Freitag , 23. Oktober 2020
Mehrfach sind Schüler in Lüneburg - wie hier 2008 - auf die Straße gegangen, um gegen G8 zu protestieren und für G9 zu kämpfen. Damals vergeblich. Nun könnte es die Rolle rückwärts geben. Foto: A/be

G8, G9 oder ein Mix aus beidem?

Von A. Hempelmann
Lüneburg. Es brodelt im System Schule, vor allem an den Gymnasien in Niedersachsen. Der Ärger der Lehrer über die ihnen aufgebrummte Mehrarbeit ist noch nicht verraucht, da kündigt sich die nächste Protestwelle für Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) an. Denn die Zahl derer, die die Einführung des Turbo-Abiturs, also die Verkürzung der Gymnasialschulzeit von G9 auf G8, mittlerweile für einen schweren Fehler hält, scheint zu wachsen. Vor allem die Eltern, die täglich erleben müssen, wie viel Zeit ihre Kinder in der Schule verbringen, wie intensiv sie auch danach noch lernen müssen, um auf dem Weg zum Abi mitzuhalten, und wie wenig Freizeit ihnen für Sport, Kunst oder Musik bleibt, erheben vermehrt und lauter als vorher ihre Stimme. Die Schulelternräte der sechs Lüneburger Gymnasien fordern eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren.

Schon bevor die damalige CDU/FDP-Landesregierung das Turbo-Abitur in Niedersachsen eingeführt hatte, waren vor allem die Schüler, aber auch Eltern auf die Straße gegangen, in Lüneburg sogar mehrfach – vergebens. Nun, nach inzwischen drei Jahrgängen mit Abiturienten, die ihre Reifeprüfung nach dem neuen Modell abgelegt haben, reift bei immer mehr Eltern die Erkenntnis: So kann es nicht weitergehen.

Die hohe Unzufriedenheit ist auch im Kultusministerium angekommen. Im Sommer hatte Frauke Heiligenstadt bekanntlich ein Dialogforum initiiert, zu dem sie Vertreter von 15 Organisationen, Verbänden und Institutionen aus dem Bildungsbereich eingeladen hatte, um darüber zu diskutieren, in welchem Tempo an den Gymnasien künftig gelernt werden soll. Daraus hervorgegangen war eine 15-köpfige Expertengruppe, die den rechtlichen Rahmen und finanzielle Auswirkungen von mehreren Varianten prüfen soll: zurück zu G9, also dem Abitur nach 13 Schuljahren, ein paralleles System mit Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 sowie G8 mit zusammengekürzten Lehrplänen und weniger Arbeiten, um Schüler und Lehrer zu entlasten. Der Landtagsabgeordnete Heiner Scholing (Grüne), Mitglied des Kultusausschusses, meint: „Fest steht, dass es regional einheitliche Lösungen geben wird.“ Ein Turbo-Abi an einem Lüneburger Gymnasium und G9 an einem anderen, das hält er für ausgeschlossen. Dagegen hatten sich bereits die Schulleiter und Eltern ausgesprochen. Offenbar ist auch noch eine Variante im Gespräch, bei der Gymnasiasten bis Klasse 9 gemeinsam lernen und dann entscheiden können sollen, ob sie den restlichen Weg zum Abitur in drei oder vier Jahren angehen wollen.

Die Expertenkommission will ihr Ergebnis im Frühjahr präsentieren, dann müsste die Politik entscheiden. Während es inzwischen einen breiten Konsens darüber gibt, dass die Verkürzung der Gymnasialschulzeit „ein Riesenfehler“ war, besteht noch Uneinigkeit über die Form der Veränderung und das Tempo der Umsetzung.
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Pädagogische Einschätzung vom Professor für Schulpädagogik Prof. Dr. Matthias von Saldern

Positionspapier der Eltern