Samstag , 19. September 2020
Das Zentralgebäude ist ein Ausdruck für den Wohlstand der Uni besonders im Hinblick auf Intellektualität und die Zukunft, sagt Daniel Libeskind. Als Architekt beschäftige er sich mit der Kritik am von ihm entworfenen Gebäude weniger. Foto: t&w

„Es gibt immer einen kritischen Punkt“ – Interview mit Daniel Libeskind

mm Lüneburg. Für Aufsehen sorgen seine zahlreichen Bauten rund um den Globus. Auch in Lüneburg. Der weltbekannte Architekt Daniel Libeskind aus den Vereinigten Staaten hat das neue Zentralgebäude der Universität entworfen. Zum Richtfest kam der 68-Jährige nun in die Hansestadt, hielt eine flammende Rede bei der großen Feier im Audimax. Schon vorab traf er sich mit der LZ zum Interview im Hotel Bergström. Der 68-Jährige sprach über seine Lehrtätigkeit an der Leuphana und Architektur.

Sie erinnern sich bestimmt noch an das erste Gebäude, das Sie entworfen haben. Welches war das?

Libeskind: „Das war das Jüdische Museum in Berlin. Die Entwürfe dazu habe ich im Jahr 1989 vorgestellt.“

Es folgten zahlreiche weitere Bauten, die Sie berühmt gemacht haben. Was ist für Sie Ihr spektakulärster Bau und wo würden Sie in einer Rangfolge das Lüneburger Zentralgebäude einordnen?

Libeskind: „Jedes Gebäude beziehungsweise jeder Gegenstand wirkt auf seine Art und Weise. Schauen Sie sich beispielsweise diese Kaffeekanne oder die Blume dort an. Allein dadurch, wie das Licht fällt, wirken sie schon einzigartig. Eine Rangfolge der von mir entworfenen Gebäude festzulegen, ist eigentlich nicht möglich. Sicher ist aber: Das Leuphana-Zen­tralgebäude im wunderschönen Lüneburg ist ganz vorne mit dabei.“

Das Zentralgebäude wird geformt durch spitz zulaufende Winkel und verschobene Wände. Am höchsten Punkt werden 37 Meter erreicht. Wie hat die Mission der Universität Ihr Design beeinflusst?

Libeskind: „Die Leuphana bringt die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts mit auf den Weg. Diesen Gedanken soll auch das Gebäude reflektieren. Es bricht mit der Kasernenarchitektur auf dem Campus, etwas Neues, Modernes entsteht. Das Gebäude soll Heimstätte für Tausende Studenten sein.“

Inwiefern sind in den Entwurf Ideen von Studenten, die Sie während ihrer Lehrtätigkeit an der Leuphana betreut haben, mit eingeflossen?

Libeskind: „Die Studenten haben mir durch ihre zahlreichen Inspirationen gezeigt, wie das Gebäude genutzt werden könnte. Ein Wunsch war zum Beispiel die Einrichtung des Raums der Stille. Wir haben zusammen überlegt, wie so ein Raum aussehen könnte. Es soll ein überkonfessionelles Forum sein, wo sich Menschen unterschiedlicher Religionen treffen und eine Gemeinschaft bilden.“

Wie oft und wie lange haben Sie eigentlich an der Leuphana unterrichtet?

Libeskind: „Insgesamt zehn Seminare habe ich an der Universität gehalten. Es wurde viel geforscht, ich habe versucht, den Studenten einen besonderen Zugang zur Architektur zu vermitteln.“

Sind Sie für jedes Seminar extra eingeflogen?

Libeskind: „Natürlich, wie sollte das sonst funktionieren? Ich bin immer sehr gerne gekommen.“

Haben Sie selbst manchmal Sorge, dass Ihre spektakulären Entwürfe der Bauphysik nicht standhalten und es deshalb auch mal zu einem Baustopp kommen könnte?

Libeskind: „Nein, eigentlich ist es möglich, jedes Gebäude zu bauen. Ich habe eine Idee davon, wie ein Gebäude aussehen soll, dann wird es gebaut.“

Wie war das beim Zentralgebäude? Haben Sie sich mit der Kritik, das Gebäude sei vollkommen überdimensioniert und viel zu teuer, auseinandergesetzt?

Libeskind: „Es gibt bei jedem Neubau einen kritischen Punkt. Das Zentralgebäude ist ein sehr nachhaltiges, rationales und praktisches Gebäude. Es ist ein Ausdruck für den Wohlstand der Uni besonders im Hinblick auf Intellektualität und die Zukunft. Jeder in einer Demokratie hat aber auch das Recht zu kritisieren. Ein Architekt beschäftigt sich damit aber weniger, denn letztlich müssen die Bauherren das Projekt steuern.“

Wie oft haben Sie schon die Baustelle besucht?

Libeskind: „Ich war viele Male auf der Baustelle. Es gibt ja Architekten, die kommen nur zur Eröffnung. Bei mir war das anders. Da ich auch an der Universität gelehrt habe, war ich sehr regelmäßig dort.“

Wie beurteilen Sie die Bauentwicklung seit der Grundsteinlegung? Hätte es auch schneller vorangehen können?

Libeskind: „Es war ein sehr stetiger Prozess. Schon einen kleinen Raum zu bauen, ist nicht einfach. Und es ist eine enorme Herausforderung, ein solch großes Projekt wie das Zentralgebäude zu stemmen.“

Ist es richtig, dass Sie ein neues Projekt praktisch vor den Toren Lüneburgs im Hamburger Stadtteil Ottensen planen?

Libeskind: „Davon habe ich noch gar nichts gehört. Aber man weiß ja nie, nichts ist ausgeschlossen.“

Und wann sind Sie das nächste Mal in Lüneburg?

Libeskind: „Im April, dann gebe ich wieder ein Seminar.“