Dienstag , 20. Oktober 2020
Wenn ein Auftrag für Opel in die Slowakei verlagert wird, reduziert Johnson Controls voraussichtlich in Lüneburg die Zahl der Leiharbeiter. Das sei in der Branche üblich, um flexibel auf die Anforderungen der Autoindustrie zu reagieren, heißt es aus dem Konzern. Foto: ca

Bittere Pille für Belegschaft

ca Lüneburg. Die Botschaft hat eine gute und eine schlechte Seite: Für die Beschäftigten in den beiden Johnson-Controls-Werken an der Ilmenau stehen voraussichtlich kaum Entlassungen an, die Zahl der derzeit 130 Leiharbeiter könnte sich aber im kommenden Jahr deutlich reduzieren. Das hängt damit zusammen, dass der Zulieferer der Automobilindustrie einen Auftrag der Marke Opel von Lüneburg verlagern will. Wie viele Jobs betroffen sind, sei noch unklar, heißt es aus dem Unternehmen. Unter den mehr als tausend Mitarbeitern grassiert, wie berichtet, seit Monaten Unruhe: Eine inzwischen kassierte Fragebogenaktion der Geschäftsleitung sollte zu zehn Prozent Gehaltseinbußen führen, 4,5 Millionen Euro wollte der Konzern so jährlich sparen. Obendrein wurden im Frühjahr Pläne bekannt, nach denen Hunderte Stellen auf der Kippe stehen könnten.

Heute sagt Unternehmenssprecherin Astrid Schafmeister: „Wir haben uns entschieden, den Nachfolgeauftrag der Türverkleidung für den Opel Astra an das Werk Namestovo in der Slowakei zu vergeben. Serienstart für das Nachfolgemodell ist Mitte 2015. Grund für diese Entscheidung ist die zukünftig zu erwartende Rentabilität auf den Lebenszyklus von rund sechs Jahren des Fahrzeugmodells gerechnet. Die Wirtschaftlichkeit des Nachfolgeauftrags stellt sich in Namestovo deutlich besser als in Lüneburg dar.“ Kurz: Im Osten kann günstiger produziert werden.

Das sehen Kollegen in Lüneburg anders. Einer, der einen Einblick hat, namentlich aber nicht genannt werden will, sagt, dass in dem Schwesterwerk nicht in gleicher Qualität wie in der Heide produziert werde. Zudem glaubt der Mann, dass es nicht klappen wird, eine spezielle Spritzgussmaschine aus Lüneburg in die Slowakei zu schaffen. Die werde hier schlichtweg gebraucht.

Auch mache man sich Sorgen, sagt der Beschäftigte, welche Folgen eine neue Entwicklung haben könnte: Johnson Controls (JC) möchte mit der Yanfeng-Gruppe fusionieren, JC hielte 30, die Chinesen 70 Prozent am Gemeinschaftskonzern. Im Fusionstopf würden auch die beiden Standorte an der Lüner Rennbahn und in der Goseburg liegen. Die Arbeitnehmer fragen sich, ob Veränderungen auf sie zukommen.

Astrid Schafmeister sagt: „Ob und inwieweit das geplante Joint Venture mit Yanfeng Auswirkungen auf das Lüneburger Werk haben wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die geplante Transaktion unterliegt noch der Genehmigung der Kartellämter, wir erwarten den endgültigen Abschluss erst für die erste Hälfte 2015.“

Zum Hintergrund: JC und Yanfeng sind beide in der Zulieferindustrie tätig, produzieren etwa Sitze, Innenverkleidungen und Dachhimmel. JC betreibt seit Jahren auch mehrere Werke in China. Seit 15 Jahren arbeiten die beiden Konzerne bereits zusammen, betreiben in Shanghai ein gemeinsames Entwicklungszentrum. Kommt es zur Fusion, soll dort auch der Sitz des Joint Ventures liegen. Nach Unternehmensangaben würde durch den Zusammenschluss „der weltweit größte Zulieferer für Komponenten und Systeme im Bereich automobile Innenausstattung“ entstehen.

Die Lage der Automobilbranche ist bekanntlich nicht einfach. Der Markt im Süden Europas schwächelt aufgrund der Wirtschaftskrise. Dazu haben mehrere Autokonzerne angekündigt, Investitionen herunterfahren zu wollen, um sich für die Zukunft sicherer aufzustellen. Die JC-Firmensprecherin sagt, das Management kämpfe darum, Folgeaufträge etwa von BMW und VW zu sichern und neue hereinzuholen, auch um die aktuell 1104 Arbeitsplätze inklusive der Leiharbeiter in Lüneburg zu halten. Einfach sei das aber nicht: „Angesichts des aktuellen Marktumfelds und einer Intensivierung des Wettbewerbs steht bei all unseren Projekten und bei allen internen Auftragsvergaben an unsere Standorte stets die Gesamtwirtschaftlichkeit unserer Projekte im Vordergrund.“ Heißt: Ist es hier zu teuer, dann gehen Aufträge an andere Standorte im internationalen JC-Reich.