Dienstag , 29. September 2020
Der Wolf ist nach Niedersachsen zurückgekehrt und fühlt sich auch in der Heide wieder wohl. Weidetierhalter und Einwohner betroffener Landstriche machen sich zunehmend Sorgen. Foto: nh/Eike Mross

Schafhalter im Stich gelassen?

ol Bardowick. Geteilter Meinung sind viele Menschen in Niedersachsen beim Thema Wolf. Dass Isegrimms Rückkehr gemischte Gefühle ausgelöst wurde jetzt wieder deutlich bei einer Informationsveranstaltung im Gasthaus „Zum Anker“ in Bardowick, zu der das Ostpreußische Landesmuseum und die Jägerschaft Lüneburg eingeladen hatten.

Wolfsexperten stellten sich den Fragen der rund 150 Zuhörer. Kurator Dr. Christoph Hinkelmann vom Ostpreußischen Landesmuseum begrüßte auf dem Podium Torsten Broder (Jägerschaft), Dr. Britta Habbe (Landesjägerschaft), Peter Pabel (Hochwildring Göhrde), Christian Voigt (Hegering Amelinghausen), Werner Oldenburg (Bauernverband) und Michael Urbansky (Hochwildring Gartow-Lüchow).

Durch die Rückkehr des streng geschützten Wolfes in die Lüneburger Heide ist auch der Landkreis Lüneburg im Bereich Amelinghausen zum Wolfsgebiet geworden. Während Politiker, Naturschutzverbände und Stadtbewohner sich über die Rückkehr des Wolfes freuen, hält sich die Begeisterung der Bewohner um Amelinghausen und bei Weidetierhaltern, besonders bei den Schafhaltern, in Grenzen. Verärgert sind viele Weidetierhalter, weil sie auf eigene Kosten ihr Vieh mit aufwändigen und teuren Zäunen vor dem Wolf schützen müssen. Bei Schäden wird eine Entschädigung durch das Land nur dann gezahlt, wenn der Wolf mit einem DNA-Test als Verursacher nachgewiesen werden kann. Rechtsansprüche auf eine Entschädigung gibt es nicht. Die Folge: Einige Schafhalter haben bereits das Handtuch geworfen.

Viele Besucher fragten, wie viele Wölfe sollen es werden? „Über Anzahl und Wolfsgebiete wird zwar kontrovers diskutiert, konkrete Vorstellungen gibt es zurzeit nicht. Um die Wolfspopulation zu erhalten, sind etwa 1000 Individuen erforderlich, die aber nicht nur in Deutschland leben müssen“, erklärte die Wildbiologin Dr. Britta Habbe.

Obwohl Wölfe nach dem Bundesnaturschutz streng geschützt sind, begleitet und koordiniert der Bund die Ausbreitung der Wölfe nicht. In Niedersachsen ist die Landesjägerschaft mit dem Monitoring unter der Leitung von Dr. Britta Habbe beauftragt.

Die Ausführungen des Leiters des Hegeringes Amelinghausen, Christian Voigt, dokumentierten, dass nicht nur eine Verunsicherung der Menschen spürbar ist, auch die Wildbestände werden merklich reduziert. Bilder und Videoaufzeichnungen von zahlreichen Rissen, auch von starken Hirschen machten das deutlich: „Das Wild ändert sein Verhalten und weicht in andere Gebiete aus. Die Jagdausübung wird schwieriger und zeitaufwändiger. Derzeit haben die Wölfe ein großes Angebot an Beutetieren. Vorzugsweise und mit großer Intensität werden Frischlinge gerissen.“ Ehemals führende Bachen mit sechs bis acht Frischlingen seien oft nur noch ohne Nachwuchs anzutreffen.“

Sowohl Peter Pabel als auch Michael Urbanski sind zwar der Meinung, dass der Wolf wieder eine wichtige Aufgabe in der Natur haben und den Jägern einen Teil ihrer Beute abnehmen wird, Sorgen machen sich die beiden aber um das Muffelwild in der Göhrde. Der Fluchtinstinkt der Tiere ist nicht geeignet, um dem Wolf zu entkommen, die Gefahr groß, dass der Bestand ausgelöscht wird. „Wir bemühen uns um ein Rettungsprogramm für das älteste Muffelwildvorkommen“, so Pabel.“

Ein weiteres Thema war, was zu tun ist, wenn ein Autofahrer einen Wolf anfährt? „Der Autofahrer muss die Polizei anrufen, die dann das Kreisveterinäramt verständigt. Nur der Kreisveterinär darf entscheiden, wie dem Tier geholfen wird“, erklärte Habbe. Die Veranstaltung hat wieder gezeigt, dass noch Informationsbedarf besteht.

Daher informiert der Landkreis mit einem Flyer „Wolfsbegegnung was nun?“ Wolfssichtungen und Risse sind auch weiterhin einem Wolfsberater zu melden.