedt aber stellte klar: „Dann müssten wir Schulgeld in den Nachbarkreis überweisen, das investiere ich lieber in unsere eigenen Schulen.“ Hier zählte für ihn das Argument der kürzeren Busfahrt für die Kinder offenbar nicht.

Ulrike Walter (CDU) bezeichnete die Vorlage als „Flickwerk“, ihr fehle die Gesamtbetrachtung der Schülerströme im Kreis. „Hier wird nur an den Ecken geflickt, wo die Probleme am größten sind. Es handelt sich de facto um einen Schulbezirk. Das ist ein gravierender Eingriff und bestätigt unsere Auffassung, dass die Schulentwicklungsplanung längst hätte fortgeschrieben werden müssen. Wo ist die Betrachtung auf städtischem Gebiet? Kinder aus Lüne sollen nicht mehr nach Scharnebeck dürfen, sondern zum Johanneum gehen. Das Hanseviertel wächst wann sitzen wir wieder hier, um die nächsten Schülerströme zu lenken? Es fehlt der Dialog mit allen Beteiligten. Was Sie machen, ist ein Zuwerfen von Informationen. Sonst ist Rot-Grün doch auch für Bürgerbeteiligung, warum hier nicht?“

Antje Aden-Meyer (Grüne) entgegnete: „Den geforderten Dialog haben wir doch im Schulgrundsatzausschuss hinbekommen.“ Zur Erinnerung: Der Ausschuss ist ein nicht-öffentliches Gremium. Martin Peters (SPD) erklärte: „Vorgespräche sind geführt worden, zwar nicht mit allen Beteiligten, die sich das wünschen, aber mit allen notwendigen Partnern.“

Michael Hansen vom Schul­elternrat Deutsch Evern monierte: „Wir sind nicht gehört worden. Das hat mit Bürgerbeteiligung nichts zu tun.“ Ähnlich äußerten sich Mütter von Oedemer Kindern. Neben Elternvertretern betroffener Schulen und dem Ortsrat Oedeme zählt Peters auch die Schulleitung des Gymnasiums Oedeme offenbar nicht zu den notwendigen Partnern. Direktor Dieter Stephan bedauert: „Ich finde es sehr schade, dass wir als Schule nicht an den Überlegungen beteiligt wurden, obwohl wir jahrelange Erfahrung mit dem Aufnahmeverfahren haben. Wir möchten in Oedeme nicht Fremdkörper sein, weil wir nur noch auswärtige Schüler aufnehmen dürfen. Ihre Pläne werden auch nicht funktionieren, die vorgelegte Einteilung bringt keine echte Entlastung.“

Die Empfehlung des Schulausschusses wird nun am 23. März im Kreistag behandelt. Am 16. Februar wird sich der Schulausschuss der Stadt mit der Thematik befassen.

Ausgebootete Ortsbürgermeisterin

Arg enttäuscht von der Entwicklung zeigt sich Christel John, Ortsbürgermeisterin von Oedeme, die auch im Schulausschuss unter den Zuhörern war. „Dass wir was machen müssen, wenn wir die Sechszügigkeit erreichen wollen, ist klar. Aber das kann man doch mit den Bürgern diskutieren, anstatt es ihnen überzustülpen. Ja, ich bin vom Oberbürgermeister auf das Thema angesprochen worden, aber dass die Überlegungen schon abgeschlossen waren, war mir so nicht klar. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir das vorher im Ortsrat diskutieren können. Jetzt wurden wir quasi ausgebootet. Das ärgert mich maßlos.“