Dienstag , 22. September 2020
Windkraft ja, aber mit Maß. So lautet eine Grundposition vieler Bürgerinitiativen, die größere Mindestabstände von Windrädern zu Wohnsiedlungen einfordern. Die Windräder hier in Südergellersen sind vielen Anwohner schon zu nah. Foto: A/phs

Gefährden Windräder Straßenverkehr?

dth Lüneburg. Der kürzliche, ganztägige Erörterungstermin in der Lüneburger Ritterakademie zur Planung von Vorrangflächen zur Windenergienutzung durch den Landkreis Lüneburg hat noch mehr Fragen aufgeworfen, als zuletzt berichtet. So will der Landkreis laut Lüneburger Kreisrätin Monika Scherf klären lassen, ob ein Windrad-Park an der Landesstraße 221 sich negativ auf die Verkehrssicherheit auswirken könnte. Zudem will der Kreis Behauptungen der Bürgerinitiative Wetzen-Oerzen-Südergellersen (BIWOS) nachgehen, wonach eine alternative Planung sowohl eine größere Flächenauswahl als auch größere Mindestabstände von Windkraftanlagen zu Wohnsiedlungen ermögliche.

Wie berichtet, sieht der Landkreis vor, als eine von kreisweit noch insgesamt acht Vorrangflächen, nordöstlich von Wendhausen ein 93,6 Hektar großes Windkraft-Areal auszuweisen. Das Vorranggebiet ragt dabei mit einem nördlichen Zipfel über die Landesstraße 221 zwischen Sülbeck und Neetze. Reinstorfs Bürgermeister Burkhard Bisanz wies beim Erörterungstermin auf die L221 als Unfallschwerpunkt hin. Im Zuge eines Verkehrsversuches wurde dort für den Straßenverkehr zuletzt eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von durchgehend Tempo 80 angeordnet. Der Kreis solle nun klären, inwiefern sich Windräder dort auf die Verkehrssicherheit auswirkten. Bisanz bezog sich dabei auf ähnliche Erwägungen des Landkreises, die ihn dazu bewogen hätten, eine Teilfläche bei Etzen an der Bundesstraße 209 nicht auszuweisen. Zwar hatte der Landkreis bereits in der schriftlichen Abwägung zu dem Thema geantwortet. Doch nach der erneuten Eingabe beim Eröterungstermin sagte Scherf nun zu, sich noch einmal mit dem Thema „tiefergehend zu beschäftigen“. Im Bereich Wendhausen-Boltersen stehen bereits vier Windräder, davon lediglich eines auf der vorgesehenen Vorrangfläche. Sollten diese realisiert werden, geht die Kommune vom Bau sechs weiterer Windräder aus.

Zudem bohrten beim Erörterungstermin die BIWOS-Vertreter Manfred Illmer und Oliver Zeeck noch beim Aspekt „Vorbehaltsflächen Wald“ nach. Die BIWOS kritisierte in der Vergangenheit, dass einerseits bei Südergellersen bestehender Wald unter dem Vorwand dort Blaubeeren anbauen zu wollen, abgeholzt werden durfte und das Areal somit für Windkraft-Vorrangflächen eingerechnet wurde (LZ berichtete). Und auf der anderen Seite sogenannte „Vorbehaltsflächen Wald“ als tabu gelten, auch wenn sich dort gar kein Wald, sondern nur Acker befindet. Die These der BIWOS ist: Würde tatsächlich vorhandener „echter Wald“ geschützt werden anstatt Vorbehaltsflächen, die tatsächlich Wiesen und Felder sind, könnte der Kreis nicht nur mehr Vorrangflächen zur Verfügung stellen, sondern auch größere Mindestabstände zur Wohnbebauung. Die Rede ist von teilweise bis zu zwei Kilometern. Bisher hat der Kreis maximal 1000 Meter zu Wohngebieten vorgesehen. Würde der Landkreis dem Vorschlag folgen, müsste er seine bisherige jahrelange Planung mit harten und weichen Tabuzonen über den Haufen werfen. So versuchte bereits beim Erörterungstermin Landkreis-Berater Burkhard Kalliefe, ehemaliger Leiter der Stabstelle Regional- und Bauleitplanung, die Behauptungen der BIWOS mit eigenen Zahlen zu widerlegen. Dennoch sagt Kreisrätin Scherf: „Wir werden das intensiv prüfen.“

Die Knackpunkte aus dem Erörterungstermin werden noch einmal im Kreistags-Ausschuss für Erneuerbare Energien behandelt. Die nächste öffentliche Sitzung des Gremiums findet am Montag, 12. Januar, um 15 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses der Samtgemeinde Bardowick (Schulstraße 12) statt. Konkret wird es dabei auch um die Reduzierung der Teilfläche Oerzen gehen.