Montag , 26. Oktober 2020
Dieter Stephan kann aufatmen. Der Schulleiter des Gymnasiums Oedeme hat eine Aufgabe abgelegt.

Mehr Zeit fürs Gymnasium

us Lüneburg. Statt der geplanten drei Jahre ist es jetzt doch nur eins geworden. Fast genau ein Jahr nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Niedersächsischen Direktorenvereinigung gibt Dieter Stephan das Amt vorzeitig auf. „Die Belastungen durch diese zusätzliche Aufgabe sind zu groß geworden“, erklärt der Leiter des Gymnasiums Oedeme. Im März 2013 hatte er den Vorsitz des Vereins übernommen, der sich im Januar 2013 aus dem Niedersächsischen Philologenverband als selbstständige Einrichtung herausgelöst hatte und seitdem die Interessen der Leiterinnen und Leiter von allgemein bildenden Gymnasien in Niedersachsen vertritt. Rund 200 Leiter der insgesamt 270 niedersächsischen Gymnasien sind in dem Verband vertreten.

Das Amt habe er mit großem Engagement und Leidenschaft ausgeübt, und er hätte auch kein Problem damit, für eine Zeitlang in die Schulpolitik zu gehen, „aber zwei Jobs auf einmal geht einfach nicht.“ Als dann noch zusätzliche Belastungen in der Schulleitung durch krankheitsbedingten Ausfall von Kollegen hinzu kamen, stand für ihn die Entscheidung fest.

Die Schulpolitik liegt Dieter Stephan am Herzen. Lange Zeit hat er sich für die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre, in der Kurzform G8 genannt, eingesetzt. Doch schon drei Jahre nach dessen Einführung stellte er fest, dass dieser Schritt in die falsche Richtung laufe. „G8 hätte auf Dauer nur durch Einebnung der Leistungsanforderungen funktioniert“, ist Stephan überzeugt, denn wenn wie heute 40 bis 45 Prozent eines Bildungsjahrgangs die Gymnasien besuchen „zu meiner Zeit waren es 12 Prozent“ , könnten so viele Schüler in so kurzer Zeit „nur durch deutliche Absenkungen der Niveauanforderungen“ zum Abitur gebracht werden.

Doch selbst mit der jetzt von der Niedersächsischen Landesregierung beschlossenen Rückkehr zu G9 ab 1. August 2015 sind für Stephan „die Gefahren“ für die niedersächsischen Gymnasien nicht aus der Welt. Er befürchtet, dass Niedersachsen dem Vorbild Nordrhein-Westfalens folgen könnte, das den Weg zu einem „Abi light“ einschlage, bei dem die Leistungsanforderungen bereits deutlich gesenkt seien. „Was wir aber brauchen, sind anspruchsorientierte Gymnasien mit echter Reifeleistung der Schüler“, sagt Stephan, denn „Noten spiegeln nicht immer die Qualität der Leistung der Schüler wider.“ Der Großteil seiner Schulleiterkollegen etwa 90 Prozent würden dies übrigens ebenso sehen wie er.

Als gefährlich betrachtet er auch Entwicklungen wie in Hamburg. Nicht nur das Sitzenbleiben sei an den Gymnasien der Elbe-Metropole abgeschafft worden dort gibt es jetzt eine „automatische Aufrückung“ , auch ein Abschulungsverbot habe man eingeführt. Beides zusammen bezeichnet Stephan als ein „Verbrechen an den Kindern“, weil dadurch Schüler, die mit dem Stoff dauerhaft nicht mithalten könnten, zu Außenseitern würden. „Und: man nimmt ihnen die Erfolgserlebnisse, die sie für ihre Entwicklung dringend brauchen.“

Da aber auch er kein Befürworter eines Gymnasiums alten Stils sei, „bei dem alle, die nicht den Sprung über die Messlatte schaffen, außen vor bleiben“, plädiert er für eine „systemische Variante“ von G8. Konkret: Leistungsstarke Schüler werden in nur einem Jahr den Stoff der 10. und 11. Klasse absolvieren und danach wieder mit den Schülern der 12. Klasse zusammengeführt. Dabei erhalten sie zusätzliche fachliche Unterstützung, die Klassenzahl soll zudem auf höchstens 20 Schüler begrenzt sein.

An der Umsetzung dieses Ziels wird Dieter Stephan künftig nicht mehr an vorderster Front mitwirken. Auch an den weiteren „Abwehrkämpfen“, wie er es nennt, wird er nur noch im Hintergrund beteiligt sein. Neben der Vermeidung des Versetzungsgebots und des Abschulungsverbots ist dies auch die „Reduktion der Inklusion auf ein rationales Maß“, wie er es in schulpolitischem Deutsch ausdrückt. Eine „zieldifferente Beschulung“, also ein nicht für alle Schüler gleichermaßen gültiges Schulziel, „würde die Gymnasien auf Dauer kaputt machen.“ Seinen Rücktritt gibt Dieter Stephan offiziell bei der Jahreshauptversammlung der Direktorenvereinigung heute in Bad Zwischenahn bekannt. Nachfolger wird der bisherige Pressesprecher des Verbandes Dr. Wolfgang Schimpf.