Sonntag , 25. Oktober 2020
Auf Tuchfühlung mit den kleinen Krabbeltieren ging Sophia, die sich am Formicarium vieles zu den Ameisen von Jörg Beck erklären ließ. Foto: as

Fantastische Welt der kleinen Giganten

Ehrhorn. Manche sind nur Millimeter klein, andere bringen es auf 1,5 Zentimeter. Die meisten Menschen nehmen sie nur wahr, weil sie geschäftig an Wegen, unter Terrassen, im Garten oder an Hausmauern buddeln und dabei winzige Sandhügelchen bauen. So mancher Mensch trachtet ihnen deshalb nach dem Leben – denn er weiß nicht, wie besonders und wichtig die kleinen Giganten sind. Bei einem Ausflug ins Ameisen-Erlebnis-Zentrum in Ehrhorn kann man viel über diese Insekten erfahren.

Jörg Beck, der viele Jahre als Diplom-Kaufmann gearbeitet hat, hat das spannendste Hobby der Welt – wie er sagt. Für die Ameisen macht er jetzt erfolgreich Werbung. Damit jeder auch gleich erkennt, welcher Aufgabe er sich verschrieben hat, hat er ein Cappy auf mit der Aufschrift „Heide-Ameise Jörg“ auf und trägt ein Hemd im Ameisen-Print.

Weltweit 14.500 Arten bekannt

2007 hat Beck mit seiner Frau Helma den Förderverein Deutsches Ameisen-Zentrum gegründet, der Erlebnispädagogik rund um das Thema anbietet. Die unglaubliche Welt der kleinen Krabblerinnen wird Besuchern auf dem Areal des Walderlebnisses Ehrhorn im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide, nahe Niederhaverbeck nahe gebracht.

Was ihn an der Ameise so fasziniere sei, dass sie sich über Millionen von Jahren auf der Erde erfolgreich durchgesetzt haben. Rund 14.500 Ameisenarten gebe es weltweit, 118 in Deutschland, darunter 14 hügelbauende Waldameisen. „Das sind besonders geschützte Tiere, die – wenn notwendig – notumgesiedelt werden müssen“, sagt Beck, der einen Ameisehegeschein hat, der ihn dazu befähigt Ameisennester umzusiedeln.

Beeindruckend sei unter anderem, dass die sechsbeinigen Wesen ihr Leben in einem Staat – sprich Ameisenhügel – perfekt organisiert haben. „Da gibt es sozusagen Innendienstberufe wie die Königinnenbetreuerin, Brutpflegerin, die Baumeisterin und die Reinigungskraft. Zum Außendienst gehört die Sammlerin, die Jägerin, die Blattlausmelkerin und die Wächterin. Und dann gibt es – wie bei Menschen – auch die Müßiggängerin“, sagt Beck mit einem Augenzwinkern.

Staunen vor dem Formicarium

Auf dem Gelände des Walderlebnisses Ehrhorn wird das Leben der Ameise, ihre Bedeutung für die Umwelt den Besuchern durch ein Formicarium bildhaft gemacht. Das ist ein spezielles Terrarium, welches den Lebensraum einer Ameisenart nachbildet – in diesem Fall der Roten Waldameise. Es zeigt einen Ameisenhügel, in dem die Königin mit ihren Arbeiterinnen lebt.

„Einmal als Jungkönigin begattet, hat sie ihr Leben lang – bis zu 26 Jahre – einen Samenvorrat und kann so lange Eier legen“, berichtet Beck neben dem Formicarium stehend. In vier weiteren verbundenen Kästen sind Landschaftsformen enthalten, die dafür stehen, wie Ameisen sich mit Nahrung und Feuchtigkeit versorgen beziehungsweise ihre Toten entsorgen.

Fasziniert schaut die elfjährige Sophia, die zurzeit auf Entdeckungstour mit ihrer Großmutter im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide ist, Beck beim Füttern der Ameisen zu. Melone, Ei, Zuckerstückchen und Bienenbrot stehen auf dem Speisezettel. Übers Jahr sei er auch mit der Rollenden Ameisenschule unterwegs, erzählt er dabei.

Mit der rollenden Ameisenschule unterwegs

„Was ist denn das?“, fragt Sophia. Antwort: „Da fahre ich in den Wald und bringe den Ameisen Lesen und Rechnen bei“, flachst Heide-Ameise Jörg und erläutert dann: Mit der Rollenden Ameisenschule fährt er zu Kitas und Schulen, um Kinder in die spannende Welt der Ameisen zu entführen. Auch mit dem Hintergedanken, dass sie dann ihre Eltern und Großeltern bitten, mit ihnen nach Ehrhorn zu fahren.

Denn das mächtige, alte Heidebauernhaus auf dem Walderlebnis Ehrhorn bietet Platz für vielfältige Ausstellungen. Da geht es neben Tieren des heimischen Waldes sowie dem Borkenkäfer, der in vergangenen Jahren massiv den Fichtenwäldern zugesetzt hat, in Schautafeln, Spiel- und Informationskästen, einem Nestquerschnitt sowie einer Briefmarken- und Poststempelsammlung um das fantastische Leben der Ameise.

Auf Safari in die umliegenden Wälder

„Aufgrund der Beschränkungen der Corona-Pandemie dürfen derzeit jedoch immer nur vier Personen gleichzeitig die Ausstellungsräume besuchen.“ In denen hat Beck in Vor-Corona-Zeiten auch Vorträge zu seinem Spezialgebiet gehalten. Mit ihm können Gruppen, Schulklassen, Kindergärten und Vereine auch auf Ameisen-Safari in die umliegenden Wälder gehen, dazu ist eine Anmeldung nötig.

Auf dem Areal des Walderlebnisses Ehrhorn laden außerdem ein „Holzweg“, ein „Bienenzaun“ mit Schaukasten, der Einblicke in eine Wabe gibt, und ganz neu ein „Vogelpfad“ ein. Den haben Leonie Treichel und Greta Bode, die dort ein Freiwilliges ökologisches Jahr machen gerade eingerichtet.

Von Antje Schäfer