Donnerstag , 24. September 2020
Kinderarztpraxen in Lüneburg sind vielfach überlastet – zu einer Ablehnung von Patienten soll es deswegen allerdings nicht kommen. Foto: Adobe Stock

Engpässe bei Kinderärzten?

Lüneburg. Sechs Monate ist es her, dass Nadja W. mit ihrem Mann und ihrer eineinhalbjährigen Tochter nach Lüneburg zog. Was ihr Sorgen bereitet: Sie bekommt keinen Termin bei einem Kinderarzt. In den vergangenen Monaten habe sie in acht, neun Praxen angerufen, schildert sie. Überall habe es geheißen, der Arzt habe keine Kapazitäten mehr, um neue Patienten aufzunehmen.

Mitte Juli habe ihre Tochter dann ihre erste Erkältung gehabt, die Nase lief, die Kleine hatte 39 Grad Fieber. Von einer Bekannten hatte sie erfahren, dass man zu einer bestimmten Kinderarzt-Praxis hingehen könne und dort auf jeden Fall angenommen werde. Deshalb steuerte Nadja W. diese mit ihrer Tochter an. Aufgrund der Symptome der Kleinen wurde die Mutter mit ihrer Tochter erst einmal nach draußen geschickt. „Dann hieß es, eine Behandlung sei zeitlich nicht möglich und ab Freitag, drei Tage später, sei die Praxis im Urlaub.“

Erhöhte Nachfrage nach Terminen

Einen Moment habe sie überlegt, in ihre Heimatstadt – fünf Stunden entfernt – zu fahren, um dort den Kinderarzt aufzusuchen, erzählt die Frau. Doch dann fuhr sie ins Krankenhaus, „eine Ärztin hat meine Tochter untersucht und ein Medikament verschrieben“. Am nächsten Tag wollte sie noch einmal die Ohren des Kindes kontrollieren lassen, dazu suchte sie den Hausarzt auf.

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) stellt mit den Landesverbänden der Krankenkassen und Ersatzkassen einen Bedarfsplan auf, wie viele Ärzte in einem bestimmten räumlichen Bereich tätig sein sollen. Oliver Christoffers, Geschäftsführer der Bezirksstelle Lüneburg, sagt: „Durch den Zulassungsausschuss wurden 2018 weitere kinderärztliche Zulassungen für Lüneburg ausgesprochen, sodass es derzeit zehn Praxen sind, wobei in einigen auch mehrere Ärzte tätig sind. Dadurch schien sich die Situation stabilisiert zu haben.“

Servicestelle kann nicht immer weiterhelfen

Doch aufgrund der Corona-Pandemie sei mancher Praxisbesuch aufgeschoben worden. Mit Verzögerung kommen diese nun in die Praxen, gleichzeitig sei Urlaubszeit. Das könne dazu führen, dass Eltern für ihre Kinder keinen Termin bekommen.

In so einem Fall sollten sich Betroffene an die Terminservicestelle wenden, die rund um die Uhr unter 116117 zu erreichen ist. Allerdings kann es wegen der aktuell erhöhten Nachfrage nach Terminen bei der telefonischen Vermittlung der Terminservicestelle zu längeren Wartezeiten kommen. Und wer einen Termin bei einem Kinderarzt sucht, muss sich bis Ende August gedulden, räumt Christoffers ein. Er macht aber auch deutlich, dass es nicht zwingend ein Kinderarzt sein muss, da auch ein Hausarzt Kinder untersucht und medizinisch versorgt.

Dr. Nils Onken ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Obmann des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendliche (BVKJ). Zur Frage, ob tatsächlich die meisten oder gar alle Kinderarztpraxen keine neuen Patieten mehr aufnehmen, sagt er: „Aus dem Kollegenkreis der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte habe ich diese Rückmeldung aktuell so nicht erhalten. Es werden täglich neue Patienten aufgenommen – je nach Kapazität der einzelnen Praxen. Dass es hier zu Abweichungen zwischen den Praxen kommen kann, ist nicht auszuschließen. Wir Kinder- und Jugendärzte der Stadt Lüneburg haben eine Regelung untereinander, dass alle Neugeborenen, die bislang noch keinen Kinderarzt in unserer Region haben, auf jeden Fall bei einer der Praxen aufgenommen werden. Das haben wir untereinander abgesprochen und ist zugesichert. Die Verteilung läuft nach Geburtsdatum der Kinder, sodass bei fehlenden Kapazitäten in einer Praxis direkt – nach Geburtsdatum – auf die zuständige Praxis verwiesen werden kann. Neue Familien in Lüneburg haben wir darum gebeten, uns die bisherigen Unterlagen einzureichen, und wir prüfen, wie zeitnah wir ein Terminangebot unterbreiten können.“

Kranke Kinder werden grundsätzlich nicht abgelehnt

Durch die strikten Verfahrensanweisungen der Behörden und Politik im Rahmen der Pandemie seien in den Kinder- und Jugendarztpraxen alle zeitlich vertretbaren Vorsorgen von Mitte März bis Mai/Juni verschoben worden. „Das betrifft in unserer Praxis zum Teil 20 Vorsorgen pro Tag. Diese Vorsorgen müssen nachgeholt werden und füllen in der aktuellen Zeit die Terminkalender.

Rechnet man mit 30 bis 60 Minuten pro Vorsorge, kommt man so bereits auf eine zeitliche Mehrbelastung von zehn Stunden pro Tag und Praxis. Die regulären Vorsorgen müssen parallel auch durchgeführt werden. Dieses muss in den aktuellen Monaten zu vollen Sprechstunden führen.“ Onken betont, „dass kranke Kinder grundsätzlich nicht von uns abgelehnt werden würden. Das habe ich selbst noch nie erlebt und würde das auch nicht bei meinen Kollegen annehmen“.

Viele Gründe für volle Wartezimmer

Gründe dafür, dass die Praxen überlastet sind, seien vielfältig. So sei unter anderem in den vergangenen Jahren die Anzahl empfohlener Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen gestiegen, zudem kämen deutlich mehr Eltern mit ihren Kinder bereits bei banalen Infekten zum Arzt, da die berufstätigen Eltern die Bescheinigung für den Arbeitgeber benötigen. Auch würden Schulen, Kitas und Vereine immer häufiger verlangen, dass alle möglichen Zustände attestiert werden.

Bleibt die Frage, ob mehr Zulassungen die Lösung wären. Onken glaubt nicht, dass mehr Ärzte den Mangel auf Dauer beheben. Die neuen Zulassungssitze aus 2018 hätten dazu ja auch nicht geführt.

Von Antje Schäfer